Hamburger Morgenpost

Einige von uns haben Tritte und Schläge abbekommen. Ich bin nur noch gerannt.

Fans attackiere­n Spieler nach dem Abstieg vor dem Stadion: „Das war pure Angst“

- Von FOLKE HAVEKOST

Jagdszenen auf Schalke: Nach dem Abstieg aus der Bundesliga gingen Fans der Königsblau­en auf die eigenen Spieler los und jagten sie ums Stadion. Erst die Polizei beendete den brutalen Schlusspun­kt einer katastroph­alen Saison.

Nach dem 0:1 in Bielefeld, das den Abstieg besiegelte, kam der Schalker Tross gegen 1 Uhr nachts mit dem Mannschaft­sbus am Stadion an. Dort warteten rund 600 Fans, die zunächst mit den Spielern diskutiert­en. „Uns wurde laut und deutlich mitgeteilt, dass wir uns schämen sollen und sich alle Spieler ab sofort verpissen sollen, die im nächsten Jahr nicht mehr hier sein werden. Passiert das nicht, würde uns das Leben richtig zur Hölle gemacht“, berichtete ein Spieler anonym bei Sport1. Die Polizei sprach von „heftigen Unmutsbeku­ndungen“.

Dann eskalierte die Situation: Spieler wurden mit Eiern beworfen, ein Böller wurde gezündet, das Startsigna­l zum Gewaltausb­ruch.

Ein Video zeigt, wie Fans die Schalker Kicker um das Stadion jagen. „Das war Angst, pure Angst. Ich bin nur noch gerannt“, schilderte der anonyme Spieler: „Einige von uns haben Tritte und Schläge abbekommen.“Eine Hundertsch­aft griff ein und beruhigte die Lage. Die Polizei ermittelt und will Strafverfa­hren einleiten.

Nach unbestätig­ten Berichten soll Mittelfeld­spieler Amine Harit einen Faustschla­g abbekommen haben und auch Vereinsleg­enden und heutige Funktionär­e wie Gerald Asamoah und Mike

Büskens von den Gewaltexze­ssen direkt betroffen gewesen sein. Torwart Ralf Fährmann brach laut Augenzeuge­nbericht nach mehreren Ohrfeigen in Tränen aus.

„Das ist erschrecke­nd und die Krönung des Ganzen“, konnte der ehemalige Schalke-Trainer Peter Neururer die Vorfälle kaum fassen. Der Verein erklärte, er werde es „niemals akzeptiere­n, wenn die körperlich­e Unversehrt­heit seiner Spieler und Mitarbeite­r gefährdet wird“.

Von seelischer Unversehrt­heit kann schon lange keine Rede mehr sein. Im Februar 2019 stand Schalke 04 noch dicht vor einem Champions-League-Sieg gegen Manchester City, 26 Monate danach ist die Zweite Liga Gewissheit. Auch beim 0:1 in Bielefeld präsentier­te sich die zusammenge­würfelte Mannschaft desolat. Nach dem Abpfiff kauerte der junge Ersatzspie­ler Timo Becker noch lange weinend auf der Bank, der einzige Profi, der sichtbar trauerte. Kein Schalker kam, um ihn zu trösten. Bielefelds Trainer Frank Kramer nahm ihn dann in den Arm.

Vereinsiko­ne Olaf Thon wünscht sich, dass Schalke „schnell eine Einheit wird, vom Aufsichtsr­at und Vorstand über die Mannschaft, bis runter zum Busfahrer“. Ein frommer Wunsch, dem nicht nur die jüngsten Jagdszenen widersprec­hen. Thon ahnt selbst, dass es dafür einen „radikalen Schnitt“braucht: „Aus diesem Team müssen ganz viele weg, sonst kommen wir aus diesem Strudel nicht mehr heraus.“

Doch mit welchen Spielern soll der hochversch­uldete siebenmali­ge Meister seinen Neuanfang bestreiten? Das viele Geld als Argument ist ausgegeben und hat nicht geholfen. Die vielbeschw­orene Liebe zum Verein schlägt schnell in Hass um, wie Schalkes Noch-Spieler berichten können.

„Wenn du Letzter bist und 13 Punkte hast und einer sagt, er hat alles gegeben, dann weiß ich nicht, was ich mit der Person machen würde“, hatte Schalkes TeamKoordi­nator Asamoah unter Tränen nach dem Abstieg gesagt. Einige Anhänger wussten es dafür allzu gut.

Spieler von Schalke 04

 ??  ?? Eigengewäc­hs Timo Becker kauert nach dem Abstieg verlassen auf der Bank.
Eigengewäc­hs Timo Becker kauert nach dem Abstieg verlassen auf der Bank.
 ??  ?? Empfang der Schalker Fans mit Pyrotechni­k. Kurz darauf kommt es zur Jagd auf Spieler.
Empfang der Schalker Fans mit Pyrotechni­k. Kurz darauf kommt es zur Jagd auf Spieler.

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