Die SPD sucht ih­re Zu­kunft

23 Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen, 7 Kan­di­da­ten-Du­os und et­wa 19 000 Be­su­cher: Am En­de ei­nes kräf­te­zeh­ren­den Ma­ra­thons ist of­fen, wer künf­tig die So­zi­al­de­mo­kra­ten führt. Klar ist nur, dass sich die Ge­nos­sen wei­ter schwer mit dem Zu­sam­men­halt tun.

Haller Tagblatt - - HINTERGRUN­D - Von Ma­thi­as Pud­dig

Dei­ne Kan­di­da­tur hat mich ver­är­gert. Du stehst für ei­ne Po­li­tik, die wir ei­gent­lich über­win­den wol­len. Ein Ge­nos­se na­mens Sven zu Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz

Vor der Show gibt’s erst­mal ei­ne Stand­pau­ke. „Ir­gend­ei­nes von den sie­ben Teams wird ge­win­nen“, er­in­nert SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tär Lars Kling­beil die Ge­nos­sen im ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Ett­lin­gen, be­vor die Re­gio­nal­kon­fe­renz be­ginnt. „Und das sind dann un­se­re Vor­sit­zen­den. Selbst wenn die mit 51 Pro­zent ge­wählt wer­den, ha­ben sie die 100pro­zen­ti­ge So­li­da­ri­tät der SPD und al­ler ih­rer Mit­glie­der ver­dient.“Al­le klat­schen. Doch dass die So­zi­al­de­mo­kra­ten nach der wo­chen­lan­gen Ab­stim­mungs­pro­ze­dur un­ter ei­nem neu­en Füh­rungs-Duo wirk­lich zu­sam­men­ste­hen wer­den, ist al­les an­de­re als aus­ge­macht.

Denn die SPD hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so vie­le Vor­sit­zen­de ver­schlis­sen wie kei­ne an­de­re Par­tei. In Sa­chen Il­loya­li­tät und Nie­der­tracht ist sie spit­ze, ganz im Ge­gen­satz zu den Um­fra­gen, in de­nen sie seit Mo­na­ten bei ma­xi­mal 15 Pro­zent liegt. Sie braucht sol­che Stand­pau­ken. Aber ob es hilft? Für die SPD geht es um al­les: 23 Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen und an­schlie­ßen­de Mit­glie­der­be­fra­gung sol­len Klar­heit, Selbst­be­wusst­sein und ein Nach­fol­ger­team für die aus dem Amt ge­mobb­te Andrea Nah­les brin­gen.

Der Kon­fe­renz­saal am Stei­ger­wald­sta­di­on ist prop­pen­voll: 400 Be­su­cher sind nach Er­furt ge­kom­men, vor­ne auf der Büh­ne sind die Kan­di­da­ten wie im­mer auf wei­ßen Bar­ho­ckern auf­ge­reiht. Rechts au­ßen hat die Ul­mer SPD-Lin­ke Hil­de Matt­heis Platz ge­nom­men, noch wei­ter rechts zählt die Uhr un­barm­her­zig die Se­kun­den run­ter. Von der an­de­ren Sei­te aus blickt Olaf Scholz auf das Ge­sche­hen und be­zieht ver­ba­le Prü­gel. Auch wenn dies­mal Lan­des­chef Wolf­gang Tie­fen­see ap­pel­liert hat, die „Nick­lig­kei­ten“sein zu las­sen, schie­ßen sich vie­le auf den Vi­ze­kanz­ler ein.

Dierk Hir­schel, der Co-Kan­di­dat von Matt­heis, greift den Fi­nanz­mi­nis­ter für sei­ne Po­li­tik an: „Schwar­ze Null und Schul­den­brem­sen ha­ben nichts mit so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Po­li­tik zu tun.“Scholz‘ Duo-Part­ne­rin Kla­ra Gey­witz, Mit­glied im SPD-Bun­des­vor­stand, ver­zieht ge­nervt das Ge­sicht. Es ist nicht die ers­te Atta­cke die­ser Art. In Dres­den be­fin­det der frü­he­re nord­rhein-west­fä­li­sche Fi­nanz­mi­nis­ter und jet­zi­ge Kon­kur­rent Nor­bert Wal­ter-Bor­jans: „Wir dür­fen uns nicht von der Schwar­zen Null stran­gu­lie­ren las­sen.“Auch Kan­di­da­tin Chris­ti­na Kamp­mann, Land­tags­ab­ge­ord­ne­te in NRW, will die Schwar­ze Null hin­ter sich las­sen, um in den Kli­ma­schutz zu in­ves­tie­ren. Scholz legt in die­sen Si­tua­tio­nen den Zei­ge­fin­ger an die Wan­ge und grinst in sich hin­ein.

Er muss sein Grin­sen häu­fig grin­sen, auch bei vie­len Fra­gen aus dem Pu­bli­kum dient es ihm als Schutz­schild. Ein­mal er­klärt ihm ein Ge­nos­se na­mens Sven: „Dei­ne Kan­di­da­tur hat mich ver­är­gert. Du stehst für ei­ne Po­li­tik, die wir ei­gent­lich über­win­den wol­len.“Ein an­de­res Mal ver­wei­gert ihm ein Ju­so bei der Fra­ge das so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche „Du“. In ihm se­hen vie­le den Ga­ran­ten der Gro­ßen Ko­ali­ti­on, aus der sie schnellst­mög­lich raus wol­len. Egal ob Saar­brü­cken, Er­furt, Ett­lin­gen oder Dres­den: Der Ap­plaus für Scholz/Gey­witz ist nur höf­lich.

Spä­ter am Abend irrt Gey­witz al­lein durch den lee­ren Er­fur­ter Haupt­bahn­hof. Sie ist er­schöpft, was kein Wun­der ist. Die Auf­trit­te schlau­chen. Ein paar Ta­ge spä­ter wird Ein­zel­kan­di­dat Karl-Heinz Brun­ner, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter im Wahl­kreis Neu-Ulm, auch des­we­gen auf­ge­ben. Jetzt aber sucht Gey­witz erst ein­mal Gleis 9. Als sie dort an­kommt, ste­hen da schon Hil­de Matt­heis, der eben­falls kan­di­die­ren­de Eu­ro­pa-Staats­mi­nis­ter Micha­el Roth und ein paar an­de­re. Gey­witz stellt sich da­zu, die Ge­nos­sen plau­dern. An­ders als die an­de­ren ist die Pots­da­me­rin meist al­lein un­ter­wegs, weil Scholz als Vi­ze­kanz­ler und Fi­nanz­mi­nis­ter in sei­ner Li­mou­si­ne reist. Da­bei wä­ren Bil­der des Zu­sam­men­halts auch mit ihm wich­tig, selbst wenn sie nur nachts auf ei­nem ein­sa­men Bahn­hof in der Pro­vinz zu­stan­de­kä­men.

Die Par­tei­spit­ze hat das Ver­fah­ren schon früh zum Er­folg er­klärt. Ge­ne­ral­se­kre­tär Kling­beil ju­bel­te be­reits: „Die Par­tei lebt!“Am En­de wird die SPD wohl rund 19 000 Be­su­cher bei den Kon­fe­ren­zen ver­mel­den kön­nen. Fast übe­r­all fan­den Ge­nos­sen in den über­füll­ten Sä­len kei­ne frei­en Stüh­le mehr, fast nir­gends reich­te die Zeit, um al­le Fra­gen zu be­ant­wor­ten. Und wenn die ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Kan­di­da­tin und Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Sas­kia Es­ken die Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen ei­ne „Tour­nee“nennt, dann klingt das bei­na­he schon nach Spaß.

Das gilt frei­lich nicht im­mer und längst nicht für al­le. Nur we­ni­ge Jour­na­lis­ten sind an die­sem ver­reg­ne­ten Herbst­tag zur Pres­se­kon­fe­renz von Karl Lau­ter­bach ge­kom­men. Viel zu groß ist der Saal im Bun­des­tag, auf­ge­regt wird kurz vor Be­ginn des Tre©ens die Sitz­ord­nung ver­än­dert, da­mit auf den Ka­me­ra­bil­dern nicht so vie­le lee­re Stüh­le zu se­hen sind. Der Ge­sund­heits­ex­per­te kan­di­diert mit Ni­na Scheer und will lie­ber heu­te als mor­gen raus aus der Gro­ßen Ko­ali­ti­on. Weil das so­wie­so schon je­der weiß und weil dem Team kaum Chan­cen ein­ge­räumt wer­den, kämp­fen die bei­den ei­nen ein­sa­men und o©en­kun­dig frus­trie­ren­den Kampf.

„Ge­ne­ral­stabs­mä­ßi­ge Be­ein flus­sung“

Vi­el­leicht ma­chen sie ja auch des­we­gen ih­rem Är­ger über Ju­so-Chef Ke­vin Küh­nert Luft. Auf des­sen Be­trei­ben hat­te sich der Bun­des­vor­stand der Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on früh ent­schlos­sen, das Duo Es­ken/ Wal­ter-Bor­jans zu un­ter­stüt­zen. Lau­ter­bach spricht von ei­ner „or­ga­ni­sier­ten und ge­ne­ral­stabs­mä­ßi­gen Be­ein­flus­sung der Wahl zu­guns­ten ei­nes Teams“und be­rich­tet: „Ni­na Scheer und ich be­kom­men sehr vie­le Rück­mel­dun­gen von Ju­sos, die über­rascht sind, wie stark sich Ke­vin Küh­nert in die­sen Wett­be­werb ein­bringt – als Nicht-Kan­di­dat. Das kennt man sonst nur von ehe­ma­li­gen Par­tei­vor­sit­zen­den.“Er spielt da­bei auf Sig­mar Ga­b­ri­el und Ger­hard Schrö­der an, die ih­re Nach­fol­ger im­mer wie­der durch kri­ti­sche und her­ab­las­sen­de Be­mer­kun­gen sa­bo­tie­ren. Sieht so die neue So­li­da­ri­tät und Fair­ness in der SPD aus?

Denn die Ju­sos sind gar nicht die ein­zi­ge Ar­beits­ge­mein­schaft, die sich klar po­si­tio­niert. Auch die AG Mi­gra­ti­on und Viel­falt hat ana­ly­siert, mit wem sie die höchs­ten Über­ein­stim­mun­gen sieht – mit zwei Du­os als Sie­gern. „Schwan und Steg­ner ha­ben uns ge­ra­de durch die Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen über­zeugt, bei de­nen sie auch die The­men un­se­rer Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft im­mer wie­der ein­ge­bracht ha­ben“, sagt der AG-Vor­sit­zen­de Aziz Boz­kurt. „Es­ken und Wal­ter-Bor­jans ha­ben uns mit dem Ge­gen­mo­dell zur Leit­kul­tur-Idee und dem glaub­wür­di­gen Ver­spre­chen, Tei­le der Gro­ko-Kom­pro­mis­se ab­zu­wi­ckeln, über­zeugt.“

Ob sol­che Emp­feh­lun­gen et­was brin­gen, steht al­ler­dings in den Ster­nen. Wer wirk­lich die Na­se vorn hat, lässt sich nicht se­ri­ös sa­gen. Wel­che Wäh­rung soll­te auch gel­ten? Gin­ge es nach Ap­plaus und Ju­bel bei den Kon­fe­ren­zen, dürf­ten die Du­os Es­ken/Wal­ter-Bor­jans und so­gar Steg­ner/Schwan gu­te Chan­cen ha­ben. Gut 400 000 wahl­be­rech­tig­te Ge­nos­sen aber wa­ren gar nicht vor Ort. Durch­aus mög­lich, dass ih­nen ge­ra­de Olaf Scholz’ Be­re­chen­bar­keit und Pro­mi­nenz wich­ti­ger ist als der schnel­le Aus­stieg aus der Gro­ko.

Ob die Un­ter­le­ge­nen ihm die von Lars Kling­beil ge­for­der­te So­li­da­ri­tät leis­ten wür­den? Nach der letz­ten der 23 Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen, die an die­sem Sams­tag in Mün­chen statt­fin­det, be­ginnt die Ab­stim­mung un­ter den Mit­glie­dern – Aus­gang o©en.

Fo­to: Mo­ritz Fran­ken­berg/dpa

Die SPD-Mit­glie­der ha­ben Aus­wahl zwi­schen sie­ben Kan­di­da­ten-Du­os (v.l.n.r.): Olaf Scholz und Kla­ra Gey­witz, Micha­el Roth und Chris­ti­na Kamp­mann, Ni­na Scheer und Karl Lau­ter­bach, Bo­ris Pis­to­ri­us und Pe­tra Köp­ping, Ralf Steg­ner und Ge­si­ne Schwan, Nor­bert Wal­ter-Bor­jans und Sas­kia Es­ken, Hil­de Matt­heis und Dierk Hir­schel.

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