„Die Leu­te kön­nen doch rech­nen“

His­to­ri­ker Klaus Mly­nek über ein un­ge­ra­des Ju­bi­lä­um

Hannoversche Allgemeine - - HANNOVER -

Herr Mly­nek, Hannover fei­ert in die­sem Jahr sein 775. Stadt­ju­bi­lä­um ... Der Auf­hän­ger da­für ist ei­ne Ur­kun­de, in der Her­zog Ot­to das Kind am 26. Ju­ni 1241 Han­no­vers Pri­vi­le­gi­en be­stä­tig­te. Die­se Ur­kun­de war schon 1941 der An­lass für ei­ne 700-Jahr-Fei­er, die we­ni­ge Ta­ge nach dem Über­fall auf die So­wjet­uni­on al­ler­dings in denk­bar be­schei­de­nem Rah­men be­gan­gen wur­de – mit ei­ner mehr oder we­ni­ger fei­er­li­chen Rats­sit­zung. Und 50 Jah­re dar­auf gab es dann 1991 die gro­ße 750-Jahr-Fei­er.

Die­se Ur­kun­de sagt doch aber nichts dar­über aus, wann Hannover ge­grün­det wur­de. Ist sie da über­haupt ein wür­di­ger An­lass, um ein Stadt­ju­bi­lä­um zu fei­ern? Im Prin­zip schon. Meist wer­den Stadt­ju­bi­lä­en ja nach der ers­ten ur­kund­li­chen Er­wäh­nung, nach der ers­ten schrift­li­chen Nen­nung ei­nes Or­tes oder der Ver­lei­hung des Stadt­rechts be­gan­gen. Nichts da­von trifft auf die Ur­kun­de von 1241 zu. Den­noch ist der 26. Ju­ni je­nes Jah­res ei­nes der wich­tigs­ten Da­ten der Stadt­ge­schich­te: Erst­mals wer­den die Pri­vi­le­gi­en, Rech­te und Pflich­ten der Stadt er­wähnt. Die Ober­ho­heit über Hannover geht für im­mer­hin 625 Jah­re auf die Wel­fen über.

Hannover muss doch aber we­sent­lich äl­ter sein – schließ­lich wur­den 1241 nur Rech­te be­stä­tigt, die es längst gab. Völ­lig rich­tig. Um­so be­dau­er­li­cher ist es, dass wir nicht wis­sen, ob und wann wer Hannover das Stadt­recht ver­lie­hen hat. Ich nei­ge im­mer mehr zu der Auf­fas­sung, dass es ei­nen sol­chen förm­li­chen Akt gar nicht ge­ge­ben hat. Ver­mut­lich ge­hört Hannover zu je­nen Städ­ten, die ge­wohn­heits­recht­lich ge­wach­sen sind. Die Stadt lag geo­gra­fisch güns­tig an ei­nem Fluss­über­gang, hat­te ei­ne Be­fes­ti­gung und seit En­de des 12. Jahr­hun­derts das Recht, Mün­zen zu prä­gen. Um 1180 wur­den un­ter Hein­rich dem Lö­wen Mün­zen mit der Auf­schrift „Ego Han­no­ver­en­sis sum“ge­prägt, et­wa: „Ich bin aus Hannover.“In ei­ner Chro­nik von 1189 wird Hannover be­reits als „ci­vi­tas“, al­so als „Stadt“be­zeich­net ...

... al­so Jah­re vor 1241. Ist das die ers­te schrift­li­che Er­wäh­nung Han­no­vers? Nein, die­se liegt wohl noch frü­her, sie ist auf die Zeit um 1150 zu da­tie­ren. Da­mals soll­te der be­deu­ten­de Bi­schof Bern­ward von Hil­des­heim hei­lig ge­spro­chen wer­den. Da­zu er­schien ei­ne Be­schrei­bung der von Bern­ward voll­brach­ten Wun­der­ta­ten. In die­ser ist von ei­nem Mäd­chen aus dem Dorf Hannover die Re­de, „pu­el­la ex vi­co ha­no­ve­re“, die am Gr­ab des Bi­schofs von ei­nem Au­gen­lei­den ge­heilt wur­de. „Vi­cus“steht für Dorf, aber auch für Markt­fle­cken – die­se Über­set­zung dürf­te zu­tref­fen­der sein.

Und von wann ist die ers­te rich­ti­ge Klaus Mly­nek ist ei­ner der bes­ten Ken­ner von Han­no­vers Ge­schich­te. Der His­to­ri­ker, ge­bo­ren 1936 in Po­sen, stu­dier­te in Je­na und Pots­dam. Er ar­bei­te­te am Deut­schen Zen­tral­ar­chiv in Pots­dam, dem heu­ti­gen Bun­des­ar­chiv, und im Ar­chiv der von Leib­niz be­grün­de­ten Ber­li­ner Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten. 1977 sie­del­te er in die Bun­des­re­pu­blik über, wo er bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung 1997 das Stadt­ar­chiv Hannover lei­te­te. Mly­nek, der in Döh­ren lebt, ar­bei­te­te an zahl­rei­chen Stan­dard­wer­ken zu Han­no­vers Ge­schich­te mit. Ur­kun­de, in der Hannover erst­mals ge­nannt wur­de? Das ist we­sent­lich ex­ak­ter zu da­tie­ren; sie stammt aus dem Zei­t­raum zwi­schen En­de Ju­li und dem 24. Sep­tem­ber 1163: Hein­rich der Lö­we hielt da­mals ei­nen Hof­tag in Hannover ab. Un­ter an­de­rem wur­den da­bei dem Klos­ter Flech­torf mit ei­ner Ur­kun­de, die nicht im Ori­gi­nal, aber als Ab­schrift er­hal­ten ist, be­stimm­te Rech­te zu­er­kannt. Als Zeu­gen da­für wer­den Män­ner be­nannt, die „auf un­se­rem Hof in Hannover zu­ge­gen wa­ren“– „qui cu­rie nost­re ha­no­ve­re in­te­rerant“. Hannover konn­te den Her­zog und sei­nen Tross über meh­re­re Wo­chen auf­neh­men und ver­sor­gen – das spricht für sei­ne Wirt­schafts­kraft.

Dann wä­re im Jahr 1963 al­so ei­ne 800-Jahr-Fei­er mög­lich ge­we­sen? Theo­re­tisch ja. Aber ei­ne 700-Jahr-Fei­er 1941, auf der dann nach 22 Jah­ren ei­ne 800-Jahr-Fei­er folgt? Die Han­no­ve­ra­ner kön­nen doch rech­nen! Und ei­ni­ge Stadt­tei­le, die frü­her selbst­stän­di­ge Ort­schaf­ten wa­ren, sind oh­ne­hin nicht zu schla­gen: Döh­ren und An­der­ten ha­ben schon 1983 be­zie­hungs­wei­se 1985 ih­re 1000-Jahr-Fei­ern be­gan­gen. Und Da­ven­stedt, Her­ren­hau­sen und Lim­mer könn­ten 2022 fol­gen. Bis da­hin hat Hannover in je­dem Fall noch et­was Zeit! In­ter­view: Simon Ben­ne

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