Ful­mi­nant im Um­bruch

Ein star­kes Schluss­quar­tal be­schert gu­te Zah­len. Die kann der Kon­zern mit­ten in der größ­ten Ve­rän­de­rung sei­ner Fir­men­ge­schich­te gut brau­chen.

Haller Tagblatt - - WIRTSCHAFT - Von Tho­mas Veit­in­ger

Sie se­hen heu­te ei­nen ge­las­se­nen und zu­frie­de­nen Fi­nanz­vor­stand.

Joe Ka­e­ser Sie­mens-Chef

Pri­vat mag Joe Ka­e­ser ein hu­mor­vol­ler Mensch sein. Auf dem Po­di­um bei der Vor­stel­lung der Kon­zern­jah­res­zah­len ist der Sie­mens-Chef aber meist et­was spaß­be­freit. In die­sem Jahr je­doch nicht. Wäh­rend der Prä­sen­ta­ti­on des Er­geb­nis­ses des Ge­schäfts­jah­res 2018/19 (30. Sep­tem­ber) sag­te er zu sei­nem Vor­stands­kol­le­gen ver­schmitzt: „Du musst jetzt ge­las­sen schau­en“– um dann in sei­ner Re­de fort­zu­fah­ren: „Sie se­hen heu­te ei­nen ge­las­se­nen und zu­frie­de­nen Fi­nanz­vor­stand.“

Für den klei­nen Gag am Ran­de gibt es ei­nen An­lass: Sie­mens hat sich trotz wid­ri­ger Welt­wirt­schaft mit­ten in ei­ner sei­ner größ­ten Um­bruch­pha­sen dank ei­nes gu­ten vier­ten Quar­tals be­haup­tet. Der Um­satz ging nach oben. Der Ge­winn nach Steu­ern lag mit 5,6 Mrd. € zwar um 8 Pro­zent un­ter dem Vor­jah­res­wert. Al­ler­dings hat­te es im ver­gan­ge­nen Jahr po­si­ti­ve Son­de­re„ek­te in Mil­li­ar­den­hö­he ge­ge­ben. Ka­e­ser be­dien­te sich für die Ent­wick­lung der Zah­len so­gar ei­nes Wor­tes, das man gar nicht in sei­nem Wort­schatz er­war­tet: „ful­mi­nant“. Das Un­ter­neh­men ha­be jetzt zum sechs­ten Mal in Fol­ge sei­ne Jah­res­zie­le er­reicht, sag­te Ka­e­ser. „Das war bei Sie­mens nicht im­mer der Fall. Auf die­se Se­rie kön­nen wir stolz sein.“

Eben­falls er­freu­lich sei der Aus­blick auf das kom­men­de Ge­schäfts­jahr. Trotz wei­te­ren Ge­gen­winds der Welt­wirt­schaft und rück­läu­fi­ger Märk­te will der Tech­no­lo­gie­kon­zern sei­nen Um­satz mo­de­rat stei­gern, was ty­pi­scher­wei­se ein Plus von 3 bis 5 Pro­zent be­deu­tet. Der Auf­trags­ein­gang ging um 6 Pro­zent nach oben. Zum ope­ra­ti­ven Er­geb­nis des Un­ter­neh­mens gab Sie­mens kei­ne kon­kre­te Pro­gno­se ab. Die für das Er­geb­nis je Ak­tie an­ge­ge­be­ne Span­ne deu­tet al­ler­dings ten­den­zi­ell nach oben. Ge­ra­de im Ver­gleich zu Kon­kur­ren­ten – ge­meint sein dürf­te et­wa der tra­di­tio­nel­le US-Wi­der­sa­cher Ge­ne­ral Electric – ste­he Sie­mens gut da, freu­te sich Ka­e­ser.

Zah­len und Aus­blick sind wich­tig, die Münch­ner dre­hen aber noch an ei­nem ganz großen Rad: dem Kon­zern­um­bau. Das aus der heu­ti­gen Spar­te Gas and Po­wer so­wie der Mehr­heits­be­tei­li­gung an Sie­mens Ga­me­sa be­ste­hen­de Ener­gie­ge­schäft wird im Früh­jahr als Sie­mens Ener­gy ab­ge­spal­ten und vor­aus­sicht­lich im Sep­tem­ber 2020 an die Bör­se ge­bracht.

Dies wer­de un­ab­hän­gig von der Ent­wick­lung der Ka­pi­tal­märk­te ge­sche­hen, be­ton­te Fi­nanz­chef Ralf Tho­mas. „Wir sind nicht ab­hän­gig da­von, ob die Bör­se gut ge­launt ist“, be­ton­te er.

„Der Zeit­plan bis zur Bör­sen­no­tie­rung ist am­bi­tio­niert, aber wir sind auf Kurs“, sag­te der de­si­gnier­te Chef von Sie­mens Ener­gy, Micha­el Sen. Die Ak­ti­en ge­hen per Spin-O„ an die Sie­mens-An­teils­eig­ner. Er ha­be „Auf­bruch­stim­mung an den deut­schen Stand­or­ten in den ver­gan­ge­nen Wo­chen ge­spürt – auch in Wer­ken, die von schmerz­haf­ten Ein­schnit­ten be­tro„en sind und wa­ren.“An­fang kom­men­den Jah­res wer­de der Sitz des neu­en Un­ter­neh­mens be­kannt­ge­ge­ben.

Künf­tig soll Sie­mens aus den drei Be­rei­chen In­dus­tri­el­les (mit den Di­gi­ta­len In­dus­tri­en und der Bahn­tech­nik), Ge­sund­heit und En­er­gie be­ste­hen, die in ei­nem von „ge­mein­sa­men In­ter­es­sen“ge­tra­ge­nen „Öko­sys­tem“zu­sam­men­ar­bei­ten, sag­te Ka­e­ser. Wenn in ei­nem Land oder in ei­ner Re­gi­on po­li­ti­sche, ge­sell­schaft­li­che oder re­gu­la­to­ri­sche Fra­gen ge­löst wer­den müs­sen, sei man ge­mein­sam stär­ker.

Den Sinn der Ab­spal­tung be­schriebt Sen so: „Als un­ab­hän­gi­ges Un­ter­neh­men kön­nen wir un­se­re Kräf­te bün­deln und uns auf das kon­zen­trie­ren, was wir am bes­ten kön­nen: En­er­gie. Wir ha­ben nun die Frei­heit, un­se­re ei­ge­nen Stra­te­gie- und In­ves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen zu tre„en und ge­win­nen da­mit deut­lich an Ge­schwin­dig­keit.“In ei­nem sich so ra­di­kal und so schnell ver­än­dern­den Markt sei dies ei­ne ex­trem wich­ti­ge Er­folgs­vor­aus­set­zung. Die Ab­spal­tung der En­er­gie-Ak­ti­vi­tä­ten brin­ge ei­nen „er­heb­li­chen Er­trag“, der sich al­ler­dings noch nicht ver­läss­lich quan­ti­fi­zie­ren las­se, sag­te Ka­e­ser.

Als wä­re das noch nicht ge­nug, gibt es noch ein wei­te­re be­deu­ten­de Ve­rän­de­rung im Un­ter­neh­men: Ka­e­ser selbst. Sein Ver­trag en­det An­fang 2021 und der Nach­fol­ger Ro­land Busch läuft sich seit An­fang Ok­to­ber in der neu ge­scha„enen Po­si­ti­on ei­nes stell­ver­tre­ten­den Vor­stands­vor­sit­zen­den warm. Ei­ne Ent­schei­dung über die Nach­fol­ge soll aber erst im Som­mer 2020 ge­tro„en wer­den. Wann Ka­e­ser sei­nen Pos­ten frei macht, wol­le er nicht sa­gen, nur: „In fünf Jah­ren wer­de ich si­cher­licht nicht mehr Chef sein.“Kom­men­tar

Fo­to: Pe­ter Kne el/dpa

Der Neue – ver­mut­lich. Noch ist Ro­land Busch o ziell nur stell­ver­tre­ten­der Vor­stands­vor­sit­zen­der von Sie­mens.

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