So fremd und doch so nah

Die tür­kisch-is­la­mi­sche Ge­mein­de wird am mor­gi­gen Frei­tag 40 Jah­re alt. Die Mit­glie­der le­ben ih­re Re­li­gi­on und ih­re Kul­tur und füh­len sich da­bei mit­ten im Hal­ler Le­ben an­ge­kom­men. Von Son­ja Ale­xa Voll­mann

Haller Tagblatt - - MENSCHEN -

nkom­men“lau­tet der Ti­tel des Hefts, das die tür­kisch-is­la­mi­sche Ge­mein­de 2004 her­aus­ge­ge­ben hat. In die­sem Jahr wur­de der Bau der Mo­schee in der Gaildor­fer Stra­ße voll­endet. In Schwä­bisch Hall an­ge­kom­men sind vie­le der tür­ki­schen Mit­be­woh­ner schon lan­ge. Um nicht nur kör­per­lich, son­dern auch see­lisch an­zu­kom­men, braucht es das Ver­mi­schen mit der deut­schen Kul­tur wie auch ei­ne Mög­lich­keit, sei­ne ei­ge­ne Kul­tur wei­ter­hin zu pfle­gen.

AAn­fän­ge als Hilfs­ver­ein

1974 fand sich ei­ne Grup­pe zu­sam­men und grün­de­te den tür­ki­schen Ar­beit­neh­mer­hilfs­ver­ein. Dort zähl­te vor al­lem die Ge­mein­schaft, das ge­sel­li­ge Zu­sam­men­sein, aber auch das ge­gen­sei­ti­ge Hel­fen im frem­den Land. So er­zählt es Ali Bil­gin. Der 46-Jäh­ri­ge wur­de im April zum neu­en Vor­sit­zen­den des Ver­eins ge­wählt. In der An­fangs­zeit nutz­te der Ar­beit­neh­mer­hilfs­ver­ein klei­ne Räu­me im Korn­haus für sei­ne Tre¢en. Fünf Jah­re spä­ter – vor 40 Jah­ren al­so – zog der Ver­ein in die Gel­bin­ger Gas­se und konn­te schließ­lich den ers­ten Imam aus der Tür­kei ho­len und fi­nan­zie­ren. Ei­nen Raum dort hat der Ver­ein als Mo­schee be­nutzt.

Aber auch dort wur­de es zu eng für die mitt­ler­wei­le rund 50 Mit­glie­der. 1982 be­zo­gen sie Ge­bets­räu­me ge­gen­über des Stamm­hau­ses. Der Wunsch, ei­ne Mo­schee zu bau­en, be­stand lan­ge vor des­sen Ver­wirk­li­chung. Nach gut 20 Jah­ren in den be­eng­ten Rä­um­lich­kei­ten in der Gel­bin­ger Gas­se konn­ten die Mit­glie­der end­lich um­zie­hen.

„Es gab Be­woh­ner von Rol­lund Rei­fen­hof, die ge­gen den Bau der Mo­schee wa­ren“, er­zählt Ali Bil­gin. Aber als sie dann ein­mal stand, hät­ten sie nur po­si­ti­ve Re­ak­tio­nen von den Nach­barn ge­hört. Der Ruf des Imams ist nur im In­ne­ren des Ge­bäu­des zu hö­ren – je­den Frei­tag, wenn um 13.15 Uhr zum Mit­tags­ge­bet ge­ru­fen wird. Dann kom­men die Män­ner – für sie ist das Frei­tags­ge­bet Pflicht – in die Mo­schee. Die Frau­en ha­ben ih­ren Platz in der obe­ren Eta­ge.

Der Ver­ein be­steht mitt­ler­wei­le aus rund 200 bis 220 Mit­glie­dern. Hin­zu kom­men mehr als 1000 Mus­li­me, die in Hall le­ben und die Mo­schee be­su­chen oder die wei­te­ren An­ge­bo­te des Ver­eins nut­zen. Es gibt ein­mal im Mo­nat ein Frau­en­früh­stück, es wer­den Rei­sen or­ga­ni­siert, Schü­ler und Ver­ei­ne wie die Land­frau­en wer­den zu Füh­run­gen ein­ge­la­den. Ge­mein­sa­me Abend­es­sen mit den christ­li­chen Kir­chen in Hall ste­hen eben­so auf dem Pro­gramm wie das Som­mer­fest. Das nut­zen Hal­ler Bür­ger re­gel­mä­ßig, um vor al­lem die ku­li­na­ri­sche tür­ki­sche Kul­tur ken­nen­zu­ler­nen. Deut­sche be­su­chen auch ger­ne die Koch­kur­se der tür­kisch-is­la­mi­schen Ge­mein­de.

In der Mo­schee wird für is­la­mi­sche Kin­der Koran­un­ter­richt an­ge­bo­ten, für Er­wach­se­ne gibt es Deutsch­kur­se. „In der Mo­schee re­den wir zu 98 Pro­zent tür­kisch“, sagt Ay­sun Be­dir, die Schwes­ter von Ali Bil­gin und Frau­en­be­auf­trag­te

Wir wol­len nicht ver­ges­sen, wo wir her­kom­men. Ali Bil­gin Vor­sit­zen­der Wir sind hier wie ei­ne gro­ße Fa­mi­lie, was nicht heißt, dass wir nicht o en sind. Ali Bil­gin Vor­sit­zen­der

im Ver­ein. Die meis­ten Kin­der im Ver­ein sind, wie sie selbst auch, in Deutsch­land auf­ge­wach­sen. Vie­le ver­ler­nen ihr Tür­kisch. „Wir wol­len nicht ver­ges­sen, wo wir her­kom­men“, sagt Ali Bil­gin. Es ist das Land und die Kul­tur sei­ner El­tern.

Ali Bil­gin war nur ein paar Mo­na­te alt, als er nach Deutsch­land kam. Sein Va­ter Ze­ki Bil­gin war Mit­be­grün­der des Ver­eins. Ali Bil­gin, Va­ter von fünf Kin­dern, spricht schwä­bi­schen Dia­lekt und ar­bei­tet als Ser­vice-Di­s­po­nent. Sei­ne Schwes­ter ist tech­ni­sche Zeich­ne­rin. Sie hat ei­ne Whats­app-Grup­pe, in der die Frau­en aus dem Ver­ein kom­mu­ni­zie­ren: Wenn es et­was zu or­ga­ni­sie­ren gibt, vor al­lem im gas­tro­no­mi­schen Be­reich, piep­sen oder brum­men 110 Han­dys. „Wir sind hier wie ei­ne gro­ße Fa­mi­lie“, sagt Ali Bil­gin, „was nicht heißt, dass wir nicht o¢en sind für neue Mit­glie­der.“

Die tür­kisch-is­la­mi­sche Ge­mein­de lädt für mor­gen zu ei­nem Tag der of­fe­nen Mo­schee ein. Um 14 Uhr, 15.30 Uhr und um 17 Uhr wer­den Füh­run­gen an­ge­bo­ten. Es gibt Kaf­fee, Tee, deut­schen Ku­chen und tür­ki­sches Ge­bäck.

Ali Bil­gin ist seit April Vor­sit­zen­der der tür­kisch-is­la­mi­schen Ge­mein­de, sei­ne Schwes­ter Ay­sun Be­dir Frau­en­beau†rag­te im Ver­ein. Sie ste­hen im Ge­bets­raum der Mo­schee an der Gaildor­fer Stra­ße.

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