Kret­sch­manns prä­si­dia­les Tän­zeln

Po­li­tik 700 Bür­ger­meis­ter und ein Mi­nis­ter­prä­si­dent in der Ehin­ger Lin­den­hal­le: Der Ge­mein­de­tag will mehr Geld vom Land, der Re­gie­rungs­chef weicht ge­schickt aus. Von Mar­tin Trös­ter Wir brau­chen kei­ne Ver­hin­de­rungs­de­mo­kra­tie. Ro­ger Keh­le Prä­si­dent des Ge­me

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU -

Erst der Charme, dann Ta­che­les: Zu­nächst schmei­chelt Ro­ger Keh­le, Prä­si­dent des ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Ge­mein­de­tags, dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) mit des­sen enor­men Be­liebt­heits­wer­ten. Und ver­weist auf die „durch­aus gu­te und kon­struk­ti­ve Zu­sam­men­ar­beit“des Lan­des mit den kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den. Den­noch: „Es liegt ei­ni­ges im Ar­gen.“Und dann geht es zur Sa­che in der Ehin­ger Lin­den­hal­le.

700 Bür­ger­meis­ter und Ober­bür­ger­meis­ter aus Ge­mein­den und klei­ne­ren Städ­ten wa­ren in den Alb-Do­nau-Kreis ge­reist, zur po­li­ti­schen Kund­ge­bung des Ge­mein­de­tags, die nur al­le zwei Jah­re statt­fin­det. Nun sind der­lei Ver­an­stal­tun­gen nicht da­für da, die Pro­ble­me zu lö­sen. Son­dern da­zu, die For­de­run­gen an die Lan­des­re­gie­rung ö˜ent­lich­keits­wirk­sam auf den Tisch zu le­gen.

Die­se For­de­run­gen sind im Kern nicht neu, und nicht sel­ten ging es um Vor­ga­ben der Bun­des­po­li­tik. Fast im­mer stand am En­de die Fra­ge: Wer soll das be­zah­len? In den Wor­ten Keh­les: „Das ist wie ei­ne Dau­er­schlei­fe: Bund und Län­der tre˜en Ent­schei­dun­gen, die nicht sau­ber durch­fi­nan­ziert sind, und las­sen uns Kom­mu­nen da­mit al­lein.“Keh­le setz­te noch ei­nen drauf: „Glau­ben Sie, das wird beim Kli­ma­schutz und bei der Di­gi­ta­li­sie­rung an­ders lau­fen?“Laut­star­ker Ap­plaus der Bür­ger­meis­ter.

Das Bei­spiel Flücht­lings­un­ter­brin­gung: Jüngst ha­ben die Kom­mu­nal­ver­bän­de die Ver­hand­lun­gen der ge­mein­sa­men Fi­nanz­kom­mis­si­on zwi­schen Kom­mu­nen und Land ab­ge­bro­chen. Be­grün­dung: Man sieht sich vom Land im Stich ge­las­sen, die Krei­se se­hen für die­sen Pos­ten je nach Les­art ei­ne Lü­cke von fast 100 Mil­lio­nen Eu­ro im Haus­halts­ent­wurf des Lan­des.

Bei­spiel Bau­en: Vor al­lem die Städ­te kom­men kaum hin­ter­her mit der Scha˜ung neu­en Wohn­raums, doch die stei­gen­de Zahl an Vor­schrif­ten, auch von Sei­ten des Lan­des, be­hin­de­re die Kom­mu­nen, sagt Keh­le: Ak­tu­ell prü­fen Kret­sch­manns Grü­ne ei­ne Pflicht

für So­lar­dä­cher auf Neu­bau­ten. Auch sei­en Bür­ger­be­geh­ren ein „Hin­der­nis“. Grün-Rot hat­te 2015 die Hür­den für Volks­ent­schei­de ge­senkt. „Lei­der ist die di­rek­te De­mo­kra­tie bis­lang nur ge­nutzt wor­den, um Bau­vor­ha­ben zu ver­hin­dern.“Keh­le er­gänzt: „Wir brau­chen kei­ne Ver­hin­de­rungs­de­mo­kra­tie.“Noch mehr Ap­plaus.

Kret­sch­mann denkt nicht dar­an, tief­grei­fend auf An­wür­fe ein­zu­ge­hen. „Ich ver­hand­le nicht öf­fent­lich.“Prä­si­di­al tän­zelt der Mi­nis­ter­prä­si­dent um die Knack­punk­te: „Wir kla­gen auf ho­hem Ni­veau.“In Zwi­schen­tö­nen hör­bar ist: Die Kom­mu­nen kla­gen auf ho­hem Ni­veau. Es sei doch „im­mer die­sel­be Li­t­ur­gie“. Dann ver­weist er auf ei­ge­ne fi­nan­zi­el­le Zwän­ge, den Kon­junk­tur­ab­schwung, die Schul­den­brem­se.

Kret­sch­mann ver­säumt es auch nicht, fi­nan­zi­el­le Zwän­ge mit der „Mensch­heits­fra­ge un­se­rer Zeit“zu ver­knüp­fen: der Kli­ma-Kri­se, de­ren Be­kämp­fung auch nicht bil­lig wird. „Das Pro­blem ist er­schre­ckend schnel­ler vor­an­ge­gan­gen als er­war­tet. Das sieht man auch am Zu­stand un­se­res Wal­des.“Wel­cher Bür­ger­meis­ter will da wi­der­spre­chen?

Kret­sch­manns viel­leicht ra£nier­tes­ter Kni˜: „Ein Mi­nis­ter­prä­si­dent muss zu sei­ner Fi­nanz­mi­nis­te­rin ste­hen.“Was o˜en­bleibt: Ob er über­haupt vor­hat, sei­ner Par­tei­freun­din Edith Sitz­mann zu wi­der­spre­chen. Er sei „auch un­glück­lich“, dass ei­ne Ei­ni­gung nicht ge­lun­gen sei.

Was Kret­sch­mann bei all dem je­doch auch sagt, fast als Rand­be­mer­kung: Er bot an, mit den Spit­zen­ver­bän­den der Kom­mu­nen in den nächs­ten vier Wo­chen zu spre­chen. Ein Vor­schlag, den Ge­mein­de­tags­prä­si­dent Keh­le dan­kend auf­nimmt, wie er im Ge­spräch mit der SÜDWEST PRES­SE sagt: Er se­he da­rin durch­aus ein „ge­wis­ses Ent­ge­gen­kom­men“. Auch ha­be der „auf­merk­sa­me Be­ob­ach­ter“er­ken­nen kön­nen, wie eif­rig Kret­sch­manns Mit­ar­bei­ter die Ar­gu­men­te des Ge­mein­de­tags auf­ge­schrie­ben hät­ten. „Ich ha­be ja auch nicht er­war­tet, dass er hier auf je­den ein­zel­nen Vor­schlag ein­geht“, sagt Keh­le.

Fo­to: dpa

Kret­sch­mann bei sei­ner An­spra­che in der Ehin­ger Lin­den­hal­le.

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