Die letz­te Par­ty des Ba­rock

Noch ein­mal fei­ert er die al­te Wel­t­ord­nung: Der Ve­ne­zia­ner Gio­van­ni Bat­tis­ta Tie­po­lo hat ei­nen gro­ßen Auf­tritt in der Staats­ga­le­rie Stutt­gart.

Haller Tagblatt - - FEUILLETON - Von Le­na Grund­hu­ber

Das sieht al­les aus, als sei die Ma­le­rei ein Kin­der­spiel. Als brauch­te man nur mit dem Pin­sel über die Lein­wand zu strei­fen und schon flie­gen die En­gel, wie­hern die Ros­se, knos­pen die Wan­gen. Oft ist es ei­nem, als er­wisch­te man die Fi­gu­ren auf die­sen Bil­dern mit­ten in der Be­we­gung, im Ra­en ei­nes Kleids, in der Se­kun­de des Er­schre­ckens.

Ob Gio­van­ni Bat­tis­ta Tie­po­lo nun wirk­lich „der bes­te Ma­ler Ve­ne­digs“war, wie es zu sei­nen Leb­zei­ten hieß, mag man nicht be­ur­tei­len. Aber wer ei­nen Meis­ter der Far­ben­pracht und Leich­tig­keit am Werk se­hen will, der kann in die Staats­ga­le­rie Stutt­gart kom­men. Zu sei­nem 250. To­des­tag hat man Tie­po­lo (1696-1770) ei­ne gro­ße Über­sichts­aus­stel­lung mit rund 120 Wer­ken aus­ge­rich­tet. Das Mu­se­um be­sitzt ja un­ter an­de­rem ei­nen gro­ßen Be­stand wirk­lich meis­ter­li­cher Tie­po­lo-Zeich­nun­gen, die in an­ge­mes­sen gro­ßer Aus­wahl zu se­hen sind.

Tie­po­lo sei „Ma­ler ei­ner Zei­ten­wen­de“, sagt Ku­ra­to­rin An­net­te Ho­jer: „Mit ihm er­reicht der Ba­rock sei­nen Hö­he- und End­punkt. Sei­ne Bil­der fei­ern zum letz­ten Mal die al­te Wel­t­ord­nung.“Kei­ne zwan­zig Jah­re nach dem Tod des Künst­lers bricht in Frank­reich die Re­vo­lu­ti­on los, Tie­po­lo ar­bei­tet noch für Kö­ni­ge, Adel und Kle­rus.

Mit En­de zwan­zig er­scha­t er sein ers­tes De­cken­fres­ko im Pa­laz­zo San­di in Ve­ne­dig, spä­ter malt er un­ter an­de­rem das rie­si­ge, eben­falls in der Aus­stel­lung zu se­hen­de Bild­nis des Hei­li­gen Ja­ko­bus für die spa­ni­sche Bot­schaft in Lon­don, das al­ler­dings ab­ge­lehnt wird – zu o­en­kun­dig kün­det es vom Welt­macht­stre­ben Spa­ni­ens.

In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren wird der Meis­ter an den spa­ni­schen Hof be­ru­fen, wo auch das ei­gen­tüm­li­che Klein­for­mat „Ru­he auf der Flucht nach Ägyp­ten“ent­steht, das zur Samm­lung der Staats­ga­le­rie ge­hört. Ei­ne schrof­fe Fels­land­schaft füllt fast das gan­ze Bild aus, ein Vo­gel schießt durchs Bild, ei­ne Tan­ne stellt sich qu­er – die hei­li­ge Fa­mi­lie drückt sich klein und furcht­sam ins Eck. Nur als de­ko­ra­ti­ve Re­pro­duk­ti­on ist ein Haupt­werk Tie­po­los zu se­hen: Die Fres­ken aus der Würz­bur­ger Re­si­denz sind durch ein be­druck­tes Ban­ner un­ter der De­cke der Stir­ling-Hal­le ver­tre­ten. Da­zu kom­men noch vier In­ter­ven­tio­nen des zeit­ge­nös­si­schen Künst­lers Chris­toph Brech, die das Kon­zept auf­lo­ckern sol­len.

Ei­gent­lich aber setzt die Schau auf den Glanz der Bil­der selbst und kann da­bei ei­ni­ge Leih­ga­ben zei­gen, an de­nen sich Ho­jers The­se er­weist: „Bei al­ler Pracht und Ins­ze­nie­rungs­kunst be­ginnt Tie­po­lo, das ba­ro­cke Kunst­sys­tem sub­til zu hin­ter­fra­gen.“Er leis­tet sich Ver­spielt­heit, Witz und Iro­nie in der Be­ar­bei­tung sei­ner my­tho­lo­gi­schen The­men, ar­bei­tet mit un­ge­wöhn­li­chen oder auch ein­fach fal­schen Per­spek­ti­ven.

Wenn der Zeus-Stier sei­ne dümm­lich drein­bli­cken­de Eu­ro­pa ent­führt, pin­kelt ein Put­to über die Sze­ne­rie, die eher an ei­ne ent­gleis­te hö­fi­sche Par­ty den­ken lässt. An­ders­wo tritt Daph­ne den Apoll mit ih­rem Fuß, pral­le Bu­sen, Schweins­na­sen, dre­cki­ge Fü­ße – da steckt schon auch ech­tes Le­ben drin. In sei­nen Ra­die­run­gen mit „Ca­pric­ci und Scher­zi di Fan­ta­sia“treibt er hin­ein in Traum, Rät­sel und Fan­tas­te­rei, was Goya dann in Rich­tung Mo­der­ne wei­ter­führt.

Auch sei­ne ei­ge­ne Rol­le re­flek­tiert Tie­po­lo auf sa­ti­ri­sche Art: In „Apel­les malt das Bild­nis der Cam­pa­s­pe“sitzt der Arche­typ des Ma­lers, Apell, kei­nes­wegs ge­ach­tet un­ter den Höf­lin­gen, son­dern im Schat­ten. Den Hals muss er sich schier ver­ren­ken, um die hoch­wohl­ge­bo­re­ne Da­me hin­ter ihm zu por­trä­tie­ren, de­ren Bild­nis denn auch zur Ka­ri­ka­tur der ech­ten Schö­nen ge­rät. Mag der Künst­ler ge­de­mü­tigt wor­den sein – sei­ne Kunst wird al­le über­le­ben.

Er be­ginnt, das ba­ro­cke Kunst­sys­tem sub­til zu hin­ter­fra­gen.

Fo­to: Mu­sée du Lou­vre @ bpk/RMN – Grand Pa­lais/Franck Raux

Gibt Daph­ne dem Apoll da ei­nen Fuß­tritt? Tie­po­lo spielt mit der Per­spek­ti­ve in sei­nem Ge­mäl­de „Apoll und Daph­ne“aus den Jah­ren 1743/45.

Fo­to: Staats­ga­le­rie Stutt­gart

Fast al­les ist Land­scha€ in „Ru­he auf der Flucht nach Ägyp­ten“.

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