Ve­te­ra­nen des Wi­der­stands

Pro­test Seit zehn Jah­ren wird mon­tags ge­gen Stutt­gart 21 de­mons­triert. Ein Groß­teil der Teil­neh­mer sind seit den An­fän­gen da­bei. Die Fri­days-for-Fu­ture-Ge­ne­ra­ti­on macht sich rar.

Haller Tagblatt - - STUTTGART UND UMGEBUNG - Von Da­ni­el Grupp

Der Um­bau scha­det der Stadt mehr, als er bringt. 69-jäh­ri­ger Stutt­gar­ter De­mons­trant ge­gen S21

Weil es ein Murks ist. Das wird ein Eng­pass“, ist die Stutt­gar­te­rin über­zeugt. Seit rund zehn Jah­ren pro­tes­tiert die 57-Jäh­ri­ge mon­tags ge­gen Stutt­gart 21. Sie lobt die Qua­li­tät der In­for­ma­tio­nen bei den Kund­ge­bun­gen, wo häu­fig Ju­ris­ten, Geo­lo­gen, In­ge­nieu­re und an­de­re Ex­per­ten re­den: „Das ist ein Stück weit Volks­hoch­schu­le.“Sie hat sich bei der De­mons­tra­ti­on mit ei­nem Stutt­gar­ter Ehe­paar ge­tro‰en, das eben­falls seit zehn Jah­ren ge­gen den Tief­bahn­hof kämpft.

Mehr als 80 Pro­zent der Tun­nel­röh­ren sind ge­gra­ben, im Stutt­gar­ter Zen­trum wächst der Tief­bahn­hof aus der Gru­be, ers­te Kelch­stüt­zen ste­hen, den­noch wür­den die De­mons­tran­ten das Pro­jekt so­fort stop­pen. „Ja klar, sonst wä­ren wir nicht hier“, sagt der 57-jäh­ri­ge Stutt­gar­ter. Er ver­weist auf den Um­stiegs­plan K21. Der ha­be Hand und Fuß.

„Die Be­we­gung ist nicht nur de­struk­tiv“, ver­weist ein 51-Jäh­ri­ger auf Al­ter­na­ti­ven. Der Mann aus Lein­fel­den-Ech­ter­din­gen ist seit den An­fän­gen re­gel­mä­ßig da­bei: „So wie es geht.“Sei­ne Ehe­frau mach­te ein paar Jah­re Pro­test­pau­se, weil sie ein Kind be­kom­men hat, er­zählt die 45-Jäh­ri­ge. Bei der De­mo am Mon­tag, die an die An­fän­ge vor zehn Jah­ren er­in­ner­te, ist die klei­ne Toch­ter da­bei. Das Kin­der­gar­ten­kind dürf­te ei­nes der jüngs­ten Teil­neh­mer sein. Vor dem Bahn­hof über­wiegt

die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on. Pro­tes­tie­rer ge­gen S21 sind eher im Ren­ten- als im Hör­saa­l­al­ter. „Wir sind al­le zehn Jah­re äl­ter“, räumt Mat­thi­as von Herr­mann ein, Pres­se­spre­cher der Park­schüt­zer.

In ei­ner Pres­se­kon­fe­renz vor der Mon­tags­de­mo er­in­ner­te Ul­rich St­üb­ler an die An­fän­ge. Am 26. Ok­to­ber 2009 hät­ten nur vier Per­so­nen de­mons­triert. Die Teil­neh­mer­zahl ist da­nach stark ge­stie­gen. Nach dem „Schwar­zen Don­ners­tag“am 30. Sep­tem­ber 2010 und im Um­feld des Volks­ent­schieds im No­vem­ber 2011 gin­gen bei man­chen De­mons­tra­tio­nen zig­tau­sen­de, die Ver­an­stal­ter zähl­ten so­gar 150 000 Teil­neh­mer und mehr, auf die Stra­ße. Seit­her ist der Zu­lauf ge­schrumpft. Zu den „nor­ma­len“Kund­ge­bun­gen, die jetzt beim Schloss­platz statt­fin­den, kom­men meist nur ei­ni­ge Hun­dert Teil­neh­mer. Da­bei über­wie­gen ganz ein­deu­tig die Ve­te­ra­nen des Wi­der­stands.

Das Bünd­nis, aus dem frü­he­re Mit­strei­ter wie die Grü­nen, der BUND und der VCD aus­ge­stie­gen sind, ver­sucht An­schluss an den Fri­days-for-Fu­ture-Pro­test zu fin­den. Die Kli­ma­schäd­lich­keit des Bahn­pro­jekts wird be­tont. Nur mit dem Aus­stieg kön­ne die Kli­ma­wen­de in Stutt­gart ein­ge­lei­tet wer­den, mein­te am Mon­tag Ei­sen­hart von Lo­eper. Der Spre­cher des Ak­ti­ons­bünd­nis­ses ge­gen S21 sag­te, man un­ter­stüt­ze die De­mons­tra­tio­nen der Schü­ler und Stu­den­ten. Um­ge­kehrt scheint dies nicht der Fall zu sein, wie die Ju­bi­lä­ums­kund­ge­bung zeig­te, zu der viel­leicht die Hälf­te der er­war­te­ten 3000 Teil­neh­mer kam.

Da­für zeig­ten sich die Ve­te­ra­nen der Be­we­gung: „Ich war schon län­ger nicht mehr da­bei, aber zum Ju­bi­lä­um woll­te ich kom­men“, sagt ei­ne 73-Jäh­ri­ge aus De­ger­loch. „Das wird ei­ne Ka­ta­stro­phe“, be­grün­det sie ih­ren Pro­test. „Der Um­bau scha­det der Stadt mehr, als er bringt“, er­gänzt ein 69-Jäh­ri­ger. Der Stutt­gar­ter nennt das Pro­jekt von An­fang an ver­fehlt. „Weil ich die Sa­che un­ter­stüt­ze“, be­grün­det ein wei­te­rer 69-Jäh­ri­ger sein Kom­men. Er nennt so­gar sei­nen Na­men: „Ganz ein­fach, Hel­mut Schmidt.“

Die De­mons­tran­ten for­dern den Baustopp so­fort. Das Aus kom­me spä­tes­tens bei der Be­triebs­ge­neh­mi­gung. Pro­jekt­spre­cher be­grün­den die­se Ein­schät­zung mit Si­cher­heits­män­geln und feh­len­dem Brand­schutz. Als auf der Kund­ge­bung der Red­ner Win­fried Wolf das Schei­tern pro­phe­zei­te, er­hielt er viel Bei­fall. Der Bahn­hof wer­de Bau­rui­ne, er wer­de nie in Be­trieb ge­hen.

Die Deut­sche Bahn mes­se si­cher­heits­re­le­van­ten The­men höchs­te Prio­ri­tät ein, er­wi­dert ein Pro­jekt­spre­cher auf An­fra­ge: „Das gilt auch für das Ei­sen­bahn-Bun­des­amt als für die Ge­neh­mi­gun­gen zu­stän­di­ge Be­hör­de, die die Pl­an­fest­stel­lung er­teilt hat.“Die In­be­trieb­nah­me sei nach der­zei­ti­gen Er­kennt­nis­sen für 2025 ge­si­chert.

Fo­to: Fer­di­nan­do Ian­no­ne

Die 484. Mon­tags­de­mo hat den Pro­test zu­rück an den Bahn­hof ge­bracht, wo vor zehn Jah­ren al­les be­gon­nen hat.

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