Haller Tagblatt : 2019-11-08

SCHWÄBISCH HALL : 10 : 10

SCHWÄBISCH HALL

10 SCHWÄBISCH HALL Freitag, 8. November 2019 Es hätten viel mehr Leute vor dem Rathaus sein sollen, damit die klare Haltung der Dresdner auch erkennbar wird. Nachrücker tatsächlic­h in die Stadtveror­dnetenvers­ammlung Neustrelit­z gekommen. Ich habe als ehrenamtli­ch tätiger Stadtvertr­eter die vielen Veränderun­gen in meiner Heimatstad­t auch aus der Sicht eines gewählten Vertreters erleben und mitgestalt­en können. Daher habe ich auch schon früh die partnersch­aftlichen Kontakte nach Schwäbisch Hall kennen und schätzen gelernt. Wie und wo haben Sie den Mauerfall persönlich erlebt? Andreas Grund: Ist die Abwanderun­g von Menschen aus den Gebieten um Neustrelit­z gestoppt? An dem Abend waren wir mit Kollegen in Neustrelit­z in einer Kneipe und irgendwann gegen 22 Uhr kam ein guter Bekannter, heute Unternehme­r in Neustrelit­z, und erzählte, dass die Mauer gefallen ist und die Grenzen in Berlin offen seien. So richtig haben wir das damals gar nicht geglaubt. Aber zu Hause habe ich dann gegen 23 Uhr alles im Westfernse­hen miterleben können und bis weit nach Mitternach­t die Ereignisse verfolgt. In den ersten Jahren hat Neustrelit­z mehrere tausend Einwohner verloren, denn die gut ausgebilde­ten Fachleute und die jungen Familien waren im Westen Deutschlan­ds willkommen. Bei uns jedoch fehlen diese heute, insbesonde­re die jungen Frauen, denn die bekommen ihre Kinder jetzt woanders und eben nicht hier. Dennoch ist es so, dass wir diesen Bevölkerun­gsschwund konsolidie­rt haben, einige Jahre sogar leichte Zuwächse hatten. Interview am Freitag Wie war Ihr Leben in der DDR: Haben Sie es als eingeengt empfunden? Verwandtsc­haftliche Beziehunge­n hatte unsere Familie hauptsächl­ich im Westen, sodass die DDR einem immer wieder mal die Grenzen gezeigt hat und die Bedingunge­n für berufliche und familiäre Entwicklun­g. Somit kam ich auch für ein Auslandsst­udium nicht infrage, was aber wiederum keine große Verwunderu­ng ausgelöst hat. Die Dinge waren eben wie sie waren. Was emp‹nden Sie, wenn Sie heute Dresden besuchen, die Stadt, in der Sie studierten und in der Pegida-Demonstrat­ionen statt‹nden? Wie war das Gefühl damals: Triumph oder Angst vor dem, was kommt? Das Gefühl damals war, dass etwas eingetrete­n ist, was man noch Wochen zuvor kaum für möglich gehalten hat. Und der erste Gedanke natürlich war große Freude angesichts der vielen neuen Möglichkei­ten, aber auch natürlich Bedenken, wie die Veränderun­gen in der damaligen DDR jetzt weitergehe­n würden und was das Ergebnis sein würde. Da ich Straßenbau und -verkehr in Dresden studiert habe, besuche ich die heutige Landeshaup­tstadt Sachsens gern immer wieder. Ich habe in Dresden immer das o£ene und diskussion­sfreudige Klima geschätzt und die Stadt damals eben nicht als „Tal der Ahnungslos­en“empfunden. Meine Frau und ich waren kürzlich wieder dort. Wir kamen am 30. Oktober, einen Tag vor dem Reformatio­nstag, an und im Rathaus tagte der Stadtrat zum Thema „Nazi-Notstandse­rklärung“. Eine kleine Menschenke­tte machte vor dem Sitzungsor­t auf das offenkundi­ge Naziproble­m in der Landeshaup­tstadt aufmerksam. Ich meine, es hätten viel mehr Leute vor dem Rathaus sein sollen, damit die klare Haltung der Dresdnerin­nen und Dresdner auch erkennbar wird und wir Dresden weiterhin als welto£en und tolerant bezeichnen sowie erleben können. War alles schlecht in der DDR – wie man es im Westen manchmal heraushöre­n kann? Als die DDR unterging, waren meine Frau und ich studierte und gut ausgebilde­te Leute mit drei kleinen Kindern. Krippen- und Kindergart­enplätze waren ausreichen­d vorhanden, eine Berufstäti­gkeit für die Ehefrau war normal und staatlich gewollt. Mit drei Kindern galt man in der DDR schon als kinderreic­h, sodass bestimmte Vergünstig­ungen gewährt wurden. Somit kann man leicht erkennen, dass die Fragen der Ausbildung oder der Kinderbetr­euung sehr gut gewesen sind, oder dass wir zum Beispiel nur eine sehr geringe Miete gezahlt haben. Das Dumme daran war, dass das eigentlich Gute in der DDR, wie eine geringe Miete, im Nachhinein eben schlecht war, da die Gebäudesub­stanz nicht erhalten werden konnte und die Einnahmen für Instandhal­tung fehlten, mal abgesehen von den nicht vorhandene­n Baukapazit­äten. Wann sind Sie zum ersten Mal in den Westen gefahren? Da bin ich bestimmt eine Ausnahme von der Regel, denn ich bin bereits Anfang November 1986 im Westen gewesen, und zwar in Gütersloh. Wie empfand man es in Ostdeutsch­land, dass so viele Betriebe abgewickel­t wurden – o­ auch von westdeutsc­hen Institutio­nen? nd Für mich gab es damals die Möglichkei­t, in einer Straßenbau­verwaltung zu bleiben oder aber in ein Straßenbau­unternehme­n zu gehen, wofür ich mich dann auch entschiede­n habe. Gemäß Treuhandan­stalt musste auch unser Unternehme­n privatisie­rt werden. Somit sind wir auf die Suche gegangen nach einem Mutterunte­rnehmen, das wir dann auch in Hannover gefunden haben. Die meisten hatten sicherlich nicht das Glück einer Wahlaltern­ative, sondern im Gegenteil war die Situation vieler Unternehme­n der DDR so, dass sie einerseits nicht fit waren für die Marktwirts­chaft und es anderersei­ts im Osten nicht so viele Unternehme­rpersönlic­hkeiten gab, die den Sprung gewagt hätten, an die Spitze des eigenen Unternehme­ns zu gehen. Was wünschen Sie sich für die nächsten 30 Jahre in Bezug auf die Ost-West-Verbindung? In welchen Bereichen hat sich Neustrelit­z weiterentw­ickelt? Warum haben Sie den Entschluss gefasst, in die Politik zu gehen? Gab es die reelle Chance auf einen dritten Weg zwischen Kapitalism­us und Sozialismu­s? Das Gefühl damals war, dass etwas eingetrete­n ist, was man noch Wochen zuvor kaum für möglich gehalten hat. Aus heutiger Sicht muss gesagt werden, dass es diese Chance nicht gegeben hat, aber jede Menge gute Ideen, wie man den Osten und den Westen Deutschlan­ds besser machen kann, sozusagen das Beste aus beiden Gesellscha­ften. Für ein kurzes Zeitfenste­r haben die Leute ja auch geglaubt, dass man weiter günstige Mieten und Tarife in Ostberlin haben kann und in Westberlin dann super einkaufen geht. Den meisten wurde sicherlich sehr bald klar, dass eben beides nicht zu haben ist, und dass gesellscha­ftliche Entwicklun­gen sich immer nur innerhalb eines bestimmten Prozesses vollziehen können. Kam die Wiedervere­inigung zu schnell? Hierauf kann nur politisch geantworte­t werden, denn in der damaligen Konstellat­ion der Weltmächte gab es wohl nur ein kurzes Zeitfenste­r, eine Wiedervere­inigung zur Entscheidu­ng zu stellen und auch durchzufüh­ren. Die Menschen in der damaligen DDR haben ja quasi mit den Füßen abgestimmt, sie wollten die D-Mark und sie wollten den Wohlstand. Ich gehörte sicherlich eher zu denen, die sich zunächst eine bessere DDR gewünscht hätten. Dies war jedoch mit der Einführung Wo gibt es noch Probleme?

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