„Je­der kann im Klei­nen Gro­ßes be­wir­ken“

Die Schau­spie­le­rin sagt in ei­nem neu­en TV-For­mat der Ver­schwen­dung den Kampf an. Sie selbst ist am liebs­ten un­ter frei­em Him­mel. Fa­mi­lie, Freun­de und die Na­tur ge­ben ihr die Kraft, den Tod ih­res Man­nes zu be­wäl­ti­gen.

Haller Tagblatt - - INTERVIEW - Von Ant­je Berg

Es­t­her Schweins (49) wirkt so, als sei sie noch gar nicht ganz an­ge­kom­men: Vor ein paar St­un­den erst hat sie sich von ih­ren Kin­dern auf Mallor­ca ver­ab­schie­det, jetzt sitzt die Schau­spie­le­rin drau­ßen beim Ita­lie­ner am Straus­ber­ger Platz, um uns her­um tobt der Ber­li­ner Fei­er­abend­ver­kehr. „Auch schön hier“, sagt sie lä­chelnd. „Aber ganz an­ders als zu­hau­se in der Ab­ge­schie­den­heit un­se­rer Fin­ca.“Sie be­stellt sich erst ein­mal ein küh­les Bier, dann sagt sie: „Fan­gen wir an. Was möch­ten Sie wis­sen?“Sie spricht lei­se, kon­zen­triert, und wenn sie ant­wor­tet, wägt sie je­des Wort. Im­mer wie­der schwingt in ih­rer Stim­me die Trau­er um ih­ren Mann mit, der 2017 an Krebs starb – mit 53 Jah­ren. Und doch wirkt Es­t­her Schweins vol­ler Tat­kraft. Dem­nächst wird sie wie­der im TV zu se­hen sein: in ei­nem neu­en NDR-Wis­sens­for­mat, das sich in drei Fol­gen mit dem The­ma Nach­hal­tig­keit be­schäf­tigt, und als Staats­an­wäl­tin in der vier­ten Staœel der ARDSe­rie „Die Kanz­lei“.

Frau Schweins, Sie kom­men di­rekt von Mallor­ca, wo Sie mit Ih­ren Kin­dern le­ben. Wie o sind Sie noch in Deutsch­land und wie fühlt sich das für Sie an?

Ich ha­be in die­sem Jahr klei­ne­re Rol­len in zwei TV-Se­ri­en über­nom­men. Seit dem Früh­som­mer bin ich des­halb zum Dre­hen re­gel­mä­ßig in Deutsch­land. Es ist schön, dass ich hier in Ber­lin seit Be­ginn des Jah­res ei­ne Zwei-Zim­mer-Woh­nung ha­be, die ich mir mit ei­ner Freun­din als Ar­beits­woh­nung tei­le. Des­halb ist es je­des Mal ein ver­trau­tes Wie­der­kom­men.

Wie le­ben Sie auf Mallor­ca?

Ich le­be mit mei­nen bei­den Kin­dern auf dem Land. Auf un­se­rer Fin­ca ha­ben wir vier Hun­de, ei­ne Haus­kat­ze, vie­le wil­de Kat­zen, Scha­fe, Pfer­de. Wir sind über­wie­gend drau­ßen in der Na­tur. Das ist ei­ne Le­bens­form, die ich mir ge­wünscht ha­be. Ich muss Er­de in den Hän­den füh­len, fri­sche Luft rie­chen und eins mit der Na­tur sein. Dann bin ich auch ge­wapp­net für die Groß­stadt.

Wie geht es Ih­nen heu­te – zwei Jah­re nach dem Tod Ih­res Man­nes?

Ich kann das für mei­ne Kin­der und mich in der Wir-Form be­ant­wor­ten: Vor dem Hin­ter­grund des­sen, was uns wi­der­fah­ren ist, geht es uns gut. Wir sind ein star­kes Team und ge­stal­ten un­ser Le­ben im Sin­ne mei­nes Man­nes.

Was be­deu­tet im Sin­ne Ih­res Man­nes?

Er war Bio-Land­wirt, Tra­di­ti­ons­pfle­ger im bes­ten Sin­ne, ein durch und durch na­tur­ver­bun­de­ner Mensch – mit dem Wunsch, dass wir das, was uns ge­schenkt wird, auch pfle­gen und be­schüt­zen. Ei­nen Teil sei­nes Lan­des hat er an ein Na­tur­schutz­ge­biet an­fü­gen las­sen, den an­de­ren Teil be­hut­sam be­wirt­schaf­tet, oh­ne die Na­tur aus­zu­beu­ten. Wir be­mü­hen uns als gro­ße Fa­mi­lie, das ge­nau­so fort­zu­set­zen. Wir – das sind sei­ne bei­den Schwes­tern mit ih­ren Fa­mi­li­en, mei­ne Schwie­ger­mut­ter und vie­le gu­te Freun­de auf Mallor­ca. Sie al­le ha­ben den Kin­dern und mir in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren un­glaub­lich viel Kraft ge­ge­ben, die uns auch in Zu­kunft im All­tag tra­gen wird.

Ein an­de­rer schwe­rer Ein­schnitt in Ih­rem Le­ben war die Tsu­na­mi-Ka­ta­stro­phe 2004, bei der Sie und Ih­re Mut­ter bei­na­he Op­fer der Flut­wel­le ge­wor­den wä­ren. Wie hat Sie das ver­än­dert?

Nach die­sem Er­leb­nis er­schien mir un­se­re auf Ma­te­ri­el­les aus­ge­rich­te­te Welt wie ei­ne künst­li­che Ku­lis­se. So ein Er­eig­nis wirft ei­nen völ­lig auf das ei­ge­ne Da­sein zu­rück, so­dass man sich nur noch auf das We­sent­li­che kon­zen­trie­ren kann. Vie­les, was mein Le­ben bis da­hin be­glei­tet hat­te, er­schien mir plötz­lich als Bal­last. Dass ich mich dann für ein Le­ben auf dem Land ent­schie­den ha­be, kam nicht von un­ge­fähr. Un­ser ein­fa­ches Le­ben auf Mallor­ca ist für mich im bes­ten Sin­ne ein Le­ben an der Ba­sis. Wenn ich dann nach Ber­lin kom­me und se­he, wie man sich in der Stadt Aus­druck ver­leiht über das Äu­ße­re, das Out­fit, den so ge­nann­ten Life­style, dann be­frem­det mich das ein biss­chen (lacht).

In der neu­en NDR-Rei­he „Mehr wis­sen, bes­ser le­ben“, die dem­nächst aus­ge­strahlt wird, sa­gen Sie der Le­bens­mit­tel­ver­schwen­dung, der Weg­werf­klei­dung und dem Plas­tik­müll den Kampf an. Was wol­len Sie er­rei­chen?

Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass nicht je­der in un­se­rem Land zu­min­dest ein we­nig dar­über nach­denkt, wie wir mit un­se­rem Pla­ne­ten um­ge­hen. 18 Mil­lio­nen Ton­nen Le­bens­mit­tel lan­den in Deutsch­land je­des Jahr im Müll. Al­le zwei Mi­nu­ten wer­fen wir fünf Ton­nen Alt­klei­der weg, die wir oft nur ein paar Mal ge­tra­gen ha­ben. Und un­se­re Plas­tik­ber­ge wach­sen und wach­sen. Wir kön­nen so nicht wei­ter­ma­chen, und ich will auch nicht auf die Po­li­tik war­ten müs­sen. Ich bin der tie­fen Über­zeu­gung, dass je­der im Klei­nen Gro­ßes be­wir­ken kann. Ich will er­rei­chen, dass al­le, die die­se Do­ku se­hen, zu­min­dest da­mit an­fan­gen, ihr ei­ge­nes Ver­hal­ten zu än­dern – und an­de­re da­zu an­re­gen. Wer das macht, tut nicht nur Gu­tes für die Welt dort drau­ßen, son­dern auch für sich selbst.

In­wie­fern?

Nichts ist läh­men­der, als sich selbst ohn­mäch­tig zu füh­len. Kaum et­was macht mü­der, pas­si­ver und un­glück­li­cher. Das be­deu­tet im Um­kehr­schluss: Wer et­was än­dert, et­was an­packt und neu ge­stal­tet, fühlt sich wa­cher, hat mehr Le­bens­freu­de und sieht mehr Chan­cen als all die ver­pass­ten Ge­le­gen­hei­ten. Ich ha­be den Ein­druck, dass vie­le Men­schen so sehr auf Kon­sum ge­drillt sind, dass sie längst ver­ges­sen ha­ben, wie viel Macht sie als Kon­su­men­ten tat­säch­lich be­sit­zen – und da­mit auch Macht, ih­re Wer­te zu stär­ken. Es reicht nicht, sich nur zu sor­gen. Neh­men wir die­se Her­aus­for­de­rung doch an – und tun das, was in un­se­rer Hand liegt.

Man­cher wird jetzt sa­gen: Es­t­her Schweins kann leicht über Bil­lig­kla­mot­ten läs­tern, sie hat das Geld, sich per­fekt zu klei­den.

Für Dut­zen­de Bil­lig­kla­mot­ten be­kom­men Sie ein oder zwei schö­ne, lang­le­bi­ge Stü­cke. Dar­um geht es doch ge­ra­de: sich auf das We­sent­li­che zu kon­zen­trie­ren. We­ni­ger ist auch in die­sem Fall mehr. Im Üb­ri­gen muss ich, wie an­de­re Men­schen auch, für mein Geld ar­bei­ten – mehr als ich mir wün­sche, denn am liebs­ten bin ich bei mei­nen Kin­dern. Und zu Hau­se gibt es dann auch im­mer viel zu tun. Wenn ich dann über un­se­re Wie­sen schaue und die Scha­fe durch­zäh­le, kann ich gleich auch die Plas­tik­tü­ten zäh­len, die her­um­flie­gen und in Bäu­men und Zäu­nen hän­gen. Oder man dreht uns das Was­ser ab, weil es we­gen des Kli­ma­wan­dels zu tro­cken ist. Und wenn der Wind bö­se steht, rie­chen wir die Müll­ver­bren­nungs­an­la­ge. Al­les ist bes­ser, als nichts zu tun. Wir ver­su­chen, das in un­se­rem All­tag so gut wie mög­lich um­zu­set­zen. Im Mo­ment freu­en wir uns: In un­se­rem Dorf hat ge­ra­de ein Agro­markt auf­ge­macht, der re­gio­nal An­ge­bau­tes und Pro­duk­te von der In­sel ver­kauft.

Ihr an­de­res TV-Pro­jekt ist die nächs­te Staf­fel der Se­rie „Die Kanz­lei“, in der Sie die Staats­an­wäl­tin spie­len. Was hat Sie dar­an ge­reizt?

Ab­ge­se­hen da­von, dass ich mei­ne Kol­le­gen Her­bert Knaup und Sa­bi­ne Pos­tel sehr schät­ze, ge­fällt mir die Rol­le. Bar­ba­ra Gel­der­mann ist Staats­an­wäl­tin, streng, un­nach­gie­big und nicht dar­auf aus, dass man sie lieb­hat. (lacht)

Was schät­zen Sie an un­se­rem Rechts­sys­tem?

Ich bin mir si­cher, dass wir ei­nes der bes­ten Rechts­sys­te­me welt­weit ha­ben, ob­wohl ich das Ber­li­ner Ur­teil, wo­nach man die Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin Re­na­te Kü­n­ast übelst be­schimp­fen darf, weil Un­flä­tig­keit als Mei­nungs­äu­ße­rung ge­wer­tet wird, als ab­so­lu­tes No-Go emp­fin­de. Aber glück­li­cher­wei­se ha­ben wir ein Sys­tem, das sich selbst über­prüft. Wir wer­den se­hen, ob die nächs­te In­stanz die­ses Ur­teil bil­ligt. An­sons­ten fra­ge ich mich na­tür­lich wie vie­le Men­schen: Wie kann es sein, dass ein Geld­de­likt un­ter Um­stän­den ei­ne hö­he­re Stra­fe nach sich zieht als ei­ne Tat, bei der ein Mensch see­li­schen oder kör­per­li­chen Scha­den nimmt? Ich den­ke, hier ist un­ser Rechts­sys­tem noch aus­bau­fä­hig.

Sie ste­hen nicht nur vor der Ka­me­ra. Sie ha­ben auch schon Re­gie ge­führt – für „Ca­ve­man“und „Hi Dad!“

Ja, das war ei­ne sehr schö­ne und in­ten­si­ve Ar­beit. Und es wa­ren bei­des Sa­chen, die großen Spaß ge­bracht ha­ben.

Be­kannt ge­wor­den sind Sie in den 90er Jah­ren durch die Come­dy-Show „RTL Sams­tag Nacht“. Wür­den Sie aus heu­ti­ger Sicht sa­gen: Das tä­te ich nie wie­der?

Nein, über­haupt nicht. Das war da­mals das Bes­te über­haupt. Es war groß­ar­tig, so ei­ne Rie­sen-Büh­ne zu ha­ben mit all den tol­len Kol­le­gen. Ei­ne su­per­ver­rück­te, gu­te Zeit!

Sie gel­ten als ei­ne der schöns­ten Frau­en Deutsch­lands. Ist das manch­mal auch ei­ne Last?

Nein, es sei denn, schön zu blei­ben, be­deu­tet, nicht äl­ter wer­den zu dür­fen. Viel­leicht ma­che ich es bald wie Kat­ha­ri­ne Hep­burn und las­se das Hals­tuch so ganz ne­ben­bei in mei­ne Gar­de­ro­be ein­flie­ßen. Oder eben doch al­les Über­schüs­si­ge weg­schnip­peln? (lacht)

In der Bru­n­et­ti-Ver›lmung „Schö­ner Schein“spie­len Sie das Op­fer ei­nes fal­schen Zahn­arz­tes. Sie se­hen sehr ge­li et aus und ha­ben da­bei ein et­was asym­me­tri­sches Ge­sicht. Ei­ne un­ge­wohn­te Rol­le?

Vor al­lem ei­ne schmerz­haf­te. Die Mas­ken­bild­ner ha­ben mir da­mals mit Stri­pes so viel Haut wie mög­lich weg­ge­zo­gen und mit Gum­mi­bän­dern am Hin­ter­kopf ver­zurrt, das tat schon nach kur­zer Zeit höl­lisch weh. An ei­nem Zwölf-St­un­den-Dreh­tag ha­be ich dann schon mal zwei Ibu­pro­fen ge­nom­men, weil es an­ders gar nicht aus­zu­hal­ten war. Nach Dreh­schluss muss­te ich, ob­wohl al­les in Ord­nung war, wei­nen, als ich mein Ge­sicht durch­be­wegt ha­be. Seit­her sor­ge ich mich um al­le ge­lif­te­ten Frau­en.

Heu­te las­sen sich schon ganz jun­ge Frau­en ope­ra­tiv „ver­schö­nern“…

…was ich nicht ver­ste­hen, aber durch­aus nach­voll­zie­hen kann. Vor al­lem über die di­gi­ta­len Me­di­en se­hen sich jun­ge Mäd­chen oft ei­nem sol­chen Druck aus­ge­setzt, dass sie per­sön­li­che No­ten an sich selbst furcht­bar fin­den. Sie wol­len um je­den Preis dem all­ge­mei­nen Ide­al ent­spre­chen. Ich fin­de es im Wort­sinn ver-rückt, dass es heu­te als so er­stre­bens­wert gilt, sich mit an­de­ren ge­mein zu ma­chen. Ich wä­re je­den­falls sehr trau­rig, wenn un­se­re Toch­ter an ih­rem sehr be­son­de­ren, sehr schö­nen Ge­sicht et­was ver­än­dern las­sen wür­de, nur weil es nicht den Ide­al­ma­ßen ent­spricht.

Nichts ist läh­men­der, als sich ohn­mäch­tig zu füh­len. Wer et­was an­packt, hat mehr Le­bens­freu­de.

Vie­le Men­schen sind so auf Kon­sum ge­drillt, dass sie längst ver­ges­sen ha­ben, wie viel Macht sie be­sit­zen.

Fo­tos: Tho­mas Trut­schel/photothek.net

„Für Dut­zen­de Bil­lig­kla­mot­ten be­kom­men Sie ein oder zwei schö­ne, lang­le­bi­ge Stü­cke. Dar­um geht es doch ge­ra­de: sich auf das We­sent­li­che zu kon­zen­trie­ren“, sagt Schau­spie­le­rin Es­t­her Schweins.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.