Kein si­che­res Land

Nach ei­nem Staats­streich flieht Ali Wa­gue aus Ma­li nach Deutsch­land. Er hofft auf ein bes­se­res Le­ben, hängt sich rein. Je­doch ste­hen sei­ne Chan­cen schlecht. Und ihm läuft die Zeit da­von. Von

Haller Tagblatt - - SERIE - Ste­fan Czernin

Ich weiß nicht mehr, was ich ma­chen soll. Ali Wa­gue Flücht­ling aus Ma­li

Er­werbs­tä­tig­keit nicht ge­stat­tet.“Mit Ku­gel­schrei­ber hat ei­ne Sach­be­ar­bei­te­rin im Land­rats­amt Neu-Ulm die­sen Ver­merk in das Do­ku­ment ge­schrie­ben, das Ali Wa­gue stän­dig in sei­nem Geld­beu­tel da­bei hat. Ei­ne Kor­rek­tur, o¡en­bar war bei der Aus­stel­lung ein Feh­ler pas­siert. Die „Aus­set­zung der Ab­schie­bung“– al­so die Tat­sa­che, dass der 24-jäh­ri­ge Ma­lier in Deutsch­land ge­dul­det ist – ist zu­dem be­grenzt. Sie er­lischt am 21. No­vem­ber 2019. Ali Wa­gue ist An­fang Sep­tem­ber 2013 nach Deutsch­land ge­kom­men, um sich hier ein bes­se­res Le­ben auf­zu­bau­en.

Und er hat sich da­für mäch­tig ins Zeug ge­legt: „Ich ha­be schon als Kü­chen­hil­fe und als Land­schafts­gärt­ner ge­ar­bei­tet.“Ali Wa­gue hat Kreis­ver­keh­re be­pflanzt und Ra­sen ge­mäht, er hat am Be­ruf­li­chen Fort­bil­dungs­zen­trum in Neu-Ulm in ei­nem Pro­gramm für jun­ge Asyl­be­wer­ber ge­bü¡elt und in kur­zer Zeit so gut Deutsch ge­lernt, dass es fast schon un­heim­lich ist. Die Lei­te­rin am Fort­bil­dungs­zen­trum be­schei­nig­te Wa­gue und sei­nen Mit­schü­lern in ei­nem Be­richt der SÜD­WEST PRES­SE am 25. April 2016 ei­ne ho­he Mo­ti­va­ti­on: „Sie wol­len hier et­was er­rei­chen.“

Nicht mehr Herr der La­ge

Am 27. Ok­to­ber 2016 wur­de sein Asyl­an­trag ab­ge­lehnt. Da­mit be­gann für Ali Wa­gue, der sich schon auf dem Weg in ei­ne bür­ger­li­che Exis­tenz – Fa­mi­lie, Woh­nung, Job – sah, ein Le­ben in ste­ter Un­be­re­chen­bar­keit. Der­zeit wohnt er in ei­ner Flücht­lings­un­ter­kunft in Vöh­rin­gen. Ar­bei­ten ist nicht län­ger er­laubt, das War­ten be­stimmt die Ta­ge. „Ich darf nichts ma­chen.“Ei­ne abs­trak­te Un­si­cher­heit be­stimmt im Herbst 2019 im si­che­ren Deutsch­land das Le­ben von Ali Wa­gue, das Ge­fühl, nicht mehr Herr der La­ge zu sein. Son­dern ab­hän­gig von bü­ro­kra­ti­schen Ent­schei­dun­gen.

2012 war er we­gen ei­ner sehr kon­kre­ten Ge­fahr aus Ma­li ge­flo­hen. So er­zählt es Wa­gue in ei­nem Ge­spräch mit un­se­rer Zei­tung. Im März putsch­ten un­zu­frie­de­ne Mi­li­tärs in dem west­afri­ka­ni­schen Land ge­gen Prä­si­dent Ama­dou To­u­ma­ni Tou­ré. Das Land ver­sank im Cha­os, im Nor­den brei­te­ten sich is­la­mis­ti­sche Mi­li­zen aus. Ali Wa­gue ver­brach­te viel Zeit mit der Fa­mi­lie ei­nes Freun­des in der Haupt­stadt Ba­ma­ko. „Sein Va­ter war beim Mi­li­tär.“Das wur­de der Fa­mi­lie of­fen­bar zum Ver­häng­nis: So­wohl der Va­ter als auch sein Freund wur­den von Auf­stän­di­schen ge­tö­tet, be­rich­tet Wa­gue. Und weil er in en­gem Kon­takt zu ih­nen ge­stan­den hat­te, sei­en Hä­scher auch bei Wa­gue zu Hau­se auf­ge­taucht. „Mei­ne Mut­ter hat mich weg­ge­schickt, da­mit ich nicht um­ge­bracht wer­de.“Fest steht, dass es im Lau­fe des Staats­streichs zu Kämp­fen ge­kom­men ist, Men­schen ge­tö­tet wur­den. Das Flücht­lings­hilfs­werk der Ver­ein­ten Na­tio­nen ging da­mals von 400 000 Men­schen aus, die aus ih­rer Hei­mat flo­hen, viel­fach in die Nach­bar­län­der. Aber auch nach Eu­ro­pa.

Über wel­che Rou­te ge­nau er nach Deutsch­land ge­kom­men ist, will Ali Wa­gue nicht sa­gen. Auch nicht, wo sein Pass ge­blie­ben ist. Als ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber schwingt stets die Angst mit, aus Deutsch­land ab­ge­scho­ben zu wer­den. Dar­um ist der 24-Jäh­ri­ge vor­sich­tig ge­wor­den. Sei­ne gan­ze Ho¡nung setzt er dar­auf, in Deutsch­land ei­ne Aus­bil­dung be­gin­nen zu dür­fen. Die­se wer­de ihm das Blei­ben er­mög­li­chen, ho¡t er. Da­für braucht Ali Wa­gue zu­nächst ei­ne Ar­beits­er­laub­nis. Und für die­se ei­nen neu­en Pass. Und das ist ein Pro­blem, es hat sich bis­her als un­lös­ba­re Auf­ga­be her­aus­ge­stellt, schil­dert Wa­gue. Weil sei­ne ge­schie­de­ne Mut­ter in­zwi­schen ver­stor­ben ist, ha­be er nie­man­den mehr, der di­rekt vor Ort im Rat­haus von Ba­ma­ko ein neu­es Aus­weis­do­ku­ment be­an­tragt. Von der ma­li­schen Bot­schaft in Ber­lin kam bis­lang kei­ne Hil­fe.

Al­lei­ne steht Wa­gue aber nicht da. Er wird un­ter­stützt von Cor­du­la Hertl und de­ren Mut­ter, die in Vöh­rin­gen wohnt. Mit der Un­ter­stüt­zung der bei­den hat er ver­sucht, in Ma­li mit ei­nem Ver­trau­ens­an­walt in Kon­takt zu kom­men, ei­ne Ant­wort steht je­doch aus. „Ich weiß nicht mehr, was ich ma­chen soll“, sagt Wa­gue. Die Vor­gän­ge im Neu-Ul­mer Land­rats­amt nimmt der 24-Jäh­ri­ge als „sehr bü­ro­kra­tisch“wahr, deut­li­cher will er mit sei­ner Kri­tik nicht wer­den. Hertl fühlt sich ab­ge­blockt.

Im Land­rats­amt ist Ali Wa­gue ei­ner von vie­len Vor­gän­gen. Aus­künf­te zum kon­kre­ten Fall gibt die Be­hör­de nicht. In ei­nem Ge­spräch mit Jo­chen Grotz, dem Chef des Aus­län­der­am­tes der Kreis­be­hör­de, und der Ge­schäfts­be­reichs­lei­te­rin Ka­ren Beth wird klar, dass die Aus­sich­ten für Ali Wa­gue, sich in Deutsch­land ei­ne Exis­tenz auf­zu­bau­en, schlecht sind. Er ist ein ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber, hat kei­nen Pass und kommt aus ei­nem Land, in das ab­ge­scho­ben wird.

Und wie ist der Wil­le zur In­te­gra­ti­on zu be­wer­ten? Die Ant­wort klingt für Ali Wa­gues Sa­che bit­ter: Er spielt kei­ne Rol­le. „Der Ge­setz­ge­ber hat ent­schie­den, dass nicht je­der, der sich in­te­grie­ren will, blei­ben kann“, sagt Ka­ren Beth. „Wir sind da ans Ge­setz ge­bun­den. Al­les an­de­re wä­re Will­kür.“Für al­le Asyl­be­wer­ber müs­se folg­lich der glei­che, nach­voll­zieh­ba­re recht­li­che Rah­men gel­ten. Und der ist so ge­steckt, dass Men­schen, die in ih­rem Hei­mat­land aus po­li­ti­schen Grün­den ver­folgt wer­den und um ihr Le­ben fürch­ten müs­sen, Schutz ge­währt wird. Der Wunsch nach ei­nem bes­se­ren Le­ben ist hin­ge­gen kein Asyl­grund. In ei­ner Stel­lung­nah­me be­män­gelt das Baye­ri­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um die feh­len­de Mit­wir­kung von Ali Wa­gue, was die Klä­rung sei­ner Iden­ti­tät an­geht. „Die be­ste­hen­den ge­setz­li­chen Ver­pflich­tun­gen hat er of­fen­bar schlicht igno­riert.“Die Ge­men­ge­la­ge ist al­so aus­ge­spro­chen kom­pli­ziert.

Zwar gibt es die Mög­lich­keit für Flücht­lin­ge, über ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung und spä­te­re Be­schäf­ti­gung in Deutsch­land blei­ben zu dür­fen. Ob das für Ali Wa­gue ei­ne Per­spek­ti­ve bie­tet, ist je­doch zu­min­dest frag­lich. Und ihm läuft we­gen des feh­len­den Pas­ses die Zeit da­von. „Es gibt ein klei­nes Zeit­fens­ter“, er­klärt Jo­chen Grotz. Oh­ne ei­nen Pass kön­nen ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber nicht oh­ne Wei­te­res ab­ge­scho­ben wer­den. Lie­gen kei­ne Aus­weis­pa­pie­re vor, be­an­tragt die Kreis­be­hör­de ir­gend­wann Er­satz­do­ku­men­te beim Lan­des­amt für Asyl und Rück­füh­run­gen. So­bald die­ser Pro­zess für ei­ne Rück­füh­rung in Gang ge­setzt wur­de, gibt es kei­ne Chan­ce auf ei­ne Aus­bil­dungs­dul­dung mehr. Ali Wa­gue hat noch nicht auf­ge­ge­ben, er wür­de ger­ne im Be­reich Hei­zungs- und Sa­ni­tär­tech­nik ei­ne Aus­bil­dung be­gin­nen. Er ho¡t auf ei­nen „net­ten Ar­beit­ge­ber“, so Wa­gue, der sich sagt: „Ich neh­me die­sen gu­ten Jun­gen.“

Fo­tos: Lars Schwerdtfe­ger, Ste­fan Czernin

Ali Wa­gue will sich in­te­grie­ren, darf aber nicht. Er ver­zwei­felt an der Bü­ro­kra­tie. Im Amt be­tont man: Nie­mand darf be­vor­zugt wer­den, glei­ches Recht für al­le.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.