Kri­sen­herd Tür­kei

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Leit­ar­ti­kel Gerd Höh­ler über den Ein­marsch der Tür­ken in Sy­ri­en

Ei­ne „Qu­el­le des Frie­dens“nennt der tür­ki­sche Staats­chef Re­cep Tay­yip Er­do­gan den Ein­marsch sei­ner Ar­mee nach Sy­ri­en. Aber zu­nächst ein­mal löst die In­va­si­on neu­es Leid und wei­te­res Ster­ben aus. Es gab be­reits auf bei­den Sei­ten die ers­ten To­ten und Ver­letz­ten. Tau­sen­de, man­che spre­chen von Zehn­tau­sen­den Zi­vi­lis­ten sind auf der Flucht vor Ar­til­le­rie­be­schuss, Ra­ke­ten und vor­rü­cken­den tür­ki­schen Pan­zern. Die Kur­den fürch­ten eth­ni­sche „Säu­be­run­gen“, wenn die Tür­kei die Re­gi­on erst ein­mal kon­trol­liert. Da­mit wird sich auch der Mi­gra­ti­ons­druck auf Eu­ro­pa er­hö­hen.

Das ist nicht die ein­zi­ge Ge­fahr, die Er­do­gan mit sei­nem Feld­zug her­auf­be­schwört. Ein Ge­schenk ist die tür­ki­sche In­va­si­on für die IS-Ter­ror­mi­liz. Sie wur­de bis­her von den Kur­den­mi­li­zen klein­ge­hal­ten. Wenn die Tür­kei jetzt die Kur­den aus der Re­gi­on ver­treibt, be­kommt der IS die Chan­ce, sich neu zu for­mie­ren. Tau­sen­de IS-Ter­ro­ris­ten, die sich in Ge­fäng­nis­sen der Kur­den­mi­liz be­fin­den, könn­ten frei­kom­men.

„Frie­de da­heim, Frie­de in der

Welt“, lau­te­te ein Leit­spruch des Staats­grün­ders Musta­fa Ke­mal Ata­türk. Der frü­he­re Er­do­gan-Chef­be­ra­ter und Au­ßen­mi­nis­ter Ah­met Da­vu­tog­lu knüpf­te dar­an mit dem Pos­tu­lat an, die Tür­kei wol­le „null Pro­ble­me mit den Nach­barn“. Heu­te muss man sa­gen: Die Tür­kei hat nur Pro­ble­me mit den Nach­barn. Mit fast al­len frü­he­ren Freun­den und Part­nern liegt Er­do­gan im Streit. Grie­chen und Zyp­rern macht er ih­re Ho­heits­rech­te und Bo­den­schät­ze strei­tig. Die Be­zie­hun­gen zur EU und zu den USA be­we­gen sich von ei­nem Tief­punkt zum nächs­ten. Wäh­rend er die Brü­cken zum Wes­ten ab­bricht, sucht Er­do­gan den Schul­ter­schluss mit Russ­land, be­stellt in Mos­kau Ra­ke­ten und lieb­äu­gelt mit rus­si­schen Kamp¢ug­zeu­gen. Kreml­chef Wla­di­mir Pu­tin lie­fert nur zu ger­ne, kann er doch so ei­nen Keil in die Na­to trei­ben. Im Kal­ten Krieg war die Tür­kei ein Pfei­ler der Sta­bi­li­tät an der Gren­ze zur So­wjet­uni­on und dem un­ru­hi­gen Na­hen Os­ten. Un­ter Er­do­gan ist das Land in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mehr und mehr selbst zu ei­nem Kri­sen­herd und da­mit zu ei­nem Si­cher­heits­ri­si­ko für das Bünd­nis ge­wor­den. Den­noch setzt der tür­ki­sche Staats­chef dar­auf, dass die Eu­ro­pä­er ihm fast al­les durch­ge­hen las­sen, selbst sei­ne Sy­ri­en-In­va­si­on, trotz al­ler ver­ba­len Pro­tes­te. Denn in der Mi­gra­ti­ons­po­li­tik

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