Ur­alt, aber le­ben­di­ger denn je

Haller Tagblatt - - ANZEIGEN - Von Se­bas­ti­an Un­be­hau­en

osz­dor . Item der czoll zu Sanct Michae­lis­tag auf dem jar­m­arckt ert­regt jer­li­chen auf 15 guld­ein zu ge­meynen ja­ren. Item das­selb dorf ge­hört mit der vog­tey gantz gen Be­ben­burgk.“Was auf un­be­darf­te Le­ser wie ein Ar­ti­kel­an­fang mit sie­ben Sie­geln wir­ken mag, hat für den Mus­wie­sen­freund so­for­ti­gen Wie­der­er­ken­nungs­wert, kommt fast schon ei­ner Art Glau­bens­be­kennt­nis gleich: Es ist die ur­kund­li­che Erst­erwäh­nung des Mark­tes zu Rot am See-Mus­dorf – 1434 nie­der­ge­schrie­ben in dem äl­tes­ten Ur­bar des Amts Be­ben­burg, das als Teil ei­nes Ur­bars des Burg­graf­en­tums Nürn­berg im baye­ri­schen Staats­ar­chiv in Nürn­berg liegt. Ei­ne Ge­burts­be­schei­ni­gung? Wohl kaum. Vie­les spricht da­für, dass die Mus­wie­se noch weit äl­ter ist als 585 Jah­re – an die 900 Jah­re mög­li­cher­wei­se.

M1434 schon gut eta­bliert

Dr. Karl Ot­to Mül­ler hat die­se The­se be­reits 1927 in sei­nem Ar­ti­kel „Ge­schich­te des Mus­wie­sen­mark­tes“ver­tre­ten, der in den Würt­tem­ber­gi­schen Vier­tel­jah­res­hef­ten für Lan­des­ge­schich­te er­schien – und er hat al­ler­lei gu­te Grün­de da­für an­ge­führt. Auf der Hand liegt zu­nächst ein­mal, dass die Mus­wie­se an­ge­sichts ei­nes ein­ge­nom­me­nen Zolls von 15 Gul­den im Jahr 1434 gut eta­bliert ge­we­sen sein muss. Zum Ver­gleich: In Ger­abronn, das da­mals zwei Jahr­märk­te und gut be­such­te Wo­chen­märk­te ab­hielt, wur­den zur sel­ben Zeit acht bis zehn Gul­den jähr­lich ein­ge­nom­men. Und weil neu­zeit­li­che Phä­no­me­ne wie Face­book-Par­tys oder vi­ra­les On­line-Mar­ke­ting noch lan­ge nicht über die spät­mit­tel­al­ter­li­che Mensch­heit ge­kom­men wa­ren, dau­er­te es na­tür­lich un­gleich län­ger als heu­te, ei­ne Ver­an­stal­tung im Fli­cken­tep­pich mit­tel­eu­ro­päi­scher Lan­de be­kannt zu ma­chen.

Mül­ler glaubt, dass die Mus­wie­se be­reits im 12. Jahr­hun­dert das Licht der Welt er­blick­te. Da­mals re­si­dier­ten die Be­ben­bur­ger noch in ih­rem na­mens­ge­ben­den Stamm­sitz auf der Hö­he über dem Zu­sam­men­fluss des Blau­bachs und der Brettach, von dem heu­te nur ei­ne ru­di­men­tä­re Rui­ne üb­rig ist. Wolf­ram von Be­ben­burg (der Äl­te­re) – üb­ri­gens der Grün­der des Klos­ters Schön­tal – war ein Ge­folgs­mann von Kai­ser Kon­rad III. Der an­schlie­ßend re­gie­ren­de jün­ge­re Wolf­ram stand Seit an Seit mit dem le­gen­dä­ren Kai­ser Fried­rich I. Bar­ba­ros­sa. Zum Ei­gen­be­sitz der Be­ben­bur­ger ge­hör­te die Ge­gend von Bret­ten­feld, Rot am See und Mus­dorf. „Der Markt­platz ist kaum ei­ne Stun­de vom Herr­schafts­sitz ent­fernt“, schreibt Mül­ler – und meint na­tür­lich ei­ne Stun­de im Hin­blick auf die da­ma­li­gen Fort­be­we­gungs­mit­tel: Man reis­te hoch zu Pfer­de und nicht sel­ten per pe­des. Mül­ler wei­ter: „Die nächs­te Nä­he zur Ein­füh­rung des gre­go­ria­ni­schen Ka­len­ders um den Micha­lis­tag her­um ab­ge­hal­ten. Für Mül­ler ist das kein Wi­der­spruch: „Selbst­ver­ständ­lich ist, dass bei ei­nem Jahr­markt­spri­vi­leg der Tag des Jahr­markts zu des­sen größ­ter För­de­rung auf den Tag des Kir­chen­pa­trons ge­legt wur­de, an dem Be­woh­ner der um­lie­gen­den Dör­fer schon we­gen der da­mit ver­bun­de­nen be­son­de­ren Abläs­se ger­ne die­se Kir­che be­such­ten. Der Zeit­punkt des Markts be­weist al­so noch nichts für sei­ne Ent­ste­hung aus ei­nem Wall­fahrts­markt.“Will hei­ßen: Wall­fahr­ten tru­gen si­cher zur Blü­te der Mus­wie­se bei, aber sie wa­ren wahr­schein­lich nicht der in die Ho­hen­lo­her Er­de ge­leg­te Sa­men, der den Jahr­markt sprie­ßen ließ.

In Rot am See-Mus­dorf be­ginnt heu­te die Mus­wie­se. Min­des­tens 585 Jah­re alt ist das wohl ho­hen­lo­hischs­te al­ler Fes­te, wahr­schein­lich aber noch weit­aus äl­ter: Durch­aus mög­lich, dass kein Ge­rin­ge­rer als Kai­ser Bar­ba­ros­sa be­reits im 12. Jahr­hun­dert das Markt­recht ver­lieh.

Der Kai­ser ruht, die Mus­wie­se lebt

Ge­hen wir al­so ein­fach ein­mal kühn da­von aus, dass nie­mand ge­rin­ge­rer als Bar­ba­ros­sa ein Va­ter der Mus­wie­se ist, so ist frei­lich aus Ho­hen­lo­her Sicht nicht au­to­ma­tisch aus­ge­macht, wem von Bei­den dies mehr zu Eh­re ge­reicht – schließ­lich ist der Kai­ser schon seit vie­len Jahr­hun­der­ten tot, jäm­mer­lich er­so en bei ei­nem Fluss­bad wäh­rend ei­nes Kreuz­zugs. Manch Ewig­gest­ri­ger ver­mu­tet ihn zwar noch im Ky häu­ser ru­hend, um Deutsch­land (das es zur Zeit Fried­richs I. gar nicht gab) sei­ne an­geb­lich ab­han­den ge­kom­me­ne Grö­ße wie­der zu schen­ken, aber der­lei Heils­fan­ta­si­en be­schlei­chen ei­nen bo­den­stän­di­gen Zen­tral­ho­hen­lo­her höchs­tens nach zu viel Bier in ei­ner Bau­ern­wirt­schaft.

Die Mus­wie­se hin­ge­gen – ob sie nun im 12., 13., 14. oder 15. Jahr­hun­dert ent­stand – ist le­ben­di­ger denn je. Sie hat den Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg eben­so über­lebt wie ei­ne tie­fe Kri­se des Markts im 19. Jahr­hun­dert, die Maul- und Klau­en­seu­che, die 1938 zum Aus­fall führ­te eben­so wie zwei Welt­krie­ge. Bis Don­ners­tag wer­den sich wie­der rund 250 000 Men­schen durch die Bu­den­gas­sen schie­ben, sich tau­send­fach mit dem Satz „Sou, bisch ah a weng doa?“grü­ßen, ih­re Schlacht­plat­ten und Schnit­zel es­sen und das Le­ben ge­nie­ßen. Bar­ba­ros­sa, soll­test du doch mal wie­der auf­ste­hen – du musst un­be­dingt nach Mus­dorf kom­men!

Fo­to: Ar­chiv / Ufuk Ars­lan se­bu

Mus­wie­se heu­te: Wenn der Jahr­markt ru„, dann strö­men die Mas­sen – und kau­fen auch tat­säch­lich noch bei den Händ­lern ein.

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