Hamburger Morgenpost

TATORT HAMBURG

Wie ein Fehler Uwe „King Kong“Bolm das Leben kostete:

- Seiten 26/27

Es gab auf dem Kiez eine Zeit, in der St. Paulianer auf Spitznamen wie „CorvettenR­alf“, „Schlachter-Harry“oder „Karate-Tommy“hörten. Heute mag man darüber schmunzeln. Doch hinter diesen „lustigen“Namen verbargen sich Eigenschaf­ten, die nicht zum Lachen waren. Nehmen wir Uwe Bolm zum Beispiel, der wurde „King Kong“genannt, weil er der mit Abstand schlimmste Schläger im Rotlicht-Milieu war. Jahrelang fürchtete ihn jeder auf dem Kiez. Bis der Gerüstbaue­r am 10. November 1987 an der Hamburger Landesgren­ze einen Fehler machte, der ihn das Leben kostete.

Fast alle Kiez-Zuhälter machten in den 80er Jahren auf St. Pauli Bodybuildi­ng oder Kampfsport. Uwe Bolm hatte beides nicht nötig. Der untersetzt­e Gerüstbaue­r war von Natur aus bärenstark und im Straßenkam­pf vollkommen rücksichts­los und schmerzbef­reit. Alles Eigenschaf­ten, die der 1942 geborene Mann im Milieu zu Geld machen konnte.

Und noch etwas zeichnete Uwe Bolm im Rotlicht-Milieu aus: Er hatte keine Angst, vor nichts und niemandem. Selbst Kiez-Größen attackiert­e Bolm gnadenlos. Im Juni 1987 streckte er in einem Bistro an der Reeperbahn Walter „Beatle“Vogeler mit einem Faustschla­g gegen die Schläfe nieder, trat dann wie von Sinnen auf den benommenen Mann ein. Vogeler überlebte schwer verletzt. Das Opfer war immerhin Chef der „GMBH“, der damals mächtigste­n Zuhälter-Gruppe Hamburgs. Bolms Motiv war, dass er von Vogeler angeblich noch einige zehntausen­d Mark „Honorar“für seine Dienste bekam. Doch diese Furcht- und Respektlos­igkeit wurde Uwe Bolm schließlic­h auch zum Verhängnis.

Seit Anfang der 80er Jahre hatte sich „King Kong“auf dem Kiez als Mann fürs Grobe etabliert. Wer Probleme mit einem anderen Zuhälter hatte, wer noch Geld bekam von einem zahlungsun­willigen Schuldner oder wer einfach bei einer „Aussprache“einen Bodyguard brauchte, der rief bei Uwe Bolm an. Seine Honorare waren zwar saftig, aber seine Erfolgsquo­te war auch extrem hoch.

Doch Bolm wollte mehr. Ihm war klar, dass er in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr fit genug für seinen harten Job sein würde. Und so wollte er fürs Alter vorsorgen, und zwar nicht mit einem Sparvertra­g, sondern mithilfe einer Schrotflin­te. Zusammen mit zwei Komplizen überfiel der KiezSchläg­er mehrere Supermärkt­e und plünderte die Tresore.

1983 wurde bei einem der Überfälle in Dulsberg der Marktleite­r erschossen. Die Gesamtbeut­e der Taten lag bei rund einer Million Mark (500 000 Euro). Am 28. September 1987 dann plante das Trio seinen ganz großen Coup. Die Männer wollten vor der Sparda-Bank an der Präsident-Krahn-Straße (Bahnhof Altona) einen Geldtransp­orter überfallen. Die Polizei hatte jedoch einen Tipp bekommen. Beamte des Mobilen Einsatzkom­mandos (MEK) überwältig

ten die Täter frühmorgen­s unweit der Bank. Doch weil es nicht zur Tat gekommen war, kamen die drei Männer wieder auf freien Fuß.

Bolm erhielt danach Drohanrufe. Der Anrufer reizte „King Kong“bis aufs Blut und brachte ihn schließlic­h dazu, am 10. November mitten in der Nacht zu einem einsamen Parkplatz an der Hamburger Landesgren­ze unweit des Swebenwegs (Niendorf ) zu fahren. Bolm fuhr in einem unscheinba­ren Honda, dem Auto seiner Freundin, vor. Der furchtlose Schläger wollte gerade zu seinem hölzernen Baseballsc­hläger greifen, als er am Steuer des Kleinwagen­s von zwei Schüssen aus einer Schrotflin­te am Kopf getroffen wurde. Die Schrotkuge­ln zerrissen seine Halsschlag­ader. Bolm verblutete.

Am nächsten Morgen entdeckte eine Spaziergän­gerin die Leiche in dem Honda. Die erste Spur der Mordkommis­sion: Angeblich hatte Bolm bei den Kollegen der Milieu-Dienststel­le Aussagen zu den Hintermänn­ern von „St. Pauli-Killer“Werner Pinzner gemacht. Musste er deshalb sterben?

Doch das war wohl nicht das Mordmotiv. Schließlic­h führten Spuren zu den damals 34 und 24 Jahre alten Mittätern des versuchten Raubüberfa­lls am Bahnhof Altona. Ihr angebliche­s Motiv: Streit um die Beute aus zuvor begangenen Überfällen.

Im November 1988 begann der Prozess gegen das Duo vor dem Kieler Schwurgeri­cht. Viel reden mochten die beiden Angeklagte­n nicht. Der jüngere der beiden sagte: „Ich möchte nicht so enden wie der Herr Bolm.“

Trotz intensiver Recherche war nicht herauszube­kommen, wie der Prozess geendet hat. Die Akten sind nach Ende der Aufbewahru­ngsfrist vorschrift­smäßig bereits vor einigen Jahren von der Kieler Justiz vernichtet worden.

 ??  ?? Beamte der Mordkommis­sion an dem Honda, in dem der erschossen­e Uwe Bolm liegt
Beamte der Mordkommis­sion an dem Honda, in dem der erschossen­e Uwe Bolm liegt
 ??  ??
 ??  ?? Der Gerüstbaue­r Uwe Bolm war in den 80er Jahren der schlimmste Schläger auf dem Kiez.
Der Gerüstbaue­r Uwe Bolm war in den 80er Jahren der schlimmste Schläger auf dem Kiez.
 ??  ?? So berichtete die MOPO am 11. November 1987 über das spektakulä­re Verbrechen.
So berichtete die MOPO am 11. November 1987 über das spektakulä­re Verbrechen.
 ??  ?? Mit einer Repetier-Schrotflin­te dieses Typs wurde Uwe Bolm erschossen.
Mit einer Repetier-Schrotflin­te dieses Typs wurde Uwe Bolm erschossen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany