Über­schätz­te Re­form

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Leit­ar­ti­kel Gui­do Boh­sem zur De­bat­te über die Grund­ren­te leit­ar­ti­[email protected]

Wenn in den letz­ten Herbst­wo­chen die Halb­zeit­bi­lanz der Gro­ko dis­ku­tiert wird, dürf­te das The­ma Grund­ren­te ei­ne zen­tra­le Rol­le spie­len, viel­leicht so­gar die ent­schei­den­de. Das gilt ins­be­son­de­re für die SPD. Ob­wohl er ei­ner der we­ni­gen ist, die ger­ne am Re­gie­rungs­bünd­nis fest­hal­ten wol­len, droh­te so­gar Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz neu­lich mit dem Bünd­nis­bruch, soll­te es kei­ne Ei­ni­gung ge­ben. In­zwi­schen hat sich auch Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ein­ge­schal­tet, um der Re­form zum Er­folg und ih­rer Ko­ali­ti­on zu län­ge­rem Le­ben zu ver­hel­fen.

Nein, bei der Grund­ren­te han­delt es sich um kei­ne x-be­lie­bi­ge So­zi­al­re­form mehr, son­dern sie ist zu ei­nem Sym­bolthe­ma auf­ge­stie­gen. An ihr hängt das Schick­sal nicht nur der drei Re­gie­rungs­par­tei­en, son­dern auch des gan­zen Lan­des, das bei ei­nem Schei­tern des Vor­ha­bens wo­mög­lich in ei­ne Re­gie­rungs­kri­se stürzt. Das al­les ge­schieht in tur­bu­len­ten au­ßen­po­li­ti­schen Zei­ten und in ei­ner Pha­se, in der die deut­sche Wirt­schaft sich in ei­ner Flau­te und ih­re wich­tigs­te Bran­che, die Au­to­mo­bil­in­dus­trie, auf un­ge­wis­ser Sinn­su­che be­fin­det.

Soll­ten sich For­scher der Zeit­ge­schich­te in zehn oder 15 Jah­ren ein­mal dar­an ma­chen, das Schei­tern der Gro­ko mit der Grund­ren­te zu er­klä­ren, sie müss­ten sehr viel Ver­ständ­nis für die ak­tu­el­le La­ge mit­brin­gen oder aber am Ver­stand der Re­gie­ren­den zwei­feln. Die ge­gen­wär­ti­ge Zu­spit­zung je­den­falls ver­dient die Grund­ren­te nicht.

Denn in­zwi­schen ist die Dis­kus­si­on über das The­ma ih­rem ei­gent­li­chen Zweck ent­flo­hen. Es geht fast aus­schließ­lich dar­um, Men­schen, die sehr lan­ge ge­ar­bei­tet ha­ben, mehr Ren­te zu zah­len als sol­chen, die nur we­nig ge­ar­bei­tet ha­ben. Der Kreis der Be­troenen, für die „das Ver­trau­en in die ge­setz­li­che Ren­te wie­der ge­stärkt wer­den“(so der Ge­set­zes­ent­wurf) soll, hält sich da­bei sehr in Gren­zen. Der Um­gang mit der stei­gen­den Ar­muts­ge­fähr­dung im Al­ter, der Wunsch der Ost­deut­schen, die Rent­ner im Os­ten und im Wes­ten gleich zu be­han­deln, die Fra­ge, ob bei Be­an­tra­gung der Grund­si­che­rung tat­säch­lich so scharf auf das vor­han­de­ne Ver­mö­gen ge­schaut wer­den muss – all das hat mit der Re­form nichts oder bes­ten­falls am Ran­de zu tun.

Noch bi­zar­rer wirkt die Dis­kus­si­on, wenn man be­denkt, dass die Ko­ali­tio­nä­re im Kern ei­ner Mei­nung sind. Ge­strit­ten

Frus­trie­rend ist, dass je­der weiß, dass es sich bei der Grund­si­che­rung um ei­ne wei­ße Sal­be han­delt.

wird vor al­lem dar­über, ob man si­cher­stellt, dass die An­trags­stel­ler das Geld tat­säch­lich brau­chen oder ob sie viel­leicht we­nig Ren­te und zu­sätz­lich ho­he Miet­ein­künf­te er­hal­ten. Die SPD will dar­auf ver­zich­ten, die Uni­on nicht. Ei­ne wich­ti­ge Fra­ge. Aber ist sie so wich­tig, dass ei­ne Ko­ali­ti­on dar­an schei­tert?

Wirk­lich frus­trie­rend ist, dass je­der Ko­ali­ti­ons­ex­per­te weiß, dass es sich bei der Grund­si­che­rung um wei­ße Sal­be han­delt, und auch je­der von ih­nen weiß, was ge­tan wer­den könn­te: auf kur­ze Frist die Grund­si­che­rung er­hö­hen und we­ni­ger streng et­wa auf die selbst­ge­nutz­ten Im­mo­bi­li­en schau­en. Län­ger­fris­tig gilt es, für aus­kömm­li­che Löh­ne und vor al­lem ge­nü­gend Jobs zu sor­gen – da­mit kei­ner Grund­ren­te be­zie­hen muss.

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