Brut­stät­te der Ge­walt

Rechts­ex­tre­mis­mus Un­ter den Ra­di­ka­len in Deutsch­land steigt laut Ver­fas­sungs­schutz zu­neh­mend die Be­reit­schaft zu Über­grif­fen und An­schlä­gen. Von Gui­do Boh­sem und Ni­na Jeg­lin­ski

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK -

An­ti­se­mi­tis­mus ist wei­ter­hin ein kon­stan­tes Agi­ta­ti­ons­feld von Rechts­ex­tre­mis­ten

Ste­phan B. ist oen­bar ver­ant­wort­lich für das schreck­li­che At­ten­tat auf die jü­di­sche Sy­nago­ge in Hal­le. In sei­nem Vi­deo be­kennt er sich ein­gangs zur rech­ten Ideo­lo­gie, in­dem er bei­spiels­wei­se den Ho­lo­caust leug­net, und er zeigt sich als An­ti­se­mit, weil er die Ju­den für das von ihm ver­mu­te­te Un­heil ver­ant­wort­lich macht. Sein Be­kennt­nis wirft er­neut ein Schlag­licht auf die rech­te Sze­ne in Deutsch­land, die lan­ge Zeit un­ter­schätzt wur­de.

Die Mord­se­rie des so­ge­nann­ten Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­grun­des (NSU) und das töd­li­che At­ten­tat auf den Re­gie­rungs­prä­si­den­ten von Kas­sel, Wal­ter Lüb­ke, kön­nen nun nicht mehr als Ein­zel­fäl­le be­schrie­ben wer­den.

2018 zähl­te der Ver­fas­sungs­schutz et­wa 24 100 Per­so­nen zu Mit­glie­dern von rech­ten Par­tei­en und Grup­pen, dar­un­ter die NPD, „Die Rech­te“, „Der Drit­te Weg“und an­de­re Ver­ei­ni­gun­gen. Et­wa die Hälf­te da­von gilt als ge­walt­be­reit. Ins­ge­samt 1088 Ge­walt­ta­ten ver­zeich­ne­te die Be­hör­de im ver­gan­ge­nen Jahr, was ei­nen leich­ten An­stieg zum Vor­jahr be­deu­tet (1054).

Be­son­ders auäl­lig: die rech­ten Un­ter­grup­pen der Reichs­bür­ger und der Selbst­ver­wal­ter. Ers­te­re be­strei­ten die Exis­tenz der Bun­des­re­pu­blik als le­gi­ti­men Staat. Die Selbst­ver­wal­ter hin­ge­gen er­klä­ren ih­ren Aus­tritt aus der Bun­des­re­pu­blik und mar­kie­ren häu­fig ihr ei­ge­nes Staats­ge­biet. Den bei­den Grup­pen ord­net der Ver­fas­sungs­schutz 776 Straf­ta­ten im ver­gan­ge­nen Jahr zu, 160 da­von ge­walt­tä­tig. „An­ti­se­mi­tis­mus ist wei­ter­hin ein kon­stan­tes Agi­ta­ti­ons­feld und ideo­lo­gi­sches Iden­ti­fi­ka­ti­ons­merk­mal von Rechts­ex­tre­mis­ten“, schrei­ben die Ver­fas­sungs­schüt­zer. Al­ler­dings kon­zen­trie­re man sich der­zeit auf The­men, von de­nen man sich mehr An­knüp­fungs­punk­te an die öent­li­che Dis­kus­si­on ver­spre­che. Es ge­he um „Aus­län­der“, „Über­frem­dung“.

Zu­neh­mend ko­ope­rie­ren die Rech­ten auch in­ter­na­tio­nal. Die An­ti De­fa­ma­ti­on Le­ague (ADL) hat in ih­rem ak­tu­el­len Be­richt die in­ter­na­tio­na­le Ver­net­zung wei­ßer Ras­sis­ten un­ter­sucht. Dem­nach die­nen vor al­lem die Ta­ten des nor­we­gi­schen Rechts­ex­tre­mis­ten An­ders Brei­vik als Vor­bild, der im Som­mer 2011 in der Os­lo­er In­nen­stadt Amok lief und da­nach ein Treen so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Nach­wuchs­po­li­ti­ker über­fiel und 77 Men­schen tö­te­te.

Wie der Nor­we­ger nutz­ten die Tä­ter das In­ter­net und So­zia­le Me­di­en als Büh­ne für sich und für ih­re Mor­de. Vor al­lem jun­ge Män­ner mit feh­len­den be­ruf­li­chen und pri­va­ten Per­spek­ti­ven schei­nen an­fäl­lig für sol­che In­hal­te zu sein. Ras­sis­ti­sche Grup­pen ver­mit­teln den po­ten­zi­el­len Tä­tern, Ju­den und nicht-wei­ße Men­schen sei­en das Grund­übel. Auch üben sie hef­ti­ge Kri­tik an der Glo­ba­li­sie­rung und am Fe­mi­nis­mus – bei­des wür­de ge­nutzt, um die „wei­ße Ras­se aus­zu­tau­schen“.

Das Kon­strukt vom „Aus­tausch der Wei­ßen“ist ein wich­ti­ger Be­stand­teil der Ideo­lo­gie wei­ßer Ras­sis­ten. Als Er­fin­der die­ser Idee gilt der fran­zö­si­sche Au­tor Ren­aud Ca­mus, der mit sei­nem Buch „Le Grand Rem­pla­ce­ment“– der gro­ße Aus­tausch – die The­se auf­stellt, durch Ein­wan­de­rung er­le­be Eu­ro­pa ei­nen Iden­ti­täts­und Kul­tur­ver­lust. Na­tio­na­lis­ti­sche Grup­pen wie die Iden­ti­tä­re Be­we­gung be­ru­fen sich auf Ca­mus. Eu­ro­päi­sche Re­gie­run­gen wür­den ei­ne „Auf­lö­sung“des Vol­kes pla­nen und be­trei­ben.

In Deutsch­land lie­fert die so­ge­nann­te Iden­ti­tä­re Be­we­gung den neu­en Über­bau für die Rech­ten. Die­se be­zieht sich auf das Ge­dan­ken­gut des Ver­le­gers und Au­tors Götz Ku­bit­schek. In­zwi­schen er­obert die Ge­dan­ken­welt auch den Main­stream. Me­la­nie Schmitz et­wa ist Mit­be­grün­de­rin des Iden­ti­tä­ren Zen­trums „Flam­berg“(Flam­men­schwert) in der In­nen­stadt von Hal­le an der Saa­le, gleich ge­gen­über der Mar­tin-Lu­ther-Uni­ver­si­tät. Sie ist laut „Spie­gel“das Pos­ter­girl der rech­ten Be­we­gung und verbreitet über Mu­sik­vi­de­os und ei­nen po­pu­lä­ren Ins­ta­gram-Ac­count rech­tes Ge­dan­ken­gut.

Aus dem Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2018

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