Der ein­sa­me Wolf als Mut­ma­cher

Haller Tagblatt - - FEUILLETON -

Song­wri­ter Ein ein­zi­ges Kon­zert gibt Bill Cal­la­han in Deutsch­land im Ber­li­ner Ad­mi­rals­pa­last – aber das wird zum Er­eig­nis.

Ber­lin. Gut ein dut­zend Plat­ten hat Bill Cal­la­han seit 1990 als Smog her­aus­ge­bracht, bis er das Pseud­onym nicht mehr brauch­te und un­ter ei­ge­nem Na­men wei­te­re sechs Al­ben pro­du­zier­te. Sein jüngs­tes „She­pherd in a Sheeps­kin Vest“– das ers­te seit sechs Jah­ren – ist nicht nur sein längs­tes (ei­ne Dop­pel-LP), son­dern auch ei­nes der lich­tes­ten und dich­tes­ten, schöns­ten, tiefs­ten, und trost­reichs­ten.

Aus dem ein­sa­men Wolf ist ein Fa­mi­li­en­mensch ge­wor­den, was sich in sei­ner Mu­sik und sei­nen Tex­ten nie­der­schlägt. „The pa­nic room is now a nurse­ry“– bes­ser lie­ße sich die Wand­lung kaum aus­drü­cken als in die­ser Zei­le aus dem Song „Son Of The Sea“: „Der Pa­nik­raum ist nun ein Kin­der­zim­mer.“

Wer aber die rei­ne Idyl­le er­war­tet, soll­te ge­warnt sein. Die Fra­gen hö­ren nicht auf – et­wa die, was aus dem Wün­schen wird, wenn man ei­nen Zu­stand der Ge­wiss­heit er­reicht hat. Oder die nach dem Tod. Der aber ver­liert bei Cal­la­han nun al­len Schre­cken, wird Teil des Gangs durch das „Lo­ne­so­me Val­ley“des Le­bens. „She­pherd In A Sheeps­kin Vest“ist ein Al­bum, das ei­nen wie ein Mut­ma­cher durch die Un­tie­fen des All­tags be­glei­ten wird.

In­ten­siv und dring­lich

Um­so ge­spann­ter durf­te man sein, wie Bill Cal­la­han sei­ne neu­en Songs beim ein­zi­gen Deutsch­land­kon­zert in Ber­lin prä­sen­tie­ren wür­de. Um es vor­weg­zu­neh­men: Es war ein be­geis­tern­der Auf­tritt. Bill Cal­la­han und sei­ne drei Mit­mu­si­ker prä­sen­tier­ten die neu­en und auch vie­le äl­te­re Lie­der wie et­wa „Say Val­ley Ma­ker“oder „One Fi­ne Morning“mit ei­ner In­ten­si­tät und Dring­lich­keit, dass das Pu­bli­kum im Ber­li­ner Ad­mi­rals­pa­last am En­de vor Be­geis­te­rung stand und mi­nu­ten­lang ap­plau­dier­te.

Je­des ein­zel­ne Stück wur­de live ziem­lich druck­voll dar­ge­bo­ten, und das ob­wohl ei­gent­lich ei­nes der wich­tigs­ten Cha­rak­te­ris­ti­ka von Cal­la­hans Mu­sik die Stil­le ist. Sie bleibt, selbst wenn sein ste­tig vor­an­trei­ben­des Fin­ger­pi­cking auf der Gi­tar­re uns sanft schau­kelt und die Band die Schlag­zahl er­höht, im­mer an­we­send. Die Me­lo­die oder die An­sät­ze von Me­lo­die sind im­mer aus die­ser Stil­le her­aus ge­bo­ren, fast als wür­de die Sor­ge zu groß sein, sonst ei­nen Ton oder ei­ne im tie­fen Ba­ri­ton vor­ge­tra­ge­ne Vers­zei­le zu ver­grau­len.

Wer Bill Cal­la­han frü­her schon ein­mal live er­lebt hat, muss­te sich wun­dern: Hier steht nicht mehr der grüb­le­ri­sche, in sich selbst ver­sun­ke­ne Mann auf der Büh­ne, son­dern ein zu­ge­wand­ter, so­gar zu Scher­zen auf­ge­leg­ter Mitt­fünf­zi­ger, dem das Glück ein zu gro­ßes Wun­der ist, als dass er es acht­los vor­bei­zie­hen lie­ße.

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