Das Zit­tern vor er­neu­ter Ge­walt

Haller Tagblatt - - POLITIK - Von Ste­fan Ke­gel

21 Jah­re nach dem En­de des Bür­ger­kriegs be­fürch­ten vie­le Nord­iren und Iren ei­ne Rück­kehr des Ter­rors. Pre­mier Bo­ris John­son neh­me den Zer­fall des Ver­ein­ten Kö­nig­reichs in Kauf.

Es hat 16 Jah­re ge­dau­ert, bis Re­bec­ca zum ers­ten Mal in ein Vier­tel ih­rer Hei­mat­stadt ging, in dem Ka­tho­li­ken le­ben. „Ich hat­te vor­her nie mit ei­nem Ka­tho­li­ken ge­spro­chen“, sagt sie. „Es gab kei­ne Ge­le­gen­heit da­zu.“Die Zeit der Stra­ßen­schlach­ten, Er­schie­ßun­gen und Bom­ben hat sie nicht mit­er­lebt. Und doch sind die Wun­den un­merk­lich auf sie über­ge­gan­gen. Die me­ter­ho­he Mau­er, die sich durch die nord­iri­sche Haupt­stadt Bel­fast zieht und die das pro­tes­tan­ti­sche vom ka­tho­li­schen Vier­tel trennt, war für das rot­haa­ri­ge Mäd­chen zeit­le­bens Nor­ma­li­tät. So lan­ge, bis die heu­te 16-Jäh­ri­ge an­fing, in ei­nem Pro­jekt für be­nach­tei­lig­te Kin­der mit­zu­ar­bei­ten, in dem Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten mit­ein­an­der ins Ge­spräch kom­men sol­len. Heu­te ist das für sie Nor­ma­li­tät.

Wer wis­sen will, war­um ei­ne Ei­ni­gung im Br­ex­it-Streit nach wie vor un­er­reich­bar scheint, muss sich in Nord­ir­land um­schau­en. Der Zank um Zoll­kon­trol­len auf der In­sel oder über den ein­heit­li­chen EU-Bin­nen­markt ver­stellt die Sicht auf das ei­gent­li­che Pro­blem: 21 Jah­re nach dem En­de des Bür­ger­kriegs be­fürch­ten vie­le Nord­iren und Iren, dass die Zei­ten des Ter­rors zu­rück­keh­ren. Denn der Aus­tritt des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs und sei­ner Pro­vinz Nord­ir­land aus der EU nimmt ih­nen die Il­lu­si­on, dass die Jahr­zehn­te von Blut und Ge­walt zwi­schen Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten be­gra­ben sei­en.

Ter­ror for­der­te 3500 Op­fer

Grenz­kon­trol­len sind für Iren und Nord­iren zur Schick­sals­fra­ge ge­wor­den. „Das ist nicht nur ein wirt­schaft­li­ches Pro­blem“, sagt Ir­lands Vi­ze-Re­gie­rungs­chef Si­mon Co­ve­ney. Jahr­hun­der­te­lang leb­ten Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten in Feind­schaft. En­de der 1960er-Jah­re gin­gen sie schließ­lich in Nord­ir­land auf­ein­an­der los: Pro­tes­tan­ten, die nach Groß­bri­tan­ni­en schau­ten, und ka­tho­li­sche Na­tio­na­lis­ten, die ei­ne Wie­der­ver­ei­ni­gung mit dem Rest von Ir­land an­streb­ten. Zwan­zig Jah­re tob­te der Ter­ror und for­der­te mehr als 3500 Men­schen­le­ben. Es sind die­se Bil­der, die im Kopf der Men­schen auf der In­sel ab­lau­fen, wenn sie von mög­li­chen Grenz­kon­trol­len hö­ren. Es sei ge­ra­de die „un­sicht­ba­re Gren­ze“, wie Vi­ze­pre­mier Co­ve­ney sie nennt, die den Frie­den si­che­re.

War­um ei­ne Li­nie, die nir­gend­wo mehr zu se­hen ist, ei­nen solch ho­hen Sym­bol­wert hat, hängt mit dem Kar­frei­tags­ab­kom­men von 1998 zu­sam­men. Da­mals ver­ein­bar­ten die Erz­fein­de ein Zu­sam­men­rü­cken. Ei­ne Ein­heits­re­gie­rung so­wie ge­mein­sa­me In­sti­tu­tio­nen wur­den ge­bil­det, die Men­schen durf­ten wäh­len, wel­chen Pass sie ha­ben woll­ten – den iri­schen, den bri­ti­schen oder so­gar bei­de. „Das war für mich ein ab­so­lu­tes Wun­der“, er­in­nert sich Ge­ral­di­ne Ateer, die heu­te als Na­tio­na­lis­tin der Par­tei Sinn Fein im Bel­fas­ter Stadt­rat sitzt. „Die Men­schen ha­ben wie­der an­ge­fan­gen, das Le­ben zu ge­nie­ßen“, er­zählt sie. „Das Kar­frei­tags­ab­kom­men war nach den Jah­ren des Kon­flikts wie ei­ne rie­si­ge Ku­schel­de­cke.“

Al­ler­dings de­cken Ku­schel­de­cken Pro­ble­me nur zu, sie lö­sen sie nicht. „Wir wa­ren sehr gut da­rin, die Ge­walt zu be­sie­gen“, sagt der Bel­fas­ter Po­li­to­lo­ge Dun­can Mor­row. „Wir wa­ren sehr viel schlech­ter da­rin, Ver­bin­dun­gen auf­zu­bau­en.“Zwi­schen Unio­nis­ten und Na­tio­na­lis­ten gibt es müh­sa­me Schrit­te der An­nä­he­rung, aber noch im­mer wird in klei­nen Ort­schaf­ten arg­wöh­nisch be­äugt, wer in wel­ches Vier­tel zieht. Fast al­le Schu­len sind nach Re­li­gio­nen ge­trennt.

Für die Be­frie­dung des Kon­flikts gab es nur ei­ne Vor­aus­set­zung: die Mit­glied­schaft bei­der Sei­ten in der EU. Iren konn­ten so über die Gren­ze zum nächs­ten Arzt oder Kran­ken­haus fah­ren statt stun­den­lang nach Du­blin rei­sen zu müs­sen. Und nord­iri­sche Bau­ar­bei­ter konn­ten im boo­men­den Ir­land Geld ver­die­nen.

Mit ei­nem Br­ex­it oh­ne Ab­kom­men wä­re vie­les da­von auf ei­nen Schlag vor­bei. Zahl­rei­che Nord­iren klam­mern sich an die Ho¦nung, dass Bo­ris John­son doch noch ei­nen Deal mit der EU er­reicht oder das Un­vor­stell­ba­re ver­schiebt. Der frü­he­re iri­sche Bot­schaf­ter in Lon­don und bei der EU, Bob­by Mc­Do­nagh, sieht da­für kei­ne gu­ten Vor­aus­set­zun­gen. John­son und sei­ne Br­ex­i­teers näh­men den Zer­fall des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs in Kauf. Für ihn ist klar: „Wenn es ei­ne har­te Gren­ze gä­be, wür­de ei­ne Wie­der­ver­ei­ni­gung von Ir­land und Nord­ir­land auf die Ta­ges­ord­nung rü­cken.“Das könn­te er­neut die Ge­walt be­feu­ern.

Fo­to: Ste­fan Ke­gel

Die Gren­ze zwi­schen Ir­land und Nord­ir­land ist durch­läs­sig – wie es das Kar­frei­tags­ab­kom­men fest­legt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.