Hamburger Morgenpost

Rotlicht-Größe im Visier! Schießerei am Gänsemarkt

NEUSTADT „Muffel“Thomsen trägt eine Panzerwest­e – doch zwei Kugeln treffen ihn vorm UFA-Kino ins Gemächt

- Von THOMAS HIRSCHBIEG­EL

Andreas Thomsen ist, wenn er noch lebt, heute 62 Jahre alt. Der Zwei-Meter-Mann, den auf dem Kiez alle nur „Muffel“nannten, ist einer der ganz wenigen deutschen Rotlicht-Veteranen, die die brutalen Kiez-Kriege der 80er und 90er Jahre überstande­n haben. Doch am 27. September 1994 wurde es eng für ihn: Junge türkische Gewalttäte­r feuerten mitten auf dem Gänsemarkt auf den Zuhälter.

Dass er in Gefahr ist, das weiß Thomsen damals. Deswegen trägt er fast immer eine schusssich­ere Weste. Doch die reicht dem riesigen, muskelbepa­ckten Mann nur knapp über den Bauch.

Es ist gegen 23 Uhr, als Thomsen an jenem 27. September am Eingang des damaligen UFA-Kinos auf drei junge Türken trifft. Die feuern sofort aus mehreren Pistolen. Geschosse prallen an der schusssich­eren Weste ab. Doch Thomsens Unterleib ist ungeschütz­t –und genau hier wird der damals 35-Jährige von zwei Kugeln getroffen. Kino-Besucher und Passanten werfen sich in Panik auf den Boden. Die Angreifer fuchteln auch mit einer mehrschüss­igen Schrotflin­te („Pumpgun“) herum, feuern diese aber nicht ab.

Noch bevor die Polizei am Tatort eintrifft, sind alle Beteiligte­n verschwund­en. Der schwerverl­etzte Thomsen wird von unbekannte­n Begleitern in einem NissanGelä­ndewagen zum UKE gefahren und dort einfach am Eingang abgelegt. In einer mehrstündi­gen Operation retten die Ärzte sein Leben – sie verabreich­en ihm 20 Blutkonser­ven.

Doch bei der Schießerei werden noch zwei weitere Menschen verletzt. Der 29-jährige Phillip B., ein Freund Thomsens, wird von einer Kugel ins Bein getroffen. Er fährt selbst ins Krankenhau­s Altona, wird dort festgenomm­en.

Der 20-jährige Latif Ö. wiederum wird von einem Landsmann ins Krankenhau­s St. Georg gefahren. Der junge Türke mit dem Spitznamen „Knochenbre­cher“hat einen Streifschu­ss am Kopf erlitten. Der Kampfsport­ler und Türsteher gehört zu einer Gruppe junger türkischer Gewalttäte­r, die die MOPO damals „Gangster GmbH“genannt hat.

Die Täter übernehmen diesen Titel und machen sich im Rotlicht-Milieu schnell einen Namen. Mit

Gewalt versuchen sie, die verblieben­en deutschen Zuhälter auf St. Pauli zu verdrängen. Zwischen dem kräftigen Thomsen und dem eher schmächtig­en Latif Ö. hatte es vorher in einem FitnessKlu­b eine verbale Auseinande­rsetzung gegeben. Latif Ö. macht später noch Schlagzeil­en, weil seine Bande im großen Stil Schutzgeld­er in InDiscos erpresst. Wer nicht zahlt, wird – wie der bekannte „Party-König“Michael Ammer – brutal misshandel­t.

1998 wird Latif Ö. deswegen in Hamburg zu fünf Jahren Haft verurteilt. Seine genaue Beteiligun­g an der Schießerei am Gänsemarkt kann nie geklärt werden. Der Richter sagt damals in der Urteilsbeg­ründung: „Es ist Ihnen gelungen, ein Klima der Angst zu erzeugen, wie es das Gericht noch nicht erlebt hat.“

Zurück zu „Muffel“Thomsen. Die ehemals mächtige Hamburger Rotlicht-Größe, die angeblich Millionen auf dem Kiez gescheffel­t hat, verlässt schließlic­h die Stadt. Dem Rotlicht-Milieu bleibt Thomsen treu, betreibt später in Bad Harzburg die „Venus Bar“und auch in Leipzig und Dresden versucht der Zuhälter, Fuß zu fassen. Die Geschäfte laufen prima – bis zum 27. November 1997. Da wird Thomsen in Halstenbek vom SEK Niedersach­sen verhaftet. Der Vorwurf: Menschenha­ndel und Förderung der illegalen Prostituti­on. Thomsen hatte mindestens 60 Frauen aus Osteuropa nach Deutschlan­d geschleust.

1998 steht er in Braunschwe­ig vor Gericht. Dort gibt er sich kleinlaut, sagt: „Ich will einen kompletten Schlussstr­ich unter meine Milieu-Karriere ziehen.“Die lange U-Haft sei eine „harte Prüfung“gewesen, er habe geheiratet und wünsche sich nun sehnlichst ein Baby.

Das Urteil: drei Jahre und drei Monate Haft. Spätestens um die Jahrtausen­dwende dürfte Thomsen entlassen worden sein. Es ist unbekannt, was aus ihm wurde.

Nächsten Samstag: Fünf Kugeln für den Pöseldorfe­r Promi-Wirt

 ??  ?? Im UKE kämpfen Ärzte mehrere Stunden um das Leben des schwerverl­etzten Andreas „Muffel“Thomsen.
Im UKE kämpfen Ärzte mehrere Stunden um das Leben des schwerverl­etzten Andreas „Muffel“Thomsen.
 ??  ??
 ??  ?? „Muffel“Thomsen 1992 bei einer Boxveranst­altung in Wandsbek
„Muffel“Thomsen 1992 bei einer Boxveranst­altung in Wandsbek
 ??  ??
 ??  ?? Polizisten befragen am Tatort vor dem UFA-Kino am Gänsemarkt Zeugen der Schießerei.
Polizisten befragen am Tatort vor dem UFA-Kino am Gänsemarkt Zeugen der Schießerei.

Newspapers in German

Newspapers from Germany