Sprech­stun­de für Of­f­liner

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Igor St­ein­le

Im­mer mehr Di­enst­leis­tun­gen des all­täg­li­chen Le­bens wan­dern ins Di­gi­ta­le ab. Bahn­schal­ter wer­den nach und nach durch Au­to­ma­ten er­setzt, Bank­ge­schäf­te wer­den in Zu­kunft nur noch on­li­ne ge­sche­hen und auch die Ver­wal­tung soll von 2022 an kom­plett on­li­ne ver­füg­bar sein. Erst am Don­ners­tag hat der Bun­des­tag zu­dem be­schlos­sen, dass Ärz­te auch Apps ver­schrei­ben kön­nen. Aber was ist mit den Men­schen, die nicht on­li­ne sind, weil sie zu alt sind oder die Technik nicht be­herr­schen? Droht ei­ne di­gi­ta­le Spal­tung in Deutsch­land?

„Zwi­schen sie­ben und acht Mil­lio­nen der über 70-Jäh­ri­gen in Deutsch­land wa­ren noch nie im In­ter­net“, sagt der Bre­mer In­for­ma­tik­pro­fes­sor Her­bert Ku­bicek. Er warnt: An­ge­sichts der fort­schrei­ten­den Di­gi­ta­li­sie­rung droht ih­nen der Ver­lust so­zia­ler, kul­tu­rel­ler und wirt­schaft­li­chen Teil­ha­be.

Die gro­ße Ko­ali­ti­on will die­sem Ri­si­ko vor al­lem mit Ta­blet­und Smart­pho­ne-Kur­sen be­geg­nen, die bei­spiels­wei­se in Volks­hoch­schu­len oder Se­nio­rent­re™s an­ge­bo­ten wer­den. Ku­bicek je­doch fin­det, das rei­che nicht aus. Ein Teil der äl­te­ren „Oœin­er“sei nicht in der La­ge, sol­che Be­geg­nungs­stät­ten auf­zu­su­chen. Er for­dert des­we­gen ei­ne „auf­su­chen­de Di­gi­tal­as­sis­tenz“für Se­nio­ren, die man über die Pfle­ge­kas­se ab­rech­nen kann. „Es kann doch nicht da­bei blei­ben, dass man als Emp­fän­ger von Pfle­ge­leis­tun­gen Kos­ten er­stat­tet be­kommt, wenn man zu ei­nem Amt oder ei­nem Arzt be­glei­tet wird, aber nicht, wenn je­mand nach Hau­se kommt und For­mu­la­re mit den Be­tro™enen on­li­ne aus­füllt oder sie in ei­ne Vi­deo­sprech­stun­de ein­wählt“, kri­ti­siert er.

Auch ei­ne Fra­ge der Bil­dung

Di­gi­ta­le Spal­tung der Be­völ­ke­rung ist je­doch nicht nur ei­ne Fra­ge des Al­ters. Vor al­lem bei di­gi­ta­len Be­hör­den­diens­ten ver­läuft die Tren­nungs­li­nie ent­lang des Bil­dungs­grads der Nut­zer: 67 Pro­zent

Tren­nungs­li­nie in der Ge­sell­schaft ist Fra­ge des Al­ters und des Bil­dungs­grads.

der Men­schen mit ho­her Bil­dung nut­zen E-Go­vern­men­tAn­ge­bo­te, im mitt­le­ren Bil­dungs­be­reich sind es 59 Pro­zent, bei nied­ri­ger Bil­dung sind es nur noch 41 Pro­zent, hat die „In­itia­ti­ve D21“, ein Netz­werk aus Wirt­schaft, Po­li­tik und For­schung fest­ge­stellt. Han­nes Schwa­de­rer, Prä­si­dent der In­itia­ti­ve, for­dert des­we­gen „ein­fa­che Spra­che, in­tui­ti­ve Be­die­nung und nach­voll­zieh­ba­ren Mehr­wert, et­wa durch pro­ak­ti­ve Hin­wei­se auf Fris­ten oder be­an­trag­ba­re Leis­tun­gen“bei di­gi­ta­len Ver­wal­tungs­an­ge­bo­ten. „Ge­ra­de we­ni­ger Ge­bil­de­te könn­ten von ei­nem ein­fa­che­ren Zu­gang zu ö™ent­li­chen Di­enst­leis­tun­gen pro­fi­tie­ren“, sagt Schwa­de­rer.

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