„Kon­sti­tu­tiv für die De­mo­kra­tie“

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU -

Re­gie­rungs­chef Kret­sch­mann warnt vor „Nach­rich­ten­wüs­ten“, Ru­fe nach Re­gu­lie­rung von Face­book und Co.

Stutt­gart. Für ei­nen Quo­ten­brin­ger hält Ro­bert Ha­beck die Ver­an­stal­tung, die ihn am Don­ners­tag nach Stutt­gart führt, oen­kun­dig nicht. „Auf Youtube ha­ben sie da­mit viel­leicht ein paar hun­dert Zu­schau­er“, sagt der Grü­nen-Bun­des­chef am Don­ners­tag vor rund 350 Gäs­ten in den Stutt­gar­ter Wa­gen­hal­len in Rich­tung der Ver­an­stal­ter, der ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­re­gie­rung. „Sie müss­ten hier har­te Na­zis ha­ben, wir müss­ten uns hef­tig an­brül­len oder aus­zie­hen, dann wür­de das in den so­zia­len Me­di­en rich­tig ab­ge­hen und sie hät­ten rich­tig Zu­schau­er.“Dieren­ziert­heit sei nicht das Ge­schäfts­mo­dell kom­mer­zi­el­ler Platt­for­men.

Ha­becks lau­ni­ges Bei­spiel be­rührt den Kern ei­ner Fra­ge, die nicht nur den Me­dien­be­trieb selbst be­trit und der Ba­denWürt­tem­bergs Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann des­halb mit dem ers­ten me­di­en­po­li­ti­schen Kon­gress der Stutt­gar­ter Lan­des­re­gie­rung be­wusst nach­ge­hen will: Wie las­sen sich die Um­brü­che in der Welt der Me­di­en so ge­stal­ten, dass sie nicht das de­mo­kra­ti­sche Mit­ein­an­der be­dro­hen?

Die CDU-Vor­sit­zen­de An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er hat zwar kurz­fris­tig ab­ge­sagt, aber auch so sind die Po­di­en mit be­kann­ten Na­men aus Po­li­tik, Wis­sen­schaft und Me­di­en be­setzt. Kret­sch­mann hat mit der bun­des­weit ein­ma­li­gen Ver­an­stal­tung oen­bar ei­nen Nerv ge­troen.

In den USA hät­ten sich in ei­ni­gen Land­stri­chen be­reits „Nach­rich­ten­wüs­ten“aus­ge­brei­tet oh­ne re­gio­na­le Zei­tun­gen oder Rund­funk­an­ge­bo­te, warnt der Re­gie­rungs­chef in sei­ner Erönungs­re­de. Das füh­re zur Aus­trock­nung der De­mo­kra­tie vor Ort.

Auch hier be­ste­he die Ge­fahr, dass Zei­tun­gen ster­ben, oh­ne dass di­gi­ta­le For­ma­te mit den glei­chen Stan­dards nach­wach­sen. Qua­li­täts­me­di­en aber sei­en „kon­sti­tu­tiv für die De­mo­kra­tie“. Er lobt in dem Zu­sam­men­hang die Ak­ti­on des Ver­bands Süd­west­deut­scher Zei­tungs­ver­le­ger als „star­kes Si­gnal in ei­ner Zeit, wo Qua­li­täts­jour­na­lis­mus mit ei­nem Meer von Fal­sch­nach­rich­ten kon­kur­rie­ren muss“. Am Mitt­woch wa­ren fast al­le Ta­ges­zei­tun­gen in Ba­denWürt­tem­berg – auch die­se Zei­tung – mit der Schlag­zei­le „Die bes­te Zeit für gu­ten Jour­na­lis­mus ist jetzt“er­schie­nen.

Wenn sich aber mit ein­sei­ti­gen Tweets Mas­sen für be­stimm­te Sicht­wei­sen mo­bi­li­sie­ren las­sen, brin­ge das die „Mitt­ler zwi­schen den Wel­ten in Be­dräng­nis“, kon­sta­tiert der ARD-Vor­sit­zen­de Ul­rich Wil­helm. Eu­ro­pa müs­se sich über­le­gen, ob es öent­li­che De­bat­ten

ent­lang von Ge­schäfts­mo­del­len aus­rich­ten wol­le, „die auf Wer­bung aus­ge­rich­tet sind“.

Der Vor­stands­chef der Hu­bert Bur­da Me­di­en Hol­ding, Paul-Bernhard Kal­len, be­klagt ei­ne mas­si­ve Un­gleich­be­hand­lung. Man ha­be so­zia­le Me­di­en wie Face­book, Goog­le, Youtube und Co. „oh­ne je­de Re­gu­la­to­rik, oh­ne je­de Ver­ant­wor­tung ein­fach auf die Men­schen los­ge­las­sen“. Da­ge­gen sei­en die klas­si­schen Me­di­en „durch­re­gu­liert, bis der Arzt kommt“.

Auch der Tü­bin­ger Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Bernhard Pörk­sen plä­diert für ei­ne „ent­schie­de­ne Re­gu­lie­rung von Platt­for­men“, aber auch für mehr Me­dien­bil­dung in Schu­len und für mehr Dia­log­for­men der klas­si­schen Me­di­en.

„Star­kes Si­gnal“: Win­fried Kret­sch­mann.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.