Sa­ti­ri­sches Sit­ten­bild mit viel Spiel­witz

Da­vid Bösch ver­legt „Die lus­ti­gen Wei­ber von Wind­sor“an der Ber­li­ner Staats­oper schmis­sig in die 1980er Jah­re.

Haller Tagblatt - - FEUILLETON - Chris­toph Mül­ler

Ber­lin. Ge­ra­de erst hat Frank Cas­torf die Pre­mie­ren-Be­su­cher von Ver­dis „Macht des Schick­sals“in Angst und to­ben­den Schre­cken ver­setzt und die Deut­sche Oper Ber­lin zu ei­nem schrei­en­den Toll­haus ge­macht. Da kommt schon an der Staats­oper Un­ter den Lin­den ein idea­les Be­ru­hi­gungs­mit­tel um die Ecke: Ot­to Ni­co­lais ver­meint­lich samt­pfö­ti­ges Sing­spiel „Die lus­ti­gen Wei­ber von Wind­sor“in ei­ner eben­falls nur ver­meint­lich un­kri­ti­schen Wohl­fühl-In­sze­nie­rung von Da­vid Bösch.

Die mehr lis­ti­gen als bloß lus­ti­gen Wei­ber wol­len laut Un­ter­ti­tel „ko­misch phan­tas­tisch“sein, sind aber in Wirk­lich­keit viel mehr: ein sa­ti­ri­sches Sit­ten­bild über trieb­ge­steu­er­te Au­ßen­sei­ter in ei­ner alb­traum­haft sich selbst be­trü­gen­den und be­lü­gen­den Ge­sell­schaft. Bösch hat die­se 1849 an der Ber­li­ner Lin­den-Oper ur­auf­ge­führ­te „Fals­ta¤“-Va­ri­an­te kon­se­quent und bild­kräf­tig in die 80er-Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ver­legt. Ort der tur­bu­len­ten Hand­lung sind zwei wirt­schafts­wun­der­li­che Vo­r­ort-Bun­ga­lows. Sir John Fals­ta¤ als Rit­ter von der ver­fet­te­ten Gestalt wir­belt die­ses Spie­ßer-Idyll mit sei­nem Drang nach über­gri§gen Lie­bes­aben­teu­ern gründ­lich auf.

Da­ni­el Ba­ren­boim di­ri­giert

Die bes­tens ge­laun­ten Sän­ger ent­fal­ten ei­nen er­staun­li­chen Spiel­witz bis hin in sur­rea­le Ab­sur­di­tät. Das hat mit „Hop­pel­chen und Mop­pel­chen“in den vom Re­gis­seur schmis­sig rund­er­neu­er­ten Sprech­sze­nen oft Lo­ri­ot-Ni­veau. So lie­be­voll und zeit­ge­nös­sisch auf­ge­frischt funk­tio­niert die in den Or­kus der Ge­schich­te ver­damm­te deut­sche Spie­l­oper des 19. Jahr­hun­derts durch­aus noch.

Klar, der Chef sel­ber di­ri­giert. Da­ni­el Ba­ren­boim schwelgt mit Saus und Braus schon in der un­wi­der­steh­lich me­lo­dien­see­li­gen Ou­ver­tü­re. Da­nach küm­mert er sich frei­lich mehr um die fa­bel­haf­ten Sän­ger als ums Orches­ter. So nimmt je­de Rol­le per­fek­te Gestalt an. Vor­ne­weg Re­né Pa­pe als gro­tesk zum Dick­wanst aus­ge­pols­ter­ter Ob­dach­lo­ser, der mit al­ters­wei­ser Me­lan­cho­lie ein­sam und ver­las­sen am Swim­ming­pool vor sich hin däm­mert und sei­ne trau­ri­gen Ein­sich­ten über die Frag­wür­dig­keit ver­klemm­ter bür­ger­li­cher Moral­be­gri¤e im Al­ko­hol er­tränkt.

Von den drei Frau­en be­sticht die bis vo­ri­ges Jahr zum En­sem­ble der Stutt­gar­ter Staats­oper ge­hö­ren­de Man­dy Fred­rich im Du­ett mit Michae­la Schus­ter am meis­ten. An­na Pro­has­ka ist quir­lig die­je­ni­ge, die Pa­vol Bres­lig zum lei­den­schaft­li­chen Ro­meo macht. Und noch ei­ne gro­ße Stim­me: Micha­el Vol­le, selbst schon als Ver­di-Fals­ta¤ be­rühmt, wird als Herr Fluth zum In­be­gri¤ ei­nes un­bän­di­gen Ei­fer­sucht-Wü­te­richs.

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