Un­ter­schätz­te Ge­fahr

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK -

Leit­ar­ti­kel Eli­sa­beth Zoll zum An­ti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land Der jetzt sicht­bar ge­wor­de­ne Hass kommt aus der deut­schen Ge­sell­schaft. Und da vor al­lem von Rechts.

Die Angst ist zu­rück. Der An­schlag von Hal­le hat al­len deut­lich ge­macht, wie re­al die Ge­fahr für jü­di­sche Men­schen in Deutsch­land ist. Dut­zen­de Men­schen bang­ten am Mitt­woch um ihr Le­ben. Ein sich mäch­tig wäh­nen­der, ge­mei­ner Mör­der hat­te es auf sie ab­ge­se­hen, nur weil sie Ju­den sind. Die gro­ße Ka­ta­stro­phe wur­de zwar ab­ge­wen­det – trotz der zwei Men­schen, die kalt­blü­tig er­schos­sen wur­den, weil sie zu­fäl­lig den Weg des At­ten­tä­ters kreuz­ten. Die Fra­gen je­doch blei­ben: Wie si­cher ist das Le­ben von Ju­den in Deutsch­land? Und wie tief ist An­ti­se­mi­tis­mus in die­sem Land wei­ter ver­wur­zelt?

Wir al­le wür­den es uns ger­ne ein­fach ma­chen: An­ti­se­mi­tis­mus sei ein Pro­blem der Ver­gan­gen­heit. Al­te Na­zis und ei­ne über­schau­ba­re Schar jun­ger Rech­ter könn­ten ja das Pro­blem ei­ner Ge­sell­schaft nicht sein, die Leh­ren aus der Ver­gan­gen­heit ge­zo­gen und Fa­cet­ten des Ho­lo­caust über Jahr­zehn­te in al­len denk­ba­ren For­men auf­ge­ar­bei­tet hat. Doch die Rea­li­tät ist ei­ne an­de­re.

Jü­di­sches Le­ben ist in Deutsch­land wie­der mas­si­ven An­fein­dun­gen aus­ge­setzt: Fried­hö­fe wer­den ge­schän­det, Denk­mä­ler und Sy­nago­gen be­schmiert. Auf oener Stra­ße wer­den Ju­den be­spuckt und ge­schmäht, manch­mal auch zu­sam­men­ge­schla­gen, weil sie mit ih­rer Kip­pa als Ju­den er­kenn­bar sind. Im­mer un­ge­hemm­ter zeigt sich die Ge­walt. Ei­ne Ra­di­ka­li­sie­rung ist nicht mehr zu leug­nen. So­gar ein Mas­sen­mord an Ju­den kann in Deutsch­land nicht mehr aus­ge­schlos­sen wer­den. In Hal­le ver­hin­der­te ihn nur ei­ne wehr­haf­te Ein­gangs­tür.

Wo speist sich der An­ti­se­mi­tis­mus, der im­mer oener ge­zeigt und im In­ter­net hem­mungs­los verbreitet wird? Er fußt auf jahr­hun­der­te­al­ten Vor­ur­tei­len, aber auch auf neu­en My­then von rech­ten Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern, eben­so auf pau­scha­li­sier­ter Kri­tik an is­rae­li­scher Re­gie­rungs­po­li­tik und der tra­di­tio­nel­len Is­ra­el-Feind­schaft man­cher Ein­wan­de­rer. Doch klar ist: Nicht die Zu­wan­de­rer sind das Pro­blem. Der jetzt sicht­bar ge­wor­de­ne Hass kommt aus der deut­schen Ge­sell­schaft. Und da von Rechts. To­des­lis­ten, die im In­ter­net kur­sie­ren, hät­ten deut­lich ma­chen müs­sen, dass ei­ne neue Stu­fe der Ge­walt­be­reit­schaft er­klom­men wor­den ist. Mor­de po­li­ti­scher Geg­ner oder An­ders­den­ken­der wer­den mit sol­chen Lis­ten durch­ge­spielt. Sie sind die Vor­stu­fe zur Tat.

Man muss jü­di­sche Stät­ten bes­ser schüt­zen. Das ist nach dem ver­ei­tel­ten An­schlag auf die Sy­nago­ge von Hal­le ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Doch es braucht da­ne­ben den Auf­schrei der Mas­sen. Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen, So­li­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen, all das ist jetzt ge­for­dert. Jü­di­sche Men­schen müs­sen er­le­ben, dass die gro­ße Mehr­heit der Deut­schen die­ses Mal an ih­rer Sei­te steht. Wir Bür­ger müs­sen re­den, be­ten, So­li­da­ri­täts­kon­zer­te fei­ern, was im­mer auch Aus­druck von Ge­mein­schaft ist. Und wir müs­sen er­ken­nen: dass die Scharf­ma­cher von rechts kei­ne harm­lo­sen Ent­täusch­ten sind. Son­dern dass von ih­nen die Ge­fahr aus­geht, die nicht nur Ju­den in Deutsch­land be­droht, son­dern un­se­re de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft ins­ge­samt.

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