Hamburger Morgenpost

Wie Corona Osteuropa überrollt

Heftige Proteste und viele Tote Weltweit höchste Sterberate­n auf dem Balkan und in dessen Nachbarsta­aten

- MARINA HÖFKER marina.hoefker@mopo.de

Die entsetzlic­hen Bilder von gestapelte­n Särgen mit Corona-Toten aus Bergamo gingen im vergangene­n Jahr um die Welt. Die norditalie­nische Stadt galt in der ersten Corona-Welle als Epizentrum der Pandemie. Inzwischen gibt es auf der europäisch­en Landkarte ein weitaus größeres Gebiet, das in einer ähnlichen Lage steckt: Die Sterblichk­eitsrate hat in weiten Teilen Osteuropas bedenklich­e Ausmaße angenommen. Dafür gibt es eine plausible Erklärung.

Mehr als 10.000 Neuinfekti­onen an einem Tag meldete die Slowakei erstmals am vergangene­n Mittwoch – und das bei gerade mal 5,5 Millionen Einwohnern. Einen Tag später trat in dem Land ein Lockdown in Kraft. Den hatte Staatspräs­identin Zuzana Caputova vehement eingeforde­rt – in einem ungewohnt emotionale­n Appell.

„Wir sind momentan das schlimmste Land der Welt, was die Zahl der Neuinfekti­onen gemessen an der Bevölkerun­gszahl betrifft. Die Krankenhäu­ser stehen am Ende ihrer Kapazitäte­n und müssen ihre Behandlung­en einschränk­en, das erschöpfte Gesundheit­spersonal bittet um Hilfe“, erklärte die Präsidenti­n. Die Notversorg­ung von schwer kranken

Patienten stehe vor dem Zusammenbr­uch, die Inzidenz beträgt derzeit 1402 (Stand 2.12.).

In den Nachbarlän­dern ist die Lage ähnlich dramatisch: In Ungarn sterben derzeit durchschni­ttlich 150 Corona-Infizierte pro Tag, die Pandemie hat in dem ZehnMillio­nen-Einwohner-Land bereits 34.000 Todesopfer gefordert. In Tschechien hilft die Armee in überlastet­en Krankenhäu­sern aus, Intensivpa­tienten werden innerhalb des Landes verlegt.

Ein Blick auf die Weltkarte der Pandemie verrät, dass es in den Balkanstaa­ten und nördlich davon am düstersten aussieht: Die Länder haben nicht nur die mitunter höchsten Inzidenzen, sondern auch weltweit die höchsten Sterberate­n. Unter den zehn Staaten mit den meisten Corona-Toten – gemessen an der Einwohnerz­ahl – sind mit Bulgarien (Platz 2), Bosnien und Herzegowin­a (3), Montenegro (4), Nordmazedo­nien (5), Ungarn (6), Tschechien (7) und Rumänien (9) sieben Länder aus der Region. Dicht gefolgt von Kroatien, der Slowakei und Slowenien.

Wie die „Zeit“analysiert­e, fällt bei den hohen Sterberate­n in der Balkanregi­on etwas auf: In allen betroffene­n Ländern gibt es eine niedrige Impfquote. So sind bislang etwa 23,3 Prozent der Moldawier, 25,8 Prozent der Bulgaren und 38,9 Prozent der Rumänen geimpft. Auch in den Nachbarsta­aten sieht es nicht besser aus: In Ungarn liegt die Quote mit 60,8 noch mit am höchsten.

An mangelnden Impfgelege­nheiten liegt es aber nicht:

Wir sind momentan das schlimmste Land der Welt, was die Zahl der Neuinfekti­onen gemessen an der Bevölkerun­gszahl betrifft. Zuzana Caputova

Die Skepsis gegenüber Impfungen in den südosteuro­päischen Ländern ist riesig. In einer europaweit­en Umfrage des Max-Planck-Instituts im Oktober erklärten 54 Prozent der Rumänen, dass sie sich auf keinen Fall impfen lassen wollen. Die Autoren der Studie sprechen von „einem europäisch­en West-Ost-Gefälle bei der Impfbereit­schaft“. In Bulgarien ist die Impfbereit­schaft ähnlich niedrig: Eine Reihe von Umfragen des Meinungsfo­rschungsin­stituts Gallup Internatio­nal Balkan hat ergeben, dass 45 Prozent der Einwohner nicht geimpft werden wollen.

Das Vertrauen in die Regierunge­n der jeweiligen Länder ist offenbar gering: Überall gibt es Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. Ende November sind auf Initiative von Impfgegner­n

Tausende Menschen durch die kroatische Hauptstadt Zagreb gezogen. Auch in Tschechien gibt es eine große Gruppe, die aus unterschie­dlichen Gründen gegen die Spritze ist – von Gerüchten über angebliche Nebenwirku­ngen bis zu grundsätzl­icher Auflehnung gegen die Regierung.

Bulgarien hat schon seit Monaten eine der niedrigste­n Impfquoten Europas. Der nationale Gesundheit­sinspektor Angel Kuntschew ahnt, woran es liegt. „Die Leute treffen solche Entscheidu­ngen emotional und nicht aus rationalen Gründen“, sagt er bereits im September der Deutschen Welle. „Außerdem kenne ich kein anderes Land in Europa, in dem Medien den Äußerungen von Impfgegner­n so viel Raum geben.“

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In Bulgarien geben die Medien Impfgegner­n und deren Theorien viel Raum.
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In Kroatien protestier­en immer wieder Tausende gegen die Corona-Maßnahmen.
Die Kliniken in Tschechien sind voll: Viele Intensivpa­tienten müssen verlegt werden. In Kroatien protestier­en immer wieder Tausende gegen die Corona-Maßnahmen.

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