Un­er­war­tet mu­tig

Haller Tagblatt - - VORDERSEIT­E - Kom­men­tar Chris­ti­na Til­mann Zum No­bel­preis für Li­te­ra­tur

Es ist tat­säch­lich ei­ne Sen­sa­ti­on. Nicht, weil die Schwe­di­sche Aka­de­mie nach dem Skan­dal des ver­gan­ge­nen Jah­res al­les rich­tig ge­macht hat: Sie hat mit den au­ßer­plan­mä­ßig par­al­lel ver­ge­be­nen Li­te­ra­tur­no­bel­prei­sen 2018 und 2019 ei­ne Frau und ei­nen Mann aus­ge­zeich­net, ei­ne jün­ge­re Ost­eu­ro­päe­rin und ein li­te­ra­ri­sches Schwer­ge­wicht.

Nein, die Ent­schei­dung ist tat­säch­lich un­er­war­tet mu­tig. Hand­ke ist un­be­strit­ten ein meis­ter­haf­ter Au­tor. Doch er ist höchst um­strit­ten, we­gen sei­ner er­klär­ten Sym­pa­thie für Ser­bi­en im Bal­kan-Kon­flikt der 90er. Die Nato-Ak­tio­nen ge­gen Ser­bi­en hat­te er 1999 ver­ur­teilt. 2006 hielt er, un­be­lehr­bar, auf der Be­er­di­gung Slo­bo­dan Mi­lo­se­vics ei­ne Re­de.

Bei fast je­der Preis­ver­lei­hung an Hand­ke hat es des­halb Är­ger ge­ge­ben, beim Büch­ner-Preis, den er 1999 zu­rück­gab, beim Hei­ne-Preis 2006, den er ab­lehn­te, beim Ib­sen­P­reis 2014, bei dem er nach Pro­tes­ten das Preis­geld stif­te­te. Wenn die Aka­de­mie sich den­noch für das li­te­ra­ri­sche Werk und nicht die po­li­ti­sche Hal­tung ent­schei­det, be­weist sie, was kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist: Hoch­ach­tung vor Mei­nungs­frei­heit. Un­ab­hän­gig­keit. Und Mut.

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