Was wä­re ge­we­sen. . .

Der Part­ner­ver­bund SÜD­WEST PRES­SE stärkt die jour­na­lis­ti­sche Kom­pe­tenz und leis­tet ei­nen gro­ßen Bei­trag zur Mei­nungs­bil­dung. Zu­dem si­chert er die Exis­tenz von Zei­tungs­häu­sern.

Haller Tagblatt - - TITEL - Der Au­tor ist Ge­schäfts­füh­rer der Süd­west-Pres­se Gm­bH Ge­mein­schaft süd­west­deut­scher Zei­tungs­ver­le­ger, Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen. Von Axel Zieg­ler

Als die Chef­re­dak­ti­on des über­re­gio­na­len Teils der SÜD­WEST PRES­SE auf mich zu­ge­kom­men ist und mich ge­be­ten hat, ei­ni­ge Ge­dan­ken für un­se­re Son­der­sei­ten zum 70-jäh­ri­gen Be­ste­hen des SÜD­WEST-PRES­SE-Part­ner­ver­bun­des bei­zu­steu­ern, ha­be ich ger­ne zu­ge­sagt. Als Ver­le­ger ei­nes Mit­glieds­ver­lags der ers­ten Stun­de wür­de es mir nicht schwer­fal­len, die Vor­tei­le ei­nes solch be­währ­ten Part­ner­mo­dells dar­zu­le­gen und zu skiz­zie­ren, wel­che Über­le­gun­gen vor rund 70 Jah­ren für den Zu­sam­men­schluss maß­ge­bend wa­ren.

Nun ge­hö­re ich ei­ner an­de­ren Ver­le­ger­ge­ne­ra­ti­on an und ha­be die sei­ner­zei­ti­gen Vor­gän­ge nicht selbst mit­er­lebt. So war es die Ge­ne­ra­ti­on mei­nes Groß­va­ters, die zu den Grün­dungs­vä­tern ge­hör­te und die dank wei­ser Vor­aus­sicht den Weg da­für ge­eb­net hat, dass mei­ne Ge­ne­ra­ti­on in die­ser Part­ner­schaft auf­wach­sen und von An­fang an vom kol­le­gia­len Zu­sam­men­schluss pro­fi­tie­ren konn­te.

Wenn ich al­so die­sen wei­ten Bo­gen in die Grün­der­jah­re aus ei­ge­nem Er­le­ben nicht schla­gen kann, möch­te ich an die­ser Stel­le fra­gen: Was wä­re, wenn? Was wä­re ge­we­sen, wenn all dies vor 70 Jah­ren nicht ge­sche­hen wä­re?

Ers­tens: Was wä­re ge­sche­hen, wenn die al­li­ier­ten Be­sat­zungs­mäch­te im Jahr 1949 den Li­zen­zie­rungs­zwang nicht auf­ge­ho­ben hät­ten und wie seit 1945 ein Li­zen­zie­rungs­sys­tem dar­über ent­schei­den wür­de, wel­che Per­so­nen oder Or­ga­ne ei­ne Zei­tung her­aus­ge­ben dür­fen?

Die Ant­wort o™en­bart ein Sze­na­rio, das lei­der nicht nur in der Ver­gan­gen­heit, son­dern auch bis heu­te in vie­len Tei­len der Welt anz­nut­rde™en ist. Wenn die Po­li­tik be­stimmt, wer pu­bli­zie­ren darf, ent­schei­det sie nicht nur über Per­so­nen. Sie ent­schei­det je nach Grad der Ein­fluss­nah­me auch über In­hal­te und Rich­tun­gen, die man­gels Kor­rek­tiv schlimms­ten­falls da­zu füh­ren, dass die Mei­nungs­bil­dung nicht mehr frei, son­dern nur noch ma­ni­pu­la­tiv er­fol­gen kann.

Für un­se­ren Part­ner­ver­bund hät­te ein sol­ches Sze­na­rio zur Fol­ge ge­habt, dass wahr­schein­lich die meis­ten der so­ge­nann­ten Alt­ver­le­ger, al­so die Ver­le­ger, die vor der Macht­er­grei­fung durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die Ge­schi­cke der Häu­ser lei­te­ten, kei­ne Chan­ce ge­habt hät­ten, die Ge­schäf­te wie­der auf­zu­neh­men. Un­se­rem Part­ner­ver­bund hät­ten folg­lich auch die Grün­dungs­vä­ter ge­fehlt.

Zum gro­ßen Glück ist es in un­se­rem Teil der Re­pu­blik an­ders ge­lau­fen, die im Grund­ge­setz vom 23. Mai 1949 ver­an­ker­te Pres­se­frei­heit mach­te das bis da­hin gel­ten­de Li­zen­zie­rungs­sys­tem über­flüs­sig.

Zwei­tens: Was wä­re ge­we­sen, wenn sich im Ju­li 1949 in Tü­bin­gen nicht ei­ni­ge Ver­le­ger zu­sam­men­ge­fun­den hät­ten, um die „Schwä­bi­sche Ver­lags­ge­sell­schaft mbH“, Vor­gän­ger­ge­sell­schaft der SÜD­WEST PRES­SE Gm­bH, zu grün­den?

Zen­tra­ler Punkt des Part­ner­mo­dells war von An­fang an, Kräf­te zu bün­deln. So wur­den ab 1950 die ein­zel­nen Lo­kal­zei­tun­gen zwar un­ter Re­gie der Alt­ver­la­ge pro­du­ziert, der Zei­tungs­man­tel, al­so der ge­mein­sa­me über­re­gio­na­le Teil, wur­de aber von der Ver­lags­ge­sell­schaft be­zo­gen. Hier­bei stan­den we­ni­ger Aspek­te der Kos­ten­re­du­zie­rung im Fo­kus, son­dern es ging viel­mehr dar­um, ein Nach­rich­ten­an­ge­bot zu er­mög­li­chen, das ein ein­zel­ner Mit­glieds­ver­lag nie­mals hät­te al­lei­ne stem­men kön­nen.

Oh­ne den funk­tio­nie­ren­den Part­ner­ver­bund wä­re es den lo­ka­len Zei­tungs­häu­sern dem­nach gar nicht mög­lich ge­we­sen, ih­re Le­ser­schaft in dem Ma­ße mit Nach­rich­ten aus Deutsch­land und al­ler Welt zu ver­sor­gen. Ge­ra­de in ei­ner Zeit, in der vie­les po­li­tisch, wirt­schaft­lich und ge­sell­schaft­lich neu ge­ord­net wur­de, war es von enor­mer Be­deu­tung, die Men­schen über all die fun­da­men­tal wich­ti­gen Ge­scheh­nis­se zu in­for­mie­ren und so ei­nen Bei­trag zu ei­ner frei­en Mei­nungs­bil­dung zu leis­ten. Dies gilt um­so mehr, wenn man be­denkt, dass das In­ter­net noch nicht er­fun­den und das Fern­se­hen längst noch nicht in al­len Haus­hal­ten an­ge­kom­men war; die Ta­ges­zei­tung folg­lich ei­ne un­ent­behr­li­che In­for­ma­ti­ons­quel­le dar­stell­te.

Auch wenn sich die me­dia­le Welt in den letz­ten 70 Jah­ren grund­le­gend ver­än­dert hat, ist das auch heu­te noch das Grund­prin­zip un­se­rer Part­ner­schaft. Nach wie vor sor­gen gut aus­ge­bil­de­te Jour­na­lis­ten an al­len Brenn­punk­ten der Welt für ei­ne di™eren­zier­te und ob­jek­ti­ve Be­richt­er­stat­tung. Und was heu­te be­son­ders von Be­deu­tung ist: Un­se­re Le­ser kön­nen je­der­zeit die Qu­el­le der Nach­rich­ten nach­voll­zie­hen, wis­sen, dass sie sich auf hand­werk­lich se­riö­sen Jour­na­lis­mus ver­las­sen kön­nen, des­sen Aus­sa­gen und Schluss­fol­ge­run­gen auch dann als ver­trau­ens­wür­dig gel­ten, wenn man selbst ei­ne an­de­re Mei­nung ver­tritt.

Es ist für mich be­ru­hi­gend zu wis­sen, dass un­ser Part­ner­ver­bund auch 70 Jah­re nach sei­ner Grün­dung im­mer noch funk­tio­niert und ge­lebt wird. Dass die Kol­le­gen im­mer noch mo­nat­lich zu­sam­men­kom­men, um sich über die wich­tigs­ten The­men aus­zu­tau­schen, und dass man die zwei­fel­los vor­han­de­nen Her­aus­for­de­run­gen des Zei­tungs­ma­chens im­mer noch kon­struk­tiv in der Grup­pe an­ge­hen kann und nicht auf sich al­lein ge­stellt ist.

Mein Fa­zit aus dem Was-wä­re-wenn-Sze­na­rio lau­tet folg­lich auch we­nig über­ra­schend: Wenn es die­se Part­ner­schaft in den letz­ten sie­ben Jahr­zehn­ten nicht ge­ge­ben hät­te, wür­den heu­te wahr­schein­lich ei­ni­ge Zei­tungs­häu­ser nicht mehr selb­stän­dig exis­tie­ren. Heu­te er­schei­nen im Part­ner­ver­bund der SÜD­WEST PRES­SE 20 Zei­tungs­ti­tel un­ter­schied­li­cher Grö­ße mit ei­ner Ge­samt­auf­la­ge von 280 000 täg­li­chen Ex­em­pla­ren. Er­go ein Mo­dell für Zei­tungs­viel­falt, ein Er­folgs­mo­dell.

Zen­tra­ler Punkt des Part­ner­mo­dells war es, Kräe zu bün­deln.

Fo­to: Al­f­red Gäh­ner

Hier wur­de das „Schwä­bi­sche Tag­blatt“ge­druckt: an der 1955 in Tü­bin­gen in Be­trieb ge­nom­me­nen Ro­ta­ti­ons­ma­schi­ne.

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