Eu­ro­pas Schwä­che

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Ste­fan Ke­gel leit­ar­ti­[email protected]

Im­pli­zit sagt Do­nald Trump den Eu­ro­pä­ern: Küm­mert euch selbst um eu­re Pro­ble­me.

Man kann sich im

70. Jahr der Na­to kaum ei­nen hef­ti­ge­ren Kon­trast aus­den­ken als den vom Don­ners­tag zwi­schen Frank­reichs Staats­prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron und dem Na­to-Ge­ne­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg. Der ei­ne be­schei­nig­te in ei­nem In­ter­view dem Ver­tei­di­gungs­bünd­nis, hirn­tot zu sein, der an­de­re be­schwor in ei­ner Re­de in­stän­dig die eu­ro­pä­isch-nord­ame­ri­ka­ni­sche Zu­sam­men­ar­beit. Der ei­ne sag­te: Eu­ro­pa kann sich al­lein ver­tei­di­gen; der an­de­re er­klär­te: Eu­ro­pa kann es nicht.

Der Dis­kus­si­on liegt ei­ne fun­da­men­ta­le Rich­tungs­su­che zu­grun­de, die der Na­to in ih­rem 70. Jahr zu scha¯en macht: die Kluft zwi­schen der Not­wen­dig­keit, sich als Ver­tei­di­gungs­bünd­nis neu zu de­fi­nie­ren und dem teil­wei­sen Schei­tern, als po­li­ti­sches Bünd­nis die ein­mal ver­ein­bar­ten Wer­te hoch­zu­hal­ten.

Mi­li­tä­risch scheint al­les im Lot zu sein: Die Ver­tei­di­gungs­bud­gets stei­gen an – auch wenn es dar­über in Deutsch­land ge­ra­de Streit gibt –, es wer­den wei­ter­hin ge­mein­sa­me Aus­lands­ein­sät­ze durch­ge­führt und die Po­li­tik der Ab­schre­ckung funk­tio­niert eben­falls noch. Doch die Ab­kehr der Füh­rungs­macht USA von der trans­at­lan­ti­schen Umar­mung mit Eu­ro­pa als eins­ti­gem zen­tra­len Schau­platz des Kal­ten Krie­ges ver­schiebt das po­li­ti­sche Kräf­te­ver­hält­nis je­den Tag. An­ge­sichts neu­er auf­stei­gen­der Kon­kur­ren­ten wie Chi­na zäh­len für die USA die Si­cher­heits­in­ter­es­sen der Eu­ro­pä­er nicht mehr so viel wie frü­her. Im­pli­zit sagt Do­nald Trump: Küm­mert euch selbst um eu­re Pro­ble­me.

Bis­her sitzt Eu­ro­pa noch in der De­ckung. Zwar wer­den gro­ße Rüs­tungs­pro­jek­te in­zwi­schen ge­mein­sam an­ge­scho­ben, und man er­kennt zag­haf­te An­fän­ge ei­ner ei­ge­nen Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Oh­ne die US-Atom­ra­ke­ten und die mi­li­tä­ri­sche Stär­ke der Bri­ten sä­he Eu­ro­pa al­ler­dings ziem­lich alt aus. Nach dem Br­ex­it wer­den nur noch 20 Pro­zent des Na­to-Bud­gets von EU-Staa­ten ge­leis­tet, was viel über ih­re Streit­kraft und ihr Ge­wicht in­ner­halb der Na­to aus­sagt.

Der Test für Eu­ro­pas au­ßen­po­li­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit war der lan­ge an­ge­kün­dig­te US-Rück­zug aus Nord­sy­ri­en, den die Eu­ro­pä­er nicht kom­pen­sie­ren woll­ten. Da­mit ö¯ne­ten sie der Ver­trei­bung der Kur­den durch den Na­to-Part­ner Tür­kei die To­re. Sie hat­ten nicht ein­mal die po­li­ti­sche Kraft, Ankara in die Schran­ken zu wei­sen. Aber die Wer­te des Bünd­nis­ses wur­den schon im­mer sehr fle­xi­bel ge­hand­habt. Als bei­spiels­wei­se 1967 in Grie­chen­land das Mi­li­tär putsch­te, blieb das Land trotz­dem Mit­glied der Na­to.

Nicht nur po­li­tisch und mi­li­tä­risch, son­dern auch stra­te­gisch for­dert das wach­sen­de Des­in­ter­es­se der Ame­ri­ka­ner ei­nen in­ten­si­ve­ren Ein­satz der Eu­ro­pä­er für ih­re ei­ge­ne Si­cher­heit. In die­sem Zu­sam­men­hang ist es auch un­er­läss­lich, ihr Ver­hält­nis zu den Nach­barn zu klä­ren, wie et­wa Russ­land. Auch wenn das den Trans­at­lan­ti­kern nicht ge­fal­len wird, die im­mer noch dar­auf ho¯en, dass nach Trump al­les wie­der so wird wie vor­her. Aber der gro­ße Be­schüt­zer wird ge­nau ab­wä­gen, ob und wann er für Eu­ro­pa in die Bre­sche springt.

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