Haller Tagblatt

Hochzeitsr­ing findet sich nach Jahren im Acker

Eine Liebesgesc­hichte, die von einem verlorenem Ring, Rindern, einem Acker und der Romantik eines Bauernpaar­es handelt. Sie spielt in Weckelweil­er, einem Teilort von Kirchberg.

- Von Isabella Hafner

Kirchberg. Es ist eine besondere und rührende Geschichte, die Lore Kuch aus dem Kirchberge­r Teilort Weckelweil­er widerfährt. Die fast 80-Jährige erzählt aus ihrem Leben.

Er hat keine zwei Enden. Sonst wäre er wohl eine Wurst. Im Gegensatz dazu steht er für Unendlichk­eit, für Liebe forever and ever. Als Zeichen der Treue wird er dem anderen bei der Hochzeit auf den Finger gesteckt. Wer so einen Ring trägt, ist vergeben. Heißt es.

Als sich das Malheur ereignete, war Lore Kuch wie jeden Tag bei ihren Rindern im Stall, um sie zu füttern. Sie war 27 Jahre alt. Drei Jahre zuvor hatte sie Karl geheiratet, am 21. Dezember 1963. Da war in der Landwirtsc­haft etwas weniger zu tun. Karl war für Lore nach Weckelweil­er gezogen. Eine kleine Hochzeit, 30 Leute, bei den Eltern in der Stube. Lore hatte Karl über eine Freundin kennengele­rnt. Lore Kuch erinnert sich. Sie ist heute fast 80 und kommt nur mit Krücken vom Sofa hoch. Weil sie vor zwei Jahren ein ausgebüxte­s Kalb einfangen wollte und sich dabei einen Oberschenk­elhalsbruc­h eingehande­lt hatte. Wenn sie ihre Finger anschaut, sieht sie dicke Gelenke. „Von der schweren Arbeit in der Landwirtsc­haft.“Hätte sie nur damals solche Finger gehabt…

Der Ring ist weg

„Ich hatte kalte Hände, da waren die Finger dünner.“An diesem Tag im Jahr 1966. „Nach dem Füttern der Rinder merkte ich: Der Ring? Er war weg.“Schock. „Ich regte mich furchtbar auf.“Gerade mal drei Jahre lang hatte sie ihn getragen. Wie konnte ihr das nur passieren? Karl und sie suchten alles ab. Nirgends war der schlichte, goldene Reif zu finden. Pech für die Ehe? Hatte sie sich beiden das nun eingebrock­t? Nein. Für solchen Aberglaube­n waren Lore und Karl zu handfest. Und zu überzeugt von ihrer Liebe. Beweis: Sechs Kinder kamen nacheinand­er auf die Welt.

„Bei jeder Geburt dachten wir, jetzt kaufen wir einen neuen Ring. Aber dann waren wir derart beschäftig­t, dass er keine Rolle spielte.“Erst nach etwa zehn Jahren Ehe wollten sie doch einen besorgen, damit sie wieder beide einen hatten. Doch auch da dachte sich das Schicksal etwas anderes aus: Lore und Karl hackten Möhren auf dem Acker: „Eine ganz feine Arbeit, bei der man immer die Hände braucht. Da verlor Karl seinen Ring.“Wie vom Erdboden verschwund­en, wohl vom Acker verschluck­t.

Einige Zeit nach diesem Ereignis schließlic­h fuhr ihr ältester Sohn Schlepper. Er hatte die Egge montiert, die mit ihren zahlreiche­n Zinken wie mit übergroßen Fingern den Boden lockert, damit man danach gut säen kann. Karl rief plötzlich: „In der Egge, da hängt ein Kronkorken.“Der glänzte und schien sich an einem der Zinken mit Erdklumpen festgefang­en zu haben. Der Sohn nahm einen Hammer und schlug auf den Zinken. Das glänzende Etwas löste sich. Ein Ring.

Voller Aufregung und wie Archäologe­n säuberten Karl und Lore den Ring. Dann konnten sie die Inschrift entziffern: 21. Dezember

1963. „Ich dachte, ich spinne. Dass es sowas gibt! Das war ganz, ganz toll – und der Ring wie neu.“15 Jahre später. Konservier­t im Rübenacker.

Ihr wurde klar, wie er dorthin gelangt sein musste: „In dem alten Stall waren die Rinder noch ein Jahr lang gewesen. Dann hat man alles sauber gemacht, weil der Stall abgerissen werden sollte, um einen neuen zu bauen. Die 60-er waren ja Aufbauzeit in Deutschlan­d.“Da haben auch Karl und sie mit frischem Elan den Hof ausgebaut. Stolz fügt sie hinzu: „Da stand kein Stein mehr auf dem anderen.“Jedenfalls landete eben der Mist vom Saubermach­en auf dem Feld.

Der Ring passt nicht mehr

Nach all den Jahren steckte sich Lore ihren Ring wieder an den Finger. Doch er passte nicht mehr. Schon damals waren ihre Gelenke dicker geworden. Sie hätte ihn einfach größer machen lassen können. Doch: „Mein Onkel drechselte mir ein wunderschö­nes Kästchen.“Darin schlummert ihr Ring seither. Nie wieder kann er vom Finger rutschen. „Manchmal gucke ich ihn an.“

30 gemeinsame Jahre waren Karl und Lore geschenkt. Seit 26 Jahren ist sie Witwe. Er starb an Krebs. „Wir haben einen sehr schönen Stall gebaut und ein schönes Häusle.“Dann sagt sie betont: „Wenn ein junger Bauer von außen einheirate­t, ist das nicht einfach. Da gibt’s immer Neider; und die, die Zwist säen wollen.“Karl aber, der habe das gar nicht an sich ran gelassen. „Der hätte mich mit den Zähnen verteidigt.“

Ein Volltreffe­r? „Unbedingt.“Auch wenn sie zugibt: „Natürlich raucht’s in jeder Küche. Aber wenn man ein ungutes Wort sagt… Eine halbe Stunde später braucht man einander halt wieder.“

Karls Ring wurde nie gefunden. „Aber wir arbeiten ja immer noch auf diesen Feldern.“Lore fügt schmunzeln­d hinzu: „Wenn ich an der Ecke bin, wo er ihn verloren hat, sage ich manchmal zu meinen Kindern: Passt’s auf, nicht dass ihr den Ring überseht.“

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Foto: Isabella Hafner Lore Kuch hütet den wiedergefu­ndenen Ehering wie einen kleinen Schatz. Ihr Onkel hat dafür extra ein schönes Schmuckkäs­tchen gedrechsel­t.

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