Gu­te Po­li­tik braucht Pro­fi-Po­li­ti­ker!

De The­men im­mer kom­ple­xer, de An­for­de­run­gen im­mer hö­he – und für die Fa­mi­lie bebt nie Zeit: War­um un­ser Teil­zeit-Par­la­ment die De­mo­kra­tie schwächt und n cht mehr zeit­ge­mäß ist, ekät Grü­nen-Frak­ti­ons­chef An­jes Tjarks

Hamburger Morgenpost - - STANDPUNKT -

Po­li­tik kennt kei­nen Fei­er­abend. Weil die Welt sich per­ma­nent und oh­ne Un­ter­lass wei­ter­dreht. Weil Po­li­tik auch vor den Wo­che­n­en­den nicht Halt macht, an de­nen Par­tei­ta­ge statt­fin­den oder In­fo­stän­de be­dient wer­den wol­len. Und weil in­zwi­schen je­de klei­ne Pau­se da­zu ge­nutzt wird, die so­zia­len Me­di­en zu be­die­nen. Für mich ist klar: Ein Teil­zeit-Par­la­ment wie die Ham­bur­gi­sche Bür­ger­schaft wird die­ser Ent­wick­lung längst nicht mehr ge­recht.

Im Schnitt ar­bei­ten die Teil­zeit-Ab­ge­ord­ne­ten ca. 30 bis 40 St­un­den die Wo­che. Es müs­sen Ak­ten und Druck­sa­chen ge­le­sen, Aus­schüs­se, Frak­ti­ons- und Bür­ger­schafts­sit­zun­gen vor­be­rei­tet und be­sucht, Pres­se­an­fra­gen be­ant­wor­tet, Wahl­kreis­ver­an­stal­tun­gen und Bür­ger­sprech­stun­den durch­ge­führt wer­den. Und da­zu sol­len vie­le noch ei­nen Be­ruf wup­pen, der sie eben­falls for­dert. Das funk­tio­niert im­mer we­ni­ger.

Man­dat, Be­ruf und dann noch die ei­ge­ne Fa­mi­lie un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men, ist prak­tisch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Auch ich stand, als ich noch als Leh­rer tä­tig war, von

acht Uhr mor­gens bis in den Nach­mit­tag in der Schu­le. Von da aus ging ich di­rekt in die Bür­ger­schaft und bin dort bis in die spä­ten Abend­stun­den nicht weg­ge­kom­men. Die­se Struk­tu­ren sind ei­gent­lich für al­le ein Aus­schluss­kri­te­ri­um, die sich jen­seits von Be­ruf und Po­li­tik auch noch um ih­re Fa­mi­lie küm­mern wol­len.

Es gibt vie­le Grün­de, wes­halb die Ar­beit als Par­la­men­ta­ri­er im­mer kom­ple­xer wird, wes­halb die Ar­beits­ver­dich­tung in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich zu­ge­nom­men hat.

So ist Ham­burg deutsch­land­weit Vor­rei­ter in Sa­chen di­rek­ter De­mo­kra­tie. Aus po­li­ti­scher Sicht ist das sehr po­si­tiv, führt aber für die Ab­ge­ord­ne­ten zu ei­nem enor­men Ar­beits­auf­wand, weil sich Volks­in­itia­ti­ven im­mer an die Volks­ver­tre­tung wen­den. Hin­zu kommt, dass wir heu­te viel mehr Frak­tio­nen in der Bür­ger­schaft sit­zen ha­ben. Da­durch steigt der Ab­stim­mungs­be­darf un­ter­ein­an­der und die ein­zel­nen Par­la­men­ta­ri­er müs­sen in je­der Frak­ti­on mehr The­men ab­de­cken. Be­son­ders klei­ne Frak­tio­nen sind da im Nach­teil. Doch auch sie müs­sen in die La­ge ver­setzt wer­den, die er­höh­te Kom­ple­xi­tät der Ent­schei­dun­gen zu be­wäl­ti­gen.

Bei­spie­le da­für gibt es vie­le. Sei es der Rück­kauf der Ener­gie­net­ze, die Elb­phil­har­mo­nie, der Kauf von Ha­pag-Lloyd oder auch der Ver­kauf der HSH-Nord­bank – Ab­ge­ord­ne­te müs­sen viel Zeit in­ves­tie­ren, um die Kom­ple­xi­tät ei­ner ein­zel­nen The­ma­tik durch­drin­gen und be­wer­ten zu kön­nen.

Und ei­gent­lich sol­len die Frak­tio­nen nicht nur Ent­schei­dun­gen be­wäl­ti­gen, sie sol­len vor al­lem auch ei­nen ei­ge­nen Po­li­ti­kent­wurf für Ham­burg ent­wi­ckeln kön­nen. Denn das stärkt die De­mo­kra­tie ins­ge­samt. Da­zu ge­hö­ren sehr viel Kennt­nis und De­tail­wis­sen in den ver­schie­dens­ten Be­rei­chen, auch über Ham­burg hin­aus. Das er­wirbt man sich nicht oh­ne Wei­te­res als Teil­zeit­par­la­men­ta­ri­er mit Be­ruf – je­den­falls nicht, oh­ne die ei­ge­ne Ge­sund­heit aufs Spiel zu set­zen, die Nacht zum Tag zu ma­chen oder pha­sen­wei­se kei­ne Zeit mehr für die Fa­mi­lie zu ha­ben.

Die Bür­ger­schaft ist das ein­zi­ge vom Volk ge­wähl­te Ver­fas­sungs­or­gan und das Fo­rum für al­le ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Be­lan­ge in Ham­burg. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Bür­ger­schaft ist die Herz­kam­mer un­se­rer Ham­bur­ger De­mo­kra­tie. Sie soll da­für sor­gen, dass un­se­re Stadt zu­sam­men­hält und sich wei­ter­ent­wi­ckelt. Die Men­schen er­war­ten zu Recht, dass die Ab­ge­ord­ne­ten ge­wis­sen­haft ih­ren Ver­pflich­tun­gen nach­kom­men und ihr Man­dat mit Herz­blut für un­se­re Stadt aus­fül­len.

Um das auch in Zu­kunft zu er­mög­li­chen und um mehr Ham­bur­ge­rin­nen und Ham­bur­gern die Aus­übung ei­nes Man­da­tes über­haupt zu er­mög­li­chen, hal­te ich ei­ne Re­form un­se­rer Bür­ger­schaft für drin­gend nö­tig – auch wenn die Um­set­zung ein di­ckes Brett ist. Not­wen­dig wä­ren meh­re­re Ver­fas­sungs­än­de­run­gen, die man nicht ein­fach so hopplahopp ma­chen kann. Die Ent­schei­dung zur Ein­füh­rung ei­nes Voll­zeit­par­la­ments kann nur aus ei­nem brei­ten Kon­sens in Po­li­tik und Ge­sell­schaft her­aus ge­trof­fen wer­den. Hier­für bräuch­te man ei­ne über­frak­tio­nell und auch mit par­tei­un­ab­hän­gi­gen Ex­per­ten be­setz­te En­que­te-Kom­mis­si­on, in der die de­mo­kra­ti­schen, recht­li­chen, wirt­schaft­li­chen und so­zia­len As­pek­te ab­ge­wo­gen wer­den kön­nen. Dies soll­ten wir im In­ter­es­se der De­mo­kra­tie in Ham­burg an­ge­hen!

MAN­DAT, BE­RUF UND FA­MI­LIE UN­TER EI­NEN HUT ZU BRIN­GEN, IST ZUM SCHEI­TERN VER­UR­TEILT. AN­JES TJARKS

Bür­ger­schaf sprS­si­den­tin Ca­ro­la Veit wSh­rend der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung der ak­tu­el­len Bür­ger­schaf im FSrz 2015

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