Von Sehn­sucht ge­flu­tet

Be­ju­bel­ter Kö­nig der Pop-Klas­si­ker: Paul McCart­ney er­öff­net sei­ne Eu­ro­patour in Düs­sel­dorfs Esprit-Are­na

Hannoversche Allgemeine - - KULTUR - Von Mat­thi­as hal­big

„Schränggg!“macht es und es ist wie­der 1964. Mit ei­nem mäch­ti­gen Ak­kord, wie er ei­gent­lich Songs ab­schließt, geht die Eu­ro­patour von Paul McCart­ney los. Ein paar Au­gen­bli­cke lang steht die­ser be­rühm­te Ton glei­ßend in der aus­ver­kauf­ten Düs­sel­dor­fer Esprit-Are­na. Dann setzt die Band ein und Wor­te ju­ve­ni­len Durch­hal­te­ver­mö­gens ge­hen hin­aus in die Nacht: „It’s Be­en a Hard Day‘s Night“, singt Paul McCart­ney, und dass er ja ei­gent­lich schla­fen soll­te wie ein Holz­klotz. Zum ers­ten Mal seit Pilz­kopf­zei­ten spielt er die­ses Stück li­ve und 27 000 sin­gen mit ihm „you know I fee­heel al­right“. Und sie mei­nen das auch so. Bes­ser als hier und jetzt kann man sich ei­gent­lich kaum füh­len.

Sei­nem Al­ter ge­schul­det, wä­re ge­sun­der Nacht­schlaf in­zwi­schen an­ge­mes­sen, in drei Wo­chen wird Paul McCart­ney 74 Jah­re alt. Aber Mu­sik­ma­chen ist für ihn wie Fei­er­abend, und die im Text an­vi­sier­te Heim­kehr zum Lieb­chen ist in Wahr­heit die Heim­kehr zu uns, sei­nem Pu­bli­kum. Mit ei­nem Kon­zert, das zwei­ein­halb St­un­den dau­ern wird. Der Mann, der seit Beat­les-Zei­ten für die meis­ten ein­fach Paul ist (seit 1997 Sir Paul), hat es leicht mit der Pu­bli­kums­er­obe­rung, er macht vie­le An­sa­gen auf Deutsch und hat zu­dem das Aus­se­hen, den Charme, den Le­gen­den­sta­tus und – die Songs.

Als drit­tes Lied kommt „Can’t Buy Me Lo­ve“. Man ist ge­neigt, sich von ei­ner Gän­se­haut be­krie­chen zu las­sen, wenn man die­ses Stück mal von dem Mann hört, der es mit­ge­schrie­ben hat. Die Lein­wand zeigt Bil­der aus je­nen Ta­gen. Und man wird von Sehn­sucht ge­flu­tet.

Das Pro­gramm speist sich fast aus­schließ­lich aus den Jah­ren 1958 bis 1982 – von „In Spi­te of All the Dan­ger“, dem frü­hes­ten Len­non/McCart­ney-Ori­gi­nal im Stil der Ever­ly Bro­thers bis zu der Bal­la­de „He­re To­day“, die ein we­nig zu sehr an „Yes­ter­day“er­in­nert und in der Paul die ver­lo­re­ne Freund­schaft zu John be­weint. Songs vom letz­ten Al­bum wer­den zwar auch ge­reicht, aber sie klin­gen wie al­te. Und mit dem rhyth­mischa­kus­ti­schen Vor­jah­res­hit „Four Fi­ve Se­conds“stellt Paul kurz klar, dass da eben nicht nur die fri­schen Su­per­starKol­le­gen Kanye West und Ri­han­na am Wer­ke wa­ren, dass für ei­ne Le­gen­de wie ihn auch 54 Jah­re nach „Lo­ve Me Do“noch Num­mer-Ein­sen in Reich­wei­te sind.

„Lo­ve Me Do“kommt üb­ri­gens auch. Trau­te Mund­har­mo­ni­ka von Key­boar­der Paul Wi­ckens, be­zwin­gen­de Me­lo­die, schlen­dern­der Rhyth­mus. In ei­ni­gen Rei­hen macht sich jetzt, kaum dass McCart­ney den Druck mal zu­rück­nimmt, Mu­si­kan­ten­stadlge­müt­lich­keit breit.

Die Über­ra­schun­gen für den, der McCart­neys Mu­sik mehr liebt als die ei­ge­ne Nost­al­gie, sind rar: „Tem­pora­ry Se­creta­ry“, ein Stück Elek­tro­pop von 1980. Und aus der gro­ßen Schatz­kam­mer der Fab Four ist es „Being for the Be­ne­fit of Mr. Ki­te“, die­ses tau­meln­de, bur­les­ke Zir­kus­lied, bei dem die Büh­ne in vie­len Far­ben flim­mert. Die letz­te St­un­de ist dann nur noch „Ob-la-di, Ob-la-da“, die größ­ten Hits, al­les Num­mer si­cher. Man geht jetzt bes­ser in den Ge­nie­ßer­mo­dus, statt sich über die Vor­her­seh­bar­keit zu grä­men. Da sind sie al­le wie­der: „La­dy Ma­don­na“, „Elea­nor Rig­by“, „Let It Be“und „Hey Ju­de“, das, als es erst mal über den Berg sei­ner Ly­rik ist, vom Chor der 27 000 laut­hals ge­tra­gen wird: „Naaaa-naa-naaa-nanan­anaaaa“.

„I Be­lie­ve in Yes­ter­day“be­kennt Paul McCart­ney zum Zu­ga­ben­be­ginn. Ge­rüch­te aus den USA, dass sei­ne Stim­me brü­chig und schmal ge­wor­den sei, be­stä­ti­gen sich in Düs­sel­dorf nicht. Im­mer wie­der steigt er ins Fal­sett und meis­tert selbst die enor­men An­for­de­run­gen des in­brüns­ti­gen „May­be I’m Ama­zed“.

„The End“heißt das letz­te Lied, das auch die als letz­te auf­ge­nom­me­ne Beat­les-Plat­te „Ab­bey Road“be­en­de­te. Der Kreis zu dem Ak­kord, mit dem die Nacht in Düs­sel­dorf be­gann, schließt sich. Und es war – al­les in al­lem – ei­ne wun­der­ba­re Nacht.

Fo­to: Young/dpa

Paul McCart­ney in der Esprit-Are­na in Düs­sel­dorf.

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