Bun­te Viel­falt auf öder Flä­che

Haller Tagblatt - - STUTTGART UND UMGEBUNG - Von Bar­ba­ra Woll­ny

Auf dem Ös­ter­rei­chi­schen Platz un­ter der Pau­li­nen­brü­cke park­ten frü­her Au­tos. Der Ver­ein Stadt­lü­cken hat mit vie­len Ak­tio­nen ge­zeigt, was aus dem Are­al wer­den könn­te. In dem Re­alla­bor wer­den die Vor- und Nach­tei­le der ver­schie­de­nen Nut­zun­gen er­leb­bar. Ve­ro­ni­ka Ki­enz­le Be­zirks­vor­ste­he­rin Stutt­gart-Mit­te

Som­mer­ki­no, Floh­markt, Dis­kus­si­ons­fo­rum, Ko­chen mit ge­ret­te­ten Le­bens­mit­teln, Pflan­zen­tausch­bör­se, ös­ter­rei­chi­sche Brettl­jau­se, Chor­pro­ben, Pick­nicks und wei­te­re Ak­tio­nen ha­ben in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren den Ös­ter­rei­chi­schen Platz be­lebt. Die un­wirt­li­che Flä­che un­ter der stark be­fah­re­nen Pau­li­nen­brü­cke im Stutt­gar­ter Sü­den war ein Park­platz und auch Tre¤punkt von Ob­dach­lo­sen und Jun­kies. In­zwi­schen hat sich der Platz zum be­lieb­ten, stark fre­quen­tier­ten städ­ti­schen Tre¤punkt ent­wi­ckelt.

In ei­ner spe­zi­el­len Form der Bür­ger­be­tei­li­gung hat­te die Stadt den Ver­ein Stadt­lü­cken be­auf­tragt, die städ­ti­sche Flä­che eh­ren­amt­lich zu ver­wal­ten und ein lang­fris­ti­ges Nut­zungs­kon­zept auf­zu­stel­len.

Als im Ju­li 2018 das letz­te Au­to von den Park­plät­zen un­ter der Brü­cke roll­te, leg­te der Ver­ein rich­tig los. „Wir sind et­was in das Pro­jekt hin­ein­ge­schlit­tert und hat­ten kei­ne Vor­stel­lung da­von, dass es solch ei­nen Um­fang an­neh­men wür­de“. Die Ar­chi­tek­tin­nen Ca­ro­lin Laho­de und Sa­rah Sut­ter, die heu­te an der Hoch­schu­le für Tech­nik for­schen, wa­ren

schon als Stu­den­tin­nen 2016 beim Start von Stadt­lü­cken da­bei. Der Ver­ein hat sich zum Ziel ge­setzt, Be­wusst­sein für den ö¤ent­li­chen Raum zu scha¤en. „Wir ha­ben rund 30 Mit­glie­der und ha­ben ei­gent­lich je­de freie Stun­de in die Ar­beit für den Ös­ter­rei­chi­schen Platz ge­steckt.“

Der Platz soll­te zum Ex­pe­ri­men­tier­feld für die Zu­kunft städ­ti­schen Zu­sam­men­le­bens wer­den. Sie woll­ten Ant­wor­ten ge­ben, wel­che Nut­zun­gen pas­send sein könn­ten, wie sich un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen ver­ein­ba­ren las­sen und wie der Platz zum in­ner­städ­ti­schen Ort des Aus­tauschs und der Ge­sel­lig­keit wer­den könn­te. Da­für stell­te die Stadt ein Bud­get von 80 000 Eu­ro be­reit.

„Aus dem all­täg­li­chen Mit­ein­an­der wur­de hier ein zu­kunfts­fä­hi­ges Mo­dell für die Stadt­pla­nung ent­wi­ckelt, das bes­ser funk­tio­niert als klas­si­sche Bür­ger­be­tei­li­gun­gen. In die­sem Re­alla­bor wer­den die Vor- und Nach­tei­le der ver­schie­de­nen Nut­zun­gen di­rekt er­leb­bar“, zeigt sich Be­zirks­vor­ste­he­rin Ve­ro­ni­ka Ki­enz­le über­zeugt vom Pro­jekt. Die Her­an­ge­hens­wei­se sei den üb­li­chen Stadt­pla­nungs­pro­zes­sen weit über­le­gen. „Da geht es ja lei­der meist nur dar­um: Was kos­tet der Fle­cken und wie kann ich noch mehr für ihn be­kom­men“. Die Be­zirks­vor­ste­he­rin wür­digt die ho­hen Teil­neh­mer­zah­len. Bis zu 600 Per­so­nen wur­den bei ein­zel­nen Ak­tio­nen ge­zählt. „Die Stadt­lü­cken ha­ben es ge­scha¤t, Leu­te zu ak­ti­vie­ren, die sonst nie von ih­rem So­fa auf­ge­stan­den wä­ren“, sagt Ki­enz­le.

Kon­flik­te blie­ben nicht aus. Wäh­rend ei­ni­ge An­woh­ner die wach­sen­de Gen­tri­fi­zie­rung durch den Bau des Ein­kaufs­zen­trums Ger­ber in der Tü­bin­ger Stra­ße kri­ti­sie­ren, fühl­ten sich an­de­re durch die Be­le­bung des Plat­zes be­läs­tigt. Ins­ge­samt aber sei­en we­ni­ger Po­li­zei­ein­sät­ze als frü­her zu ver­zeich­nen.

Jetzt ist das Pro­jekt be­en­det. An die­sem Sams­tag steigt ab dem Nach­mit­tag ein Ab­schieds­fest. Ak­teu­re und Be­su­cher bli­cken auf be­weg­te ein­ein­halb Jah­re zu­rück. Fest steht, dass der Platz wei­ter­hin ö¤ent­li­cher Raum blei­ben soll und nicht wie­der als Park­platz ge­nutzt wird. Ei­ne Boul­der­flä­che und Tisch­ten­nis­plat­ten ste­hen schon. Der Ge­mein­de­rat soll Geld für die Um­ge­stal­tung be­reit­stel­len. Ki­enz­le möch­te wei­ter­hin nicht kom­mer­zi­el­le Nut­zun­gen ver­wirk­li­chen. Sie könn­te sich ein Fahr­rad­park­haus und ein­fa­che Künst­ler­ate­liers vor­stel­len.

Sol­che Ate­liers und Pro­be­räu­me für Mu­si­ker fän­de auch der Ver­ein Stadt­lü­cken gut. „Wir wid­men uns jetzt auch ein­mal ger­ne an­de­ren Pro­jek­ten“, sagt Sa­rah Sut­ter. Der Ver­ein ste­he aber für wei­te­re Vor­ha­ben zur Ver­fü­gung. „Der Ös­ter­rei­chi­sche Platz ist in­zwi­schen für uns zu ei­ner Her­zens­an­ge­le­gen­heit ge­wor­den.“

Fo­to: Stadt­lü­cken e.V.

Das ge­mein­sa­me Ko­chen un­ter der Brü­cke ge­hört zu den er­folg­rei­chen Ak­tio­nen des Stutt­gar­ter Ver­eins.

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