Ein Riss geht durch Po­len

Die PiS-Par­tei von Ja­roslaw Kac­zyn­ski hat De­mo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit aus­ge­höhlt. Trotz­dem darf sie bei der Ab­stim­mung am Sonn­tag auf den er­neu­ten Sieg hof­fen.

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Dietrich Schrö­der

Un­ser Land hat sich seit 2015 stark ver­än­dert. Lei­der nicht zum Bes­se­ren.“So wie der Leh­rer An­drzej Kur­ka­no­wicz aus der Groß­stadt Stet­tin for­mu­liert, emp­fin­den der­zeit vie­le Men­schen öst­lich von Oder und Nei­ße. Es sind vor al­lem je­ne, die stolz dar­auf wa­ren, dass sich Po­len zu­vor zu ei­nem wel­to‡enen und an­er­kann­ten Land in Eu­ro­pa ent­wi­ckelt hat­te, in dem sich auch ih­nen selbst neue Per­spek­ti­ven erö‡ne­ten.

Kur­ka­no­wicz fällt es nicht leicht, zu be­schrei­ben, was an­ders läuft, seit die Par­tei „Recht und Ge­rech­tig­keit“vor vier Jah­ren die Macht über­nom­men hat. „Das Schlimms­te ist, dass sich vie­le Po­len in ih­ren ei­ge­nen Fa­mi­li­en kaum noch trau­en, zu sa­gen, was ih­nen nicht ge­fällt.“

Spal­tung bis in die Fa­mi­li­en

Ein Bei­spiel: Wenn er mit Be­kann­ten dar­über spricht, dass sich das ö‡ent­li­che Fern­se­hen in ein Pro­pa­gan­da-In­stru­ment der Re­gie­rung ver­wan­delt hat, und dass es ihn an die kom­mu­nis­ti­sche Zeit er­in­nert, dass wie­der die Ja-Sa­ger und Op­por­tu­nis­ten die bes­ten Kar­rie­re-Chan­cen ha­ben, „ver­ste­hen man­che gar nicht, was ich mei­ne“.

Selbst sei­ne El­tern, die auf ei­nem Dorf le­ben, prei­sen die PiS-Re­gie­rung. „Sie sa­gen, es sei doch schön, dass es jetzt ein mo­nat­li­ches Kin­der­geld von um­ge­rech­net 125 Eu­ro gibt. Oder dass Frau­en wie­der mit 60 in Ren­te ge­hen kön­nen, Män­ner mit 65 und dass im Som­mer erst­mals ei­ne 13. Mo­nats­ren­te aus­ge­zahlt wur­de.“All das sei­en Wohl­ta­ten, die es un­ter der frü­he­ren li­be­ra­len Re­gie­rung nicht ge­ge­ben ha­be. Im Ge­gen­teil: Sei­ner­zeit hät­ten die Eli­ten nur an sich ge­dacht.

Tat­säch­lich geht ein tie­fer Riss zwi­schen PiS-An­hän­gern und -Geg­nern durch das Land. Doch nach al­len Um­fra­gen der jüngs­ten Zeit wol­len mehr Po­len ei­ne wei­te­re Re­gie­rungs­zeit der PiS als ei­nen po­li­ti­schen Wech­sel.

Die „bes­se­ren Po­len“

Die­sen Riss hat Par­tei­chef Ja­roslaw Kac­zyn­ski in Kauf ge­nom­men, als er schon vor Jah­ren die Men­schen in „Po­len der bes­se­ren und der schlech­te­ren Sor­te“teil­te. Die „bes­se­ren Po­len“sind nach sei­ner Den­kungs­art da­von über­zeugt, dass das Land kei­ne Flücht­lin­ge auf­neh­men soll­te, dass Schwu­le, Les­ben oder se­xu­ell an­ders ori­en­tier­te Men­schen „un­nor­mal“sind und al­le, die sich für de­ren Rech­te en­ga­gie­ren, in Wirk­lich­keit das christ­li­che Fa­mi­li­en­bild zer­stö­ren wol­len.

Die „bes­se­ren Po­len“fin­den es gut, wenn ih­re Re­gie­rung den Deut­schen oder an­de­ren Eu­ro­pä­ern be­weist, dass ihr Land sich end­lich „von den Knien er­ho­ben“ha­be. Die For­de­rung nach Mil­li­ar­den-Ent­schä­di­gun­gen, die Po­len von den Deut­schen für den Zwei­ten Welt­krieg zu er­hal­ten ha­be, sind nur ein Teil die­ser „selbst­be­wuss­ten“Po­li­tik. Die Jus­tiz­re­form, we­gen der die Re­gie­rung in­ter­na­tio­nal am Pran­ger steht, weil sie die Un­ab­hän­gig­keit der Ge­rich­te mas­siv be­schränkt hat, ist in den Au­gen der PiS-An­hän­ger da­ge­gen kein Pro­blem. Mit ih­rer na­tio­na­lis­ti­schen Rhe­to­rik hat die Par­tei zu­dem auch den ex­trem Rech­ten Tür und Tor geö‡net.

„Kac­zyn­ski be­herrscht das Spiel mit den Emo­tio­nen ein­fa­cher Bür­ger wie kein zwei­ter Po­li­ti­ker“, sagt An­drzej Kur­ka­no­wicz. Dass sich der Par­tei­chef selbst die Au­ra ei­ner grau­en Emi­nenz ge­ge­ben hat, die aus dem Hin­ter­grund al­le Fä­den zieht, ge­hö­re zu sei­ner Macht da­zu.

Die re­gie­rungs­na­he Zeit­schrift „Do Rzec­zy“hat die­ses Herr­schafts­mo­dell un­längst be­schrie­ben: „Wich­ti­ge Fra­gen wer­den im Prä­si­di­um des Po­li­ti­schen Ko­mi­tees der PiS dis­ku­tiert, das sich ein­mal pro Wo­che tri‡t und zu dem nur engs­te Ver­trau­ten ge­hö­ren.“Bei Per­so­nal­fra­gen he­be oder sen­ke der Par­tei­chef selbst sei­nen Dau­men. So ge­sche­hen, als im Wahl­kampf be­kannt wur­de, dass Par­la­ments­chef Marek Kuch­cin­ski die staat­li­che Flug­be­reit­schaft für Flü­ge mit sei­ner Fa­mi­lie von War­schau in die Hei­mat­stadt Rzes­zow miss­braucht hat­te. Nach ei­nem Kri­sent­re‡en des Po­lit-Ko­mi­tees beim Par­tei­chef muss­te Kuch­cin­ski sei­nen Rück­tritt er­klä­ren.

Wei­te­re Wohl­ta­ten ver­spro­chen

Hat­te die PiS bei ih­rem Sieg vor vier Jah­ren von der Flücht­lings­kri­se pro­fi­tiert, in­dem sie sich strikt der Auf­nah­me von Men­schen ver­wei­ger­te, nutzt ihr seit­her die an­hal­tend gu­te Wirt­schafts­la­ge. Dass die­se die Fol­ge frü­he­rer Re­for­men und der en­gen Ver­flech­tung Po­lens mit der Eu­ro­päi­schen Uni­on ist, wird gern ver­schwie­gen. Die so­zia­len Ge­schen­ke der PiS sind aber nur da­durch zu fi­nan­zie­ren. Und für den Fall ih­res er­neu­ten Wahl­siegs hat die Par­tei be­reits wei­te­re Wohl­ta­ten an­ge­kün­digt.

Der am An­fang zi­tier­te An­drzej Kur­ka­no­wicz macht sich je­doch ganz an­de­re Sor­gen. „Wenn die PiS wei­te­re vier Jah­re re­giert, wird sich das ge­sell­schaft­li­che Kli­ma im Land wei­ter ver­schlech­tern.“

Fo­to: Ina Fass­ben­der/dpa

Po­lens Image hat ge­lit­ten: Das zeig­te sich auch beim Ro­sen­mon­tag in Düs­sel­dorf.

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