At­ten­tä­ter han­del­te aus rechter Ge­sin­nung und Hass

Ste­phan B. be­kennt sich zu sei­ner Tat. Die SPD will we­gen des An­schlags in Hal­le an der Saa­le Gel­der für zi­vi­les En­ga­ge­ment ge­gen Ex­tre­mis­mus auf­sto­cken.

Haller Tagblatt - - VORDERSEIT­E - Phil­ipp He­de­mann

Der At­ten­tä­ter von Hal­le/Saa­le hat sich in sei­nem Ge­ständ­nis zu rechts­ra­di­ka­len und an­ti­se­mi­ti­schen Mo­ti­ven für sei­ne Tat be­kannt. Das ging nach An­ga­ben der Bun­des­an­walt­schaft aus sei­ner mehr­stün­di­gen Ver­neh­mung her­vor. Der Tä­ter sitzt in Un­ter­su­chungs­haft. Der auf ihn aus­ge­schrie­be­ne Haft­be­fehl legt ihm zwei­fa­chen Mord und sie­ben­fa­chen Mord­ver­such zur Last. Nach Ein­schät­zung der Er­mitt­ler woll­te er ein Mas­sa­ker an­rich­ten und Nach­ah­mer zu ähn­li­chen Ta­ten an­stif­ten. Ste­phan B. hat­te am Mitt­woch vor der jü­di­schen Sy­nago­ge in Hal­le ei­ne 40 Jah­re al­te Frau und spä­ter in ei­nem Dö­ner-Im­biss ei­nen 20-jäh­ri­gen Mann mit selbst­ge­bau­ten Waƒen er­schos­sen. Zu­vor hat­te er ver­geb­lich ver­sucht, in das Got­tes­haus ein­zu­drin­gen. Sei­ne Tat nahm er auf und über­trug sie ins In­ter­net. Aus den Auf­nah­men wird deut­lich, dass er es auf die Men­schen ab­ge­se­hen hat­te, die den Fei­er­tag Jom Kip­pur be­gin­gen.

Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) kün­dig­te in Re­ak­ti­on auf die Tat an, die be­reits ge­plan­te Re­form für ei­ne bes­se­re Be­kämp­fung des Rechts­ex­tre­mis­mus zu be­schleu­ni­gen. Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Fran­zis­ka Giƒey (SPD) stell­te in Aus­sicht, die Mit­tel für die Ar­beit ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus und Ju­den­hass auf­sto­cken zu wol­len.

Die SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on for­der­te ein „De­mo­kra­tie­för­der­ge­setz“, mit dem die Zah­lun­gen des Bun­des an Stif­tun­gen oder Initia­ti­ven ge­gen Ex­tre­mis­mus auf ei­ne dau­er­haf­te Ba­sis ge­stellt wer­den könn­ten. Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz sag­te, der An­schlag sei das Er­geb­nis ei­nes Den­kens, das sich im­mer wei­ter ver­brei­tet. „Die Leu­te, die so den­ken, ha­ben schlech­te An­sich­ten. Das darf man nicht weg­so­zio­lo­gi­sie­ren.“

Der Ver­tei­di­ger von B., Hans-Die­ter We­ber, sieht im Hang sei­nes Man­dan­ten zu Ver­schwö­rungs­theo­ri­en den Aus­lö­ser der Blut­tat. „In sei­nem Welt­bild ist es halt so, dass er an­de­re ver­ant­wort­lich macht für sei­ne ei­ge­ne Mi­se­re“, sag­te We­ber dem SWR. Das sei der Aus­lö­ser für sein Han­deln.

Kom­men­tar

Pre­mier­mi­nis­ter Abiy Ah­med Ali hat im ost­afri­ka­ni­schen Staat Re­for­men an­ge­sto­ßen und den Grenz­kon­flikt mit Eri­trea bei­ge­legt. Nun er­hält er die Aus­zeich­nung.

Os­lo. Als Abiy Ah­med Ali am 15. Au­gust 1976 ge­bo­ren wur­de, wur­den ihm die Vor­aus­set­zun­gen für Ver­söh­nung mit in die Wie­ge ge­legt. Sein Va­ter war Mus­lim und ge­hör­te der größ­ten äthio­pi­schen Eth­nie, den Oro­mo, an. Sei­ne Mut­ter war Chris­tin und Am­ha­rin, An­ge­hö­ri­ge der zweit­größ­ten Volks­grup­pe. 43 Jah­re spä­ter er­hält ihr Sohn für sei­nen in­ter­na­tio­na­len Ein­satz für den Frie­den und die Bei­le­gung des Grenz­kon­flik­tes mit dem Nach­bar­land Eri­trea den Frie­dens­no­bel­preis.

Als Abiy – in Äthio­pi­en wer­den selbst Re­gie­rungs­chefs mit dem Vor­na­men an­ge­spro­chen – am 2. April 2018 über­ra­schend zum Re­gie­rungs­chef er­nannt wur­de, hät­te nie­mand da­mit ge­rech­net, dass er ein­mal die­sen Preis er­hal­ten wür­de. Doch Abiy, 2008 Mit­be­grün­der ei­nes In­ter­net­kon­troll­diens­tes, der die ei­ge­nen Bür­ger über­wach­te, und bis da­hin loya­ler Funk­tio­när des seit 1991 mit ei­ser­ner Hand re­gie­ren­den re­pres­si­ven Sys­tems, über­rasch­te Äthio­pi­en und die Welt.

Der jüngs­te Re­gie­rungs­chef Afri­kas ließ Tau­sen­de von po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen und Jour­na­lis­ten frei, hob den Aus­nah­me­zu­stand auf, ö«ne­te das Land für aus­län­di­sche In­ves­to­ren, be­setz­te sein Ka­bi­nett zur Hälf­te mit Frau­en, be­geis­ter­te sein Volk mit ei­ner Rhe­to­rik von Lie­be und Ver­söh­nung – und be­en­de­te nach mehr als 18 Jah­ren den Krieg mit dem Nach­bar­land Eri­trea. Dem Kon­flikt wa­ren rund 80 000 Men­schen zum Op­fer ge­fal­len.

In Äthio­pi­en brach ei­ne re­gel­rech­te Abiy-Ma­nia aus. Vor al­lem jun­gen Äthio­pi­er ver­eh­ren Abiy in ei­nem qua­si-re­li­giö­sen Per­so­nen-Kult. Doch nicht al­le lie­ben den Re­for­ma­tor und Va­ter von drei Töch­tern. Ver­gan­ge­nes Jahr ent­ging er in der Haupt­stadt Ad­dis Abe­ba nur knapp ei­nem An­schlag. Kei­ne vier Mo­na­te spä­ter stürm­ten Sol­da­ten sei­nen Amts­sitz. Vor al­lem ei­ni­gen An­ge­hö­ri­gen des Mi­li­tärs und An­hän­gern der re­pres­si­ven Vor­gän­ger-Re­gie­rung geht der Re­form­pro­zess zu weit und zu schnell.

Seit sei­ner Amts­über­nah­me hat die eth­nisch mo­ti­vier­te Ge­walt in Äthio­pi­en zu­ge­nom­men. Im­mer wie­der ster­ben Men­schen, rund ei­ne Mil­li­on Äthio­pi­er sind zu Flücht­lin­gen im ei­ge­nen Land ge­wor­den. Dass es im VielVöl­ker-Staat aus­ge­rech­net jetzt zu töd­li­chen Aus­schrei­tun­gen kommt, liegt auch dar­an, dass sich un­ter der jahr­zehn­te­lan­gen Herr­schaft der Ti­gray-Min­der­heit viel Hass und Frus­tra­ti­on an­ge­staut ha­ben, die sich jetzt ent­la­den.

Nur wenn es Abiy ge­lingt, die­se Kon­flik­te bei­zu­le­gen, oh­ne dass das Land aus­ein­an­der­bricht, und er Jobs für die rund 110 Mil­lio­nen Äthio­pi­er scha«t, wird er nicht nur als Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger, son­dern auch als er­folg­rei­cher äthio­pi­scher Re­gie­rungs­chef in die Ge­schich­te ein­ge­hen.

Fo­to: Zacha­ri­as Abu­be­ker/afp

Mit dem Frie­dens­no­bel­preis 2019 aus­ge­zeich­net: Abiy Ah­med Ali.

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