Nicht nur die Rea­li­tät zählt

Au­tor Stef­fen Ko­petz­ky liest in Hall aus sei­nem jüngs­ten Ro­man „Pro­pa­gan­da“. Dar­in ver­flicht er ge­konnt ame­ri­ka­ni­sche His­to­rie mit Fik­ti­on.

Haller Tagblatt - - KULTUR - Von Ma­ya Pe­ters

Wie ein Sog“sei das fast 500 Sei­ten star­ke Buch „Pro­pa­gan­da“für sie ge­we­sen, meint Ute-Chris­ti­ne Ber­ger bei der Le­sung von „Li­te­ra­tur live“im Kunst­foy­er ver­gan­ge­nen Mon­tag. Sie zi­tiert ein­gangs wohl­mei­nen­de Li­te­ra­tur­kri­ti­ken, denn der jüngs­te Ro­man von Ste—en Ko­petz­ky kam all­ge­mein gut an.

„Lie­bens­wür­dig, so viel Lob“, kom­men­tiert der baye­ri­sche Best­sel­ler­au­tor lä­chelnd. Der 1971 ge­bo­re­ne Ko­petz­ky lebt in Pfa—en­ho­fen an der Ilm. Den Plot, so ko­ket­tiert Ko­petz­ky, kön­ne er nicht ver­kürzt zu­sam­men­fas­sen. Und doch ge­lingt ihm ge­nau das in un­ter­halt­sa­mer Wei­se, selbst wenn er die Viel­schich­tig­keit die­ses his­to­ri­schen Ro­mans nur an­reißt.

Au­gen­zeu­ge zwei­er Krie­ge

„Pro­pa­gan­da“be­ginnt 1971 in ei­nem Ge­fäng­nis in Ame­ri­ka. Dort schreibt Prot­ago­nist John Glu­eck als Viet­nam­ve­te­ran über sein Le­ben. „Ich woll­te un­be­dingt ei­ne Fi­gur, die Au­gen­zeu­ge sein kann“, be­tont Ko­petz­ky. So zei­ge er Emo­tio­nen, ge­schicht­li­che Räu­me und was es dar­in zu ent­de­cken ge­be. Glu­eck er­lebt das Um­feld der Al­ler­see­len­schlacht im No­vem­ber 1944 im Hürt­gen­wald und das „hu­ma­ni­tä­re Wun­der“. Über das darf er letzt­lich nichts verö—ent­li­chen, da es der psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­füh­rung nicht zu­träg­lich ist. Ei­ne ähn­li­che Si­tua­ti­on er­lebt Glu­eck wäh­rend des Viet­nam­kriegs. Doch dies­mal tri—t er mit den „Pen­ta­gon Pa­pers“ei­ne an­de­re Ent­schei­dung. Die­se er­zäh­le­ri­sche Span­ge ist mög­lich, da Glück in bei­den Krie­gen als Pro­pa­gan­daoªzier im Ein­satz ist.

„Ich war be­rauscht wie nie. Nur ei­nem Um­stand hat­te ich bis­her kei­ne Be­ach­tung ge­schenkt: Bom­ber lan­den nicht“, lässt Ko­petz­ky Glu­eck sei­nen ers­ten Flug und die Si­tua­ti­on kurz vor sei­nem ers­ten Fall­schirm­sprung be­schrei­ben. Bis­her hat Glu­eck im­mer nur als Jour­na­list an der Schreib­ma­schi­ne ge­kämpft. Nun soll er Er­nest He­ming­way für ei­ne Re­por­ta­ge tre—en und kommt da­für zu ihm ins Kriegs­ge­biet.

Pa­ckend und ein­drück­lich schil­dert er die 100 Jah­re al­ten Fich­ten, die durch Gra­na­ten zu Split­tern zer­fetzt wur­den, er­zählt von der „schreck­li­chen Tei­gig­keit“der Hand ei­nes To­ten, wäh­rend der Leich­nam schmat­zend vom Schlamm frei­ge­ge­ben wird. „Ein Schmerz nach­träg­li­cher Em­pa­thie durch­zuck­te die Sol­da­ten“, heißt es. Dann wer­den die Uni­form­knöp­fe und Aus­zeich­nun­gen als Tro­phä­en ab­ge­schnit­ten. Er sei zu­nächst nicht in den Hürt­gen­wald zur Re­cher­che ge­fah­ren, ver­rät Ko­petz­ky. „Nur spä­ter, um zu se­hen, ob al­les so passt, wie ich es mir ima­gi­niert ha­be“, be­schreibt er sei­ne Ar­beits­wei­se als An­nä­he­rung aus der Ge­gen­wart.

„Das war wirk­lich ab­surd“, er­zählt Ko­petz­ky von Re­cher­chen. „Da­mals kämpf­te im Hürt­gen­wald die 28. US-Ar­mee, de­ren Mit­glie­der sich in pfäl­zi­schen Dia­lek­ten auf „Deitsch“un­ter­hiel­ten und zugleich ge­gen Deut­sche kämpf­ten.“Zu­dem sei­en „Na­ti­ve Ame­ri­cans“als Fähr­ten­le­ser da­bei ge­we­sen, so der Iro­ke­se Van Se­ne­ca. Ein ech­ter Cli—han­ger für die Zu­hö­rer, da Ko­petz­ky die­sen in ei­ner schier aus­weg­lo­sen Si­tua­ti­on erst zu Be­täu­bungs­mit­teln und dann zum Mes­ser grei­fen lässt – und dann mit­ten im Satz stoppt. „Dass Glu­eck die Schlacht letzt­lich über­steht, weiß man durch die Rück­schau“, fasst er zu­sam­men. Doch wie, wer­de sich her­aus­stel­len, wenn man selbst zum Ro­man grei­fe. Ap­plaus be­lohnt ihn für die­se pa­cken­de Le­sung, in de­ren An­schluss er noch si­gniert.

Ste en Ko­petz­ky liest in der Hal­ler Spar­kas­se bei Li­te­ra­tur live.

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