Die Welt im­mer neu er­zäh­len

Li­te­ra­tur-No­bel­preis Mehr oder we­ni­ger über­ra­schend: Der Ös­ter­rei­cher Pe­ter Hand­ke und die Po­lin Ol­ga To­k­arc­zuk er­hal­ten die Aus­zeich­nung. Von Jür­gen Ka­nold und Chris­ti­na Til­mann

Haller Tagblatt - - FEUILLETON -

Hand­ke, der pro­vo­zie­ren­de Äs­t­het, der am Gr­ab von Mi­lo­se­vic ei­ne Re­de hielt. To­k­arc­zuk, die fan­ta­sie­vol­le Sti­lis­tin und über­zeug­te Eu­ro­päe­rin.

Ol­ga To­k­arc­zuk, die hat­ten vie­le auf der Rech­nung. Der Kam­pa Ver­lag aus Zü­rich schick­te am Mitt­woch noch wer­ben­de Pres­se­mit­tei­lun­gen her­um, dass ja nun Zei­tun­gen aus al­ler Welt, dar­un­ter „The New Yor­ker“, die Po­lin als Fa­vo­ri­tin han­del­ten. Mit ih­rem Ro­man „Die Ja­kobs­bü­cher“kommt sie am Di­ens­tag auf Le­se­rei­se auch nach Stutt­gart ins Li­te­ra­tur­haus – tat­säch­lich als Li­te­ra­tur-No­bel­preis­trä­ge­rin.

Gleich zwei Na­men ver­kün­de­te die Schwe­di­sche Aka­de­mie aber am Don­ners­tag­mit­tag in Stock­holm – für 2018 und 2019. Denn im ver­gan­ge­nen Jahr war die Ver­ga­be aus­ge­fal­len, weil die Ju­ry nach Skan­da­len nicht hand­lungs­fä­hig ge­we­sen war. Der zwei­te Li­te­ra­tur-No­bel­preis­trä­ger, der um­ge­rech­net rund 830 000 Eu­ro er­hält, heißt Pe­ter Hand­ke. Eher ei­ne Über­ra­schung. Doch stand der 76-jäh­ri­ge Ös­ter­rei­cher schon lan­ge auf der Lis­te.

2014 hat­te der so sanft fa­bu­lie­ren­de, ger­ne in ma­kel­lo­ser Schön­heit schrei­ben­de und auch mal er­star­ren­de, aber dann doch zor­ni­ge, di­ven­haf­te Schrift­stel­ler frei­lich ge­for­dert, den No­bel­preis ab­zu­scha«en. Mit die­ser Aus­zeich­nung wer­de die Li­te­ra­tur nur falsch ka­no­ni­siert, sie ver­scha«e nur „ei­nen Mo­ment der Auf­merk­sam­keit, sechs Sei­ten in der Zei­tung“, aber für das Le­sen brin­ge das nichts. Es wer­den jetzt, welt­weit, doch ein paar Ar­ti­kel mehr sein. Und vie­le Le­ser wer­den wie­der oder neu zu sei­nen Bü­chern grei­fen.

Es ist ein enor­mes Werk ge­wach­sen seit 1966, als sein De­büt­ro­man „Die Hor­nis­sen“her­aus­kam. In je­nem Jahr misch­te Hand­ke auch als jun­ger Wil­der die Her­ren Böll, Grass und Co. auf. Den Schrift­stel­lern der Grup­pe 47 warf er in selbst­si­chers­ter Ar­ro­ganz „Be­schrei­bungs­in­kom­pe­tenz“vor. Und Claus Pey­mann in­sze­nier­te in Frank­furt Hand­kes „Pu­bli­kums­be­schimp­fung“– ein ech­ter Skan­dal.

Der Dich­ter pfleg­te ei­ne Pop­star-At­ti­tü­de, war ein 68er-Held, aber dann doch nie wirk­lich mas­sen­taug­lich po­pu­lär, er woll­te das auch nie sein: „Ich bin ein Be­woh­ner des El­fen­bein­turms.“Sei­ne Buch­ti­tel ar­ri­vier­ten aber zu ge­flü­gel­ten Wor­ten: „Wun­sch­lo­ses Un­glück“, „Der kur­ze Brief zum lan­gen Ab­schied“, „Ver­such über den ge­glück­ten Tag“und na­tür­lich „Die Angst des Tor­manns beim Elf­me­ter“(1970 er­schie­nen). Ab­ge­se­hen da­von, dass beim Elf­me­ter nicht der Tor­wart, son­dern der Schüt­ze Angst hat zu ver­sa­gen: Es ist die span­nen­de Ge­schich­te ei­nes Men­schen, der sich nicht zu­recht­fin­det in der Welt.

Hand­ke wur­de 1942 in Kärn­ten ge­bo­ren, er stu­dier­te Ju­ra, aber nach dem „Hor­nis­sen“-De­büt bei Suhr­kamp wid­me­te er sich ganz dem Schrei­ben. Gut 70 Er­zäh­lun­gen und Pro­sa­wer­ke sind ent­stan­den, auch 1000-Sei­ten-Schmö­ker wie „Mein Jahr in der Nie­mands­bucht“aus der spä­te­ren Ere­mi­ten-Zeit Hand­kes. Er zählt eben­so zu den gro­ßen deutsch­spra­chi­gen Dra­ma­ti­kern. Von der Atta­cke wech­sel­te er aber zur Poe­sie: In „Die St­un­de, da wir nichts von­ein­an­der wuss­ten“wird nicht ge­spro­chen. Hand­ke schrieb auch für Wim Wen­ders das Dreh­buch zu „Der Him­mel über Ber­lin“– noch ein ge­flü­gel­tes Wort.

Was die Schwe­di­sche Aka­de­mie rühm­te: „Hand­ke ha­be „mit lin­gu­is­ti­schem Ein­falls­reich­tum die Pe­ri­phe­rie und die Spe­zi­fi­tät der mensch­li­chen Er­fah­rung er­forscht.“Ganz an­de­re Er­fah­run­gen mach­te die Ö«ent­lich­keit mit Hand­kes po­li­ti­schen State­ments. 1996 sorg­te er mit sei­nem An­ti-Nato-Be­richt „Ei­ne win­ter­li­che Rei­se zu den Flüs­sen Do­nau, Sa­ve, Mora­wa und Dri­ne oder Ge­rech­tig­keit für Ser­bi­en“für hef­ti­gen Streit, weil er die Ser­ben als die ei­gent­li­chen Op­fer des Bür­ger­kriegs be­zeich­ne­te. Auch sprach er am Gr­ab des Kriegs­ver­bre­chers Slo­bo­dan Mi­lo­se­vic. Der un­be­lehr­ba­re Hand­ke. Ein Äs­t­het, aber pro­vo­zie­rend.

Ei­ne ganz an­de­re po­li­ti­sche Hal­tung zeigt Ol­ga To­k­arc­zuk. Der Li­te­ra­tur-No­bel­preis tri«t ne­ben ei­ner ei­gen­wil­li­gen, fan­ta­sie­vol­len Sti­lis­tin vor al­lem ei­ne über­zeug­te Eu­ro­päe­rin mit ei­nem gro­ßen his­to­ri­schen Atem. Ob­wohl sie im Vor­feld als Kon­sens-Kan­di­da­tin ge­han­delt wor­den war – Ost­eu­ro­päe­rin, ei­ne Frau, in Po­len we­gen ih­rer kri­ti­schen Hal­tung zur ak­tu­el­len Ver­gan­gen­heits­v­er­klä­rung an­ge­fein­det – ist die Ent­schei­dung so über­ra­schend wie ver­dient.

Die 1962 in Sulechów ge­bo­re­ne Po­lin, die seit 1998 in dem klei­nen Dorf No­wa Ru­da in Nie­der­schle­si­en wohnt und dort auch ein klei­nes Li­te­ra­tur­fes­ti­val be­treibt, hat Ge­gen­wart und Ver­gan­gen­heit in ih­ren Wer­ken im­mer kunst­voll ver­wo­ben.

Nicht nur in ih­rem Buch „Tag­haus, Nacht­haus“, das in lo­se mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Skiz­zen die Welt ih­rer Wahl­hei­mat na­he der pol­nisch-tsche­chi­schen Gren­ze spie­gelt, the­ma­ti­siert sie auch die mit­tel­eu­ro­päi­sche Völ­ker­ver­flech­tung. Es ist das ein­zi­ge Werk To­k­arc­zu­ks, das auch ins Eng­li­sche über­setzt ist.

Stu­diert hat Ol­ga To­k­arc­zuk Psy­cho­lo­gie und in Bres­lau und Walbrzych als The­ra­peu­tin mit ver­hal­ten­sau«äl­li­gen Ju­gend­li­chen ge­ar­bei­tet. Ein frei­es, as­so­zi­ie­ren­des Strö­men ha­ben auch ih­re Tex­te, die sich nicht vor Rät­seln, My­then und Ge­heim­nis­sen scheu­en und den Le­ser da­mit durch­aus auch for­dern. Schon ihr De­büt­ro­man „Rei­se der Buch­men­schen“, er­schie­nen 1993, spielt im Frank­reich des 17. Jahr­hun­derts.

In­ter­na­tio­nal be­kannt wur­de sie 1996 mit „Ur und an­de­re Zei­ten“, die weit ge­spann­te Ge­schich­te ei­nes fik­ti­ven Städt­chens in Ost­po­len, ein my­thi­sches, mär­chen­haf­tes Pan­ora­ma der Welt im Klei­nen, in dem sich selt­sa­me Ge­stal­ten, be­hü­tet von Er­z­en­geln, durch das 20. Jahr­hun­dert be­we­gen. Auch ihr Ro­man „Un­rast“ von 2008, eben­falls über­setzt von Es­t­her Kins­ky, war ein Er­folg.

Ihr jüngs­ter Ro­man „Die Ja­kobs­bü­cher“von 2014 ist ge­ra­de erst in deut­scher Über­set­zung er­schie­nen. Fast sie­ben Jah­re hat sie an dem 1000-Sei­ten-Wäl­zer ge­schrie­ben, der die Ge­schich­te des pol­ni­schen Ju­den Ja­kob Jo­seph Frank er­zählt, der im 18. Jahr­hun­dert ei­ne mes­sia­ni­sche Be­we­gung be­grün­de­te. Ins­be­son­de­re die­ses Buch hat die Schwe­di­sche Aka­de­mie in ih­rer Be­grün­dung zur Ent­schei­dung als ihr bis­her bes­tes Werk her­vor­ge­ho­ben.

Ihr Schwei­zer Ver­le­ger Da­ni­el Kam­pa be­ton­te in sei­ner be­glück­ten Stel­lung­nah­me zum No­bel­preis, To­k­arc­zuk sei ei­ne Au­to­rin, die der Welt gut­tue. „Das Er­zäh­len kann die Welt nicht bes­ser ma­chen, aber wer To­k­arc­zuk liest, sieht die Welt kla­rer, viel­schich­ti­ger.“

Fo­to: Her­bert Neu­bau­er/APA/dpa

Der Ös­ter­rei­cher Pe­ter Hand­ke ist der Li­te­ra­tur-No­bel­preis­trä­ger 2019.

Fo­to: Brit­ta Pe­der­sen/dpa

Die Po­lin Ol­ga To­k­arc­zuk er­hält den nach­ge­hol­ten Li­te­ra­tur-No­bel­preis für das Jahr 2018.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.