En­de der Ge­schich­te ist Ge­schich­te

Hin­ter den Kli­ma­pro­tes­ten ste­cke ei­ne apo­ka­lyp­ti­sche Angst­lust, mei­nen vie­le. Doch et­was Bes­se­res hät­te un­se­rer Ge­sell­schaft gar nicht pas­sie­ren kön­nen.

Haller Tagblatt - - MEINUNG DISKUSSION - Von Ro­ber­to Si­ma­now­ski

Mit dem SUV zur Öko-De­mo und da­nach mit dem Flie­ger in den Ur­laub. Das ist nur ei­ne der vie­len Un­ter­stel­lun­gen ge­gen die im­mer mäch­ti­ger wer­den­de Kli­ma­be­we­gung.

Ei­ne an­de­re pro­phe­zeit, dass vie­le über­zeug­te Pro­test­ler ih­re heu­ti­gen For­de­run­gen spä­ter als le­bens­fern fal­len las­sen wer­den. Nach dem Mot­to: Wer mit 16 kei­ne Öko-Ak­ti­vis­tin ist, hat kein Herz, wer es mit 30 noch im­mer ist, hat kei­nen Ver­stand.

Apo­ka­lyp­ti­sche Angst­lust

Es gibt be­grün­de­te­re Ein­wän­de. Zum Bei­spiel, dass sich die­ser Kli­ma­pro­test zu ei­ner sä­ku­la­ren Kli­ma­re­li­gi­on ent­wi­ckelt, die mit apo­ka­lyp­ti­scher Angst­lust all je­ne ver­dammt, die ge­gen die zehn Ge­bo­te des um­welt­be­wuss­ten Le­bens ver­sto­ßen. Hier spricht die Ah­nung, dass das, was wir ge­ra­de er­le­ben, mehr ist als ein Pro­test der un­zu­frie­de­nen Ju­gend ge­gen ih­re Re­gie­rung.

Man den­ke an die Be­schwer­de­hef­te, die Lud­wig XVI. vor der Ein­be­ru­fung der Ge­ne­ral­stän­de An­fang 1789 von sei­nen Un­ter­ta­nen er­bat, um die Pro­ble­me zu ken­nen, die es zu lö­sen gilt. Die Re­vo­lu­ti­on, die dar­aus ent­stand, sah bald im Kö­nig selbst das größ­te Pro­blem und köpf­te nicht nur ihn, son­dern fraß schließ­lich auch ih­re Kin­der, wenn die nicht Schritt hiel­ten mit der Ra­di­ka­li­sie­rung. Steht uns ei­ne neue Gran­de Ter­reur be­vor, ein Öko-Terror, der mit Flug­scham be­ginnt und mit Fahr­ver­bo­ten nicht en­det? Da­von ist aus­zu­ge­hen nach Gre­ta Thun­bergs ful­mi­nan­ter „How Da­re You“-Wut­re­de vor der UN. Aber zu­nächst zielt der Sturm auf die Bas­til­le im In­ne­ren, auf die Be­frei­ung des Ich zu ei­ner bes­se­ren Ge­gen­wart.

Es ist kei­ne zehn Jah­re her, dass Meredith Haaf in ih­rem Buch „Heult doch: Über ei­ne Ge­ne­ra­ti­on und ih­re Lu­xus­pro­ble­me“das Le­ben im „Pos­t­op­ti­mis­mus“be­schrieb, in dem „der Glau­be an gro­ße so­zia­le oder po­li­ti­sche Pro­jek­te ver­lo­ren ge­gan­gen“sei. Die Au­to­rin ist Jahr­gang 1983 und da­mit mehr als dop­pelt so alt wie Gre­ta Thun­berg.

Sie ge­hört zur Ge­ne­ra­ti­on Me, auch Mill­en­ni­als ge­nannt, die nicht nur oh­ne Pro­ble­me, son­dern eben auch oh­ne Uto­pi­en auf­wuchs. Denn noch ehe die­se Ge­ne­ra­ti­on in die Schu­le kam, fiel die Ber­li­ner Mau­er und wur­de das En­de der Ge­schich­te aus­ge­ru­fen. Im An­ge­sicht des ge­schei­ter­ten Re­al­so­zia­lis­mus er­klär­te sich die li­be­ra­le Markt­wirt­schaft zum Sie­ger im Wett­kampf der Ge­sell­schafts­sys­te­me. Wie es schien, völ­lig zu Recht.

Nach dem Sie­ges­rausch kam die Ka­ter­stim­mung der Zi­el­lo­sig­keit. Man hat­te ja auch das Le­bens­pro­jekt ver­lo­ren, auf das sich die Ele­men­te des Da­seins ori­en­tie­ren lie­ßen. Man leb­te nicht mehr für ein bes­se­res Mor­gen, son­dern für die ewi­ge Wie­der­kehr des Jetzt. Die Phi­lo­so­phie muss­te den Men­schen nicht mehr zei­gen, wo­hin sie un­ter­wegs sind, son­dern wie man da­mit lebt, nir­gend­wo­hin un­ter­wegs zu sein. Das ist das Gu­te am Un­glück: Geht es auf den Ab­grund zu, gibt es wie­der ein Ziel: ins Steu­er grei­fen. Ge­nau das ver­sucht nun die Ge­ne­ra­ti­on Z, auch Di­gi­tal Na­ti­ves ge­nannt. Die­se Ge­ne­ra­ti­on heult nicht, son­dern schreit. Sie hat kei­ne Lu­xus­pro­ble­me, sie fürch­tet den Welt­un­ter­gang.

Das rüt­telt auf, macht krea­tiv, macht Spaß. Ei­ne sol­che Furcht tut un­heim­lich gut. Nach­dem der Mensch den Glau­ben erst an Gott, dann an den Kom­mu­nis­mus ver­lo­ren hat­te und sich schon ver­dammt sah, da­hin zu le­ben im Sinn­ver­lust der ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­sum­kul­tur, gibt ihm die To­des­angst nun neu­en Le­bens­mut. Und wo­für lie­ße sich bes­ser kämp­fen als fürs eig­ne Da­sein! Da­bei ist der Kampf selbst schon ein Sieg – als Aus­gang aus dem post­mo­der­nen Pos­t­op­ti­mis­mus. Des­we­gen geht es auch gar nicht dar­um, wie sehr der Kli­ma­wan­del men­schen­ge­macht ist und ob er sich wirk­lich auf­hal­ten lässt, wenn man zum Ve­ge­ta­ri­er, Rad­fah­rer und Kalt­du­scher wird.

Das neue Wood­stock

Es geht um die Auf­bruchs­stim­mung. Dar­um, dass man im Kampf ums Über­le­ben wie­der ei­ne Sa­che hat, für die es sich – per­spek­ti­visch ge­se­hen und me­ta­pho­risch ge­spro­chen – zu ster­ben lohnt, und, ja, auch zu tö­ten. Man hat Gre­ta Thun­berg mit Jean­ne d’Arc ver­gli­chen. Man soll­te eher sa­gen: Fri­days for Fu­ture ist das neue Wood­stock zum 50. Jah­res­tag sei­nes Ge­sche­hens. Ei­ne Ju­gend­be­we­gung, die ge­gen die Wer­te der El­tern auf­be­gehrt.

Zwar geht es nun ums Über­le­ben statt nur um ein an­de­res Le­ben, un­term Strich läuft es aber aufs Glei­che hin­aus: Es eröŒnet sich ei­ne Zu­kunft, die man dem Sta­tus quo ab­trotzt. Was auch im­mer aus al­le­dem wer­den wird, ei­nes ist klar: Das En­de der Ge­schich­te ist vor­erst Ge­schich­te.

In­fo Ro­ber­to Si­ma­now­ski ist Kul­tur- und Me­di­en­wis­sen­schaft­ler und lebt nach Pro­fes­su­ren an der Brown Uni­ver­si­ty in Pro­vi­dence, der Uni­ver­si­tät Ba­sel und der Ci­ty Uni­ver­si­ty of Hong Kong als Me­dien­be­ra­ter und Buch­au­tor in Ber­lin und Rio de Janei­ro. Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen zum Di­gi­ta­li­sie­rungs­pro­zess ge­hö­ren „Face­book-Ge­sell­schaft“(Mat­thes & Seitz 2016) und „The De­ath Al­go­rithm and Ot­her Di­gi­tal Di­lem­mas“(MIT Press 2018).

Der Bei­trag wur­de auf Deutsch­land­funk Kul­tur ge­sen­det. Bes­ten Dank für die Ab­druck­ge­neh­mi­gung.

Fo­to: Gra­ham Hug­hes/dpa

Die Pro­tes­te für ei­nen bes­se­ren Kli­ma­schutz ha­ben sich zur glo­ba­len Be­we­gung ent­wi­ckelt. En­de Sep­tem­ber nahm Gre­ta Thun­berg (Mit­te) an ei­nem Kli­ma­marsch im ka­na­di­schen Mon­tre­al teil. Für die ei­nen ist die schwe­di­sche Ak­ti­vis­tin ei­ne Ga­li­ons€gur, für die an­de­ren ein Hass­ob­jekt.

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