Mensch mu­tiert zum Mons­ter

Haller Tagblatt - - KINO -

Kaum in den Ki­nos, schon gibt es Gru­sel­ge­schich­ten über den „Jo­ker“. Da­bei hat­te Todd Phil­lips Film doch ge­ra­de erst sen­sa­tio­nel­ler­wei­se und be­rech­tigt bei den Film­fest­spie­len in Ve­ne­dig den Gol­de­nen Lö­wen ge­won­nen. Ein Su­per­hel­den­film ge­winnt ein Kunst­film­fes­ti­val? Jein! „Jo­ker“prä­sen­tiert zwar die Vor­ge­schich­te zu Bat­mans gro­ßem Ge­gen­spie­ler, aber ge­won­nen hat hier et­was an­de­res: ei­ne Hal­tung.

Über „Jo­ker“kur­sie­ren kru­de Mel­dun­gen, weil ei­ni­ge Zu­schau­er in US-ame­ri­ka­ni­schen Ki­nos nicht mehr konn­ten und aus dem Saal flüch­te­ten. In der Tat spielt das Werk mit den Urängs­ten des Hor­ror-Gen­res, in dem er schein­bar Un­be­schwer­tes wie ei­nen Clown, mit et­was Bes­tia­li­schem, Mord­lüs­ter­nen paart. Das pro­du­ziert Gän­se­haut, wie es all die Fil­me à la „Es“pro­du­zie­ren, in de­nen Hor­ror­clowns um die Ecke lu­gen.

Wer er­in­nert sich nicht an die Sze­ne in Ste­ven Spiel­bergs „Pol­ter­geist“-Pro­duk­ti­on von 1982, in dem der Spiel­zeug­clown ei­nes klei­nen Jun­gen im nächt­li­chen Schlaf­zim­mer le­ben­dig wird. Wohl­tu­end schau­der­haft!

Doch das ist es nicht, was „Jo­ker“au­gen­blick­lich in die Schlag­zei­len der Pres­se hievt. War­um ver­las­sen Ame­ri­ka­ner ver­stört vor­zei­tig das Ki­no? Nicht der Ge­walt we­gen, es ist die nüch­ter­ne Be­trach­tungs­wei­se, qua­si die Ana­mne­se ei­nes freund­li­chen Men­schen, der durch Men­schen zum Mons­ter ge­macht wird. Nichts Flo­cki­ges, Po­in­ten­haf­tes sieht man hier, wie sonst bei Su­per­hel­den­fil­men aus dem Hau­se Mar­vel und DC üb­lich. Todd Phil­lips hat die Chuz­pe, ei­nem Gen­re den Witz zu neh­men. Mit die­ser Hal­tung raubt er man­chen Zu­schau­er das Un­ter­hal­tungs­be­dürf­nis. Es scho­ckiert und ver­stört, wenn ei­nem das kar­t­ha­ti­sche La­chen ver­wehrt wird. Und zwar gleich dop­pelt, wenn es durch ei­nen Mann wie „Jo­ker“ge­schieht, des­sen Schick­sal es ist, in ei­nem fort La­chen zu müs­sen.

Phil­lips gibt ei­nem ver­hunz­ten Gen­re sei­ne Hal­tung zu­rück und wagt es, ei­nen Su­per­hel­den­film als Tra­gö­die zu er­zäh­len. Das ist zum Fürch­ten, das ist tra­gisch und ge­ni­al. So wie Bö­se­wich­ter halt sind – im ech­ten Su­per­hel­den­le­ben.

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