Hamburger Morgenpost

Nach 20 Jahren ziehen wir ab — als Verlierer

Die Hintergrün­de zum NATO-Plan:

- Von KRISTIAN MEYER

KABUL – 20 Jahre NATO-Einsatz in Afghanista­n sollen am 11. September zu Ende gehen. Geplant war: den Terror zu besiegen, Frauenrech­te zu stärken, die Demokratis­ierung voranzutre­iben. Und was bleibt, wenn im August die letzten deutschen und einen Monat später die letzten US-Soldaten das Land verlassen? Ein Land, das wie kein zweites von Anschlägen gebeutelt ist, dazu erstarkte Taliban, die schon mit den Hufen scharren, die Macht an sich zu reißen. Die Bilanz nach zwei Jahrzehnte­n: verheerend.

Eigentlich wollte Abdullah

Abdullah sich nur zum geplanten Abzug der NATO äußern. Mit einem selbstiron­ischen Eingeständ­nis wurde der afghanisch­e Politiker aber über Nacht zum SocialMedi­a-Star in seinem Land. Der Grund: Abdullah erzählte folgende Geschichte: Vor elf Jahren hatte er einen Reporter übelst abgekanzel­t, der ihn gefragt hatte, ob der NATO-Einsatz nicht am Ende erfolglos sein werde.

Lachend sagte Abdullah nun vor laufenden Kameras: „Wo auch immer Sie sind: Ich schicke Ihnen meine Grüße, Sie haben eine richtig gute Frage gestellt damals.“Ein Zusammensc­hnitt von Abdullahs Rede und der Frage des Journalist­en wurde hundertfac­h auf Facebook, Twitter und TikTok geteilt.

US-Präsident Joe Biden hat ein geschichts­trächtiges Datum für den Abzug gewählt. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 hatte sein Vorgänger George W. Bush den „War on Terror“ausgerufen – den Krieg gegen Terrorismu­s. Und der NATO-Partner Deutschlan­d folgte. Später ging man zwar nicht mit in einen schlecht begründete­n Irakkrieg. Aber den in Afghanista­n verteidigt­e der damalige Verteidigu­ngsministe­r Peter Struck (SPD) noch 2004 mit den berühmten Worten, dass Deutschlan­ds Sicherheit „auch am Hindukusch

verteidigt“werde.

Im August sollen laut Strucks Nachfolger­in Annegret Kramp-Karrenbaue­r (CDU) nun die letzten Bundeswehr-Soldaten aus Afghanista­n raus. Die Zählungen der zivilen Todesopfer in den 20 Jahren schwanken zwischen 110000 und 180 000. Gut 2000 US-Soldaten sind gestorben, die Bundeswehr zählt 53 Tote.

Und die Bilanz bei den Zielen des Einsatzes? „Krass ernüchtern­d“nannte sie Winfried Nachtwei (Grüne) kürzlich in einem Interview mit dem RND. Als Abgeordnet­er hatte er den Start des Einsatzes damals begleitet. Die Region um Afghanista­n und Pakistan gelte auch heu

te als die mit der höchsten Dichte an Terrorgrup­pen. Auch hatte das Land in den letzten beiden Jahren statistisc­h die meisten Opfer von Terroransc­hlägen. Außerdem kontrollie­ren die Taliban wieder große Teile des Landes. Die Regierung in Kabul fürchtet daher den NATO-Abzug. Nachtwei spricht von einer „Rutschbahn zum entfesselt­en Bürgerkrie­g“, die bevorstehe.

Der Afghanista­n-Experte Thomas Ruttig schrieb gestern in der „taz“, dass allerdings auch die afghanisch­e Regierung „zu großen Teilen aus Islamisten“bestehe. Immerhin einige Teilerfolg­e sieht der Grüne Nachtwei: So seien die Rechte von Frauen und Jungen deutlich gestärkt worden. Es heiße vor Ort: „Das lasse sich nicht zurückdreh­en.“Frauen, die die Taliban-Zeit erinnern, dürften da weniger optimistis­ch sein.

Die CDU/CSU-Fraktion begrüßte den geordneten Rückzug als „mutig und richtig“. Die Linke tat das auch, nur mit einem ganz anderen Zungenschl­ag: „Die Legende von der Verteidigu­ng Deutschlan­ds am Hindukusch ist endgültig in sich zusammenge­brochen“, sagte die Vize-Fraktionsc­hefin Heike Hänsel.

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 ??  ?? Ikonisches Bild aus dem Jahr 2008: ein erschöpfte­r US-Soldat nach Kämpfen mit den Taliban
Ikonisches Bild aus dem Jahr 2008: ein erschöpfte­r US-Soldat nach Kämpfen mit den Taliban
 ??  ?? US-Präsident Joe Biden besuchte nach der Verkündung die Gräber toter Soldaten.
US-Präsident Joe Biden besuchte nach der Verkündung die Gräber toter Soldaten.
 ??  ?? Afghanisch­e Frauen beim Neujahrsfe­st „Newroz“in Kabul. Gerade von ihnen fürchten viele die Rückkehr der Taliban.
Afghanisch­e Frauen beim Neujahrsfe­st „Newroz“in Kabul. Gerade von ihnen fürchten viele die Rückkehr der Taliban.
 ??  ?? Bundeswehr-Soldaten im Marmal-Gebirge bei Masar-i-Scharif üben mit G36-Sturmgeweh­ren einen schweren Feuerkampf.
Bundeswehr-Soldaten im Marmal-Gebirge bei Masar-i-Scharif üben mit G36-Sturmgeweh­ren einen schweren Feuerkampf.

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