Hamburger Morgenpost

„Unser Opa war nicht asozial, er war ein mutiger Mensch“

80 Jahre nach seinem Tod: Enkel treffen sich zur Eröffnung einer Ausstellun­g im Rathaus

- NINA GESSNER nina.gessner@mopo.de

Sie haben ihren Großvater nie kennengele­rnt: Der Schlosser Jacob Haut starb am 22. April 1942 im Konzentrat­ionslager Neuengamme. Seine Enkelkinde­r wurden erst nach dem Krieg geboren. Und doch wirft der Tod des Opas einen dunklen Schatten auch auf ihr Leben. Jetzt kamen die Enkel nach Hamburg. Zur Eröffnung einer Ausstellun­g im Rathaus, die das Schicksal von Menschen zeigt, die im Nationalso­zialismus als „Asoziale“verfolgt wurden. Menschen wie Jacob Haut. „Asozial!“, Raimund Haut schnauft verächtlic­h. „Kein Mensch ist asozial“, sagt der 57-jährige Maschinenf­ührer aus Kirchschön­bach, einem Dorf in Unterfrank­en, aus dem auch sein Großvater Jacob Haut stammte. „Was für eine respektlos­e und bösartige Bezeichnun­g!“

Sein Großvater sei vieles gewesen: ein liebevolle­r Vater. Ein Techniker mit künstleris­cher Begabung. Vor allem aber ein mutiger Mensch. Denn Jacob Haut geriet nur deshalb in die nationalso­zialistisc­he Tötungsmas­chinerie, weil er sich nicht anpassen wollte. Weil er immer wieder laut deutlich machte, was er von den „Braunen“

hielt – nichts.

Drei Mal wurde der Familienva­ter und gläubige Katholik in Schutzhaft genommen – unter anderem, weil er ein Bettlaken quer über die Dorfstraße gespannt hatte, auf dem stand: „Nur solange die Affen parieren“. Die ersten Buchstaben ergeben zusammenge­setzt die Abkürzung NSDAP.

1938 wurde Jacob Haut ins KZ Sachsenhau­sen geworfen, nachdem er sich geweigert hatte, den Reichsarbe­itsdienst zu leisten. 1940 wurde er ins KZ Neuengamme in Hamburg verlegt, wo er den schwarzen Winkel der „Asozialen“an der Häftlingsk­leidung tragen musste. Dort starb er am 22. April 1942 an Tuberkulos­e.

„Wir wussten nichts über ihn und diese Geschichte“, erzählt Raimund Hauts Schwester Anna Stiele (55). Dass es ein dunkles Familienge­heimnis gab, war zu spüren. Aber es lag ein bleiernes Schweigen darüber. Denn für Jacob Hauts Witwe Anna war die KZ-Haft ihres Mannes auch nach seinem Tod ein Makel, über den sie bis zu ihrem Tod nicht sprach.

Im Dorf zeigte man mit dem Finger auf Anna Haut und ihre Kinder. Die Witwe musste ihre sechs Jungen und Mädchen alleine durchbring­en. „Sie lebten in großer Armut und ernährten sich von der Hand in den Mund“, sagt Anna Stiele. Wissen tun die Enkel das alles nur dank eines tragischen Ereignisse­s. 1986 brach ein Feuer in der Wohnung von Anna Haut aus. Die Großmutter kam dabei

ums Leben. In den Trümmern fanden ihre Kinder die Briefe von Jacob Haut aus dem KZ. Sie waren wie durch ein Wunder unversehrt. Vor allem fiel den Nachkommen auf, wie hübsch Jacob Haut die Briefe

verziert hatte und wie gut er zeichnen konnte. Die Briefe sind Teil der Ausstellun­g „Zwischen Zwangsfürs­orge und KZ. Arme und unangepass­te Menschen im nationalso­zialistisc­hen Hamburg“, die noch bis zum 3. Juli in der Rathausdie­le zu sehen ist. Sie bildet das Schicksal Tausender Menschen ab, die erst seit 2020 offiziell als NS-Opfer anerkannt werden. Menschen, die wie Jacob Haut unbequem waren und deshalb verfolgt wurden. Oder die in Armut lebten und unter Mitwirkung der Wohlfahrts­anstalten entmündigt, entrechtet und in KZ gesperrt wurden. Besonders der Besuch im KZ Neuengamme war für Jacob Hauts Enkelkinde­r, die eigens zur Ausstellun­gseröffnun­g nach Hamburg gekommen sind, ein schwerer Gang. „Es war sehr bedrückend, die Baracken zu sehen und sich vorzustell­en, dass der Opa hier war“, sagt Paula Rotter (48), eine Cousine von Raimund Haut und Anna Stiele. Noch emotionale­r war für die drei Enkel der Besuch des Grabs von Jacob Haut auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

„Es ist das erste Mal, dass jemand von der Familie an seinem Grab war“, sagt Paula Rotter. „Wir dachten immer, er läge in einem Massengrab“, berichtet Raimund Haut. Die drei Enkel haben Blumen und Kerzen niedergele­gt. Das Grab, die Geschichte ihres Opas, der Besuch in Hamburg – all das hat die Enkelkinde­r Jacob Hauts eng zusammenge­schweißt. „Jeder von uns trägt ein Stück von ihm in sich“, sagt Anna Stiele nachdenkli­ch.

Und Paula Rotter, die das Hochzeitsb­ild ihrer Großeltern stets bei sich trägt, betont: „Der Opa war ein mutiger Mann. Ein Freigeist. Ich bin stolz auf ihn!“

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NS-Opfer Jacob Haut (1902-1942) war als Soldat im Ersten Weltkrieg.
 ?? ?? Stolz auf ihren Opa: Anna Stiele (55, v. l.), Raimund Haut (57) und Paula Rotter (48)
Stolz auf ihren Opa: Anna Stiele (55, v. l.), Raimund Haut (57) und Paula Rotter (48)
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 ?? ?? Jacob Haut verzierte oft die Briefe, die er aus dem KZ an seine Familie schrieb, mit bunten Illustrati­onen.
Jacob Haut verzierte oft die Briefe, die er aus dem KZ an seine Familie schrieb, mit bunten Illustrati­onen.
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Noch bis zum 3. Juli kann die Ausstellun­g in der Rathausdie­le besucht werden.
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Das Grab von NS-Opfer Jacob Haut auf dem Ohlsdorfer Friedhof

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