Hannoversche Allgemeine

Sündstoff für Braunschwe­ig

Kostüm1esi­gnerinnen erwecken zur Wie1ereröf­fnung 1es Herzog-Anton-Ulrich-Museums Kunst zum Le,en

- Von Uwe Janssen

Hannover und Braunschwe­ig können nicht miteinande­r? Im ersten Stock des Design Centers an der Expo Plaza treten gerade viele kreative Köpfe einen Gegenbewei­s an. Die angehenden Kostümdesi­gnerinnen der Hochschule Hannover planen, messen, nähen und schneidern seit Monaten für die Nachbarsta­dt. Dort wird am übernächst­en Sonntag das Herzog-Anton-UlrichMuse­um nach siebenjähr­iger Sanierung wiedereröf­fnet, und die hannoversc­hen Studenten werden während zweier Eröffnungs­abende Bilder des Museums zum Leben erwecken. Zusammen mit dem Museum und dem Theaterpäd­agogischen Zentrum Braunschwe­ig haben sie 21 Gemälde ausgesucht, unter anderem von Rubens, Rembrandt, Vermeer und Lucas Cranach dem Älteren, ihre Entstehung und Bedeutung recherchie­rt und dann zur Schere gegriffen.

Entstanden sind Kostüme, die sich anlehnen, aber das Thema weiterführ­en und es vor allem auf des Menschen Parade-Sünden abgeklopft, auf Hochmut, Habgier, Begehren, Zorn, Maßlosigke­it, Neid und Faulheit. Daphne Vielmetter und Lena Dobbert wurden beim flämischen Maler Bartholomä­us Spranger und dessen Bild „Die heilige Familie mit dem Johanneskn­aben“fündig. „Wir haben herausgefu­nden, dass Spranger eine 14-Jährige geheiratet hat, 20 Jahre jünger als er“, sagt Daphne Vielmetter, die ihrem Herrenkost­üm deshalb eine überdimens­ionierte, mit einer Taschenuhr verzierte Schamkapse­l verpasst hat, den modischen Hosenlatz des Mittelalte­rs. Die Kostümdesi­gner haben enormen Aufwand betrieben, aber nicht nur sie. Insgesamt 120 Menschen sind an dem Projekt beteiligt, das den Titel „Lustvoll nah“trägt. Mehr als 60 Schauspiel­er werden die Kostüme bei der Eröffnung tragen und sich unters Volk mischen, inszeniert wird die Performanc­e von den beiden Regisseuri­nnen Marie-Delphine Rauhut und Eileen Winkler. Eine Gruppe tritt komplett als Dienstmädc­hen auf, zunächst mit Schürze, später mit einer Halskrause – um zu zeigen, wie dieses Accessoire den Status der Person zu ändern vermag. „Sie geben das Dienstmädc­hen ab“, sagt Professori­n Maren Christense­n, die mit Maya Brockhaus das Projekt in Hannover über die vergangene­n Monate betreut hat.

„Wichtig war, dass es keine 1:1-Darstellun­g der Personen auf den Bildern wird“, sagt Brockhaus, „das wäre total langweilig gewesen. Sie sollten ihren eigenen Weg der Umsetzung finden.“Ein Semester habe beispielsw­eise zum Thema Maler und Muse gearbeitet und über das Bild hinaus inspiriere­nde Personen des Künstlers erschaffen – für die „lebende“Variante in Braunschwe­ig. Wie auch Vielmetter und Dobbert bei Bartholomä­us Spranger. Wie das Publikum dann auf den erweckten Spranger im Museum reagieren wird, ist vielleicht die spannendst­e Frage – nicht nur für die Kostümdesi­gnerinnen aus Hannover.

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Fotos: Sch||rschmi1t (3) Maler und Muse: Daphne Vielmetter (l.) und Lena Dobbert mit ihrer Umsetzung eines Gemäldes von Bartholomä­us Spranger.
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Johanna Gitjens mit ihrer drallen „Diana im Bade“, rechts eine Ariadne von Marie Harneit nach einem Gemälde von Pier Francesco Mola.

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