Durch­blick auf die gan­ze Welt

„Ver­füh­rung ga­ran­tiert“: Braun­schweigs Her­zog-An­ton-Ul­rich-Mu­se­um bie­tet 3000 Jah­re Kunst­ge­schich­te und 4000 Ex­po­na­te jetzt auf 5100 Aus­stel­lungs­qua­drat­me­tern

Hannoversche Allgemeine - - KULTUR - Von da­ni­el alexander Schacht

Die Mut­ter schaut aufs jüngs­te Kind, die äl­tes­te Toch­ter zeigt der mitt­le­ren ei­nen Blu­men­korb, nur der Va­ter, ei­nen hal­ben Kopf hö­her im Hin­ter­grund, rich­tet sei­nen Blick auf den Be­trach­ter des Bil­des – so stellt Rem­brandt van Ri­jn um 1668 die Fa­mi­lie, die kleins­te Ein­heit der Ge­sell­schaft, dar. Sein „Fa­mi­li­en­bild“ist das ein­zi­ge des Al­ten Meis­ters, es ist da­mit ei­ner der gro­ßen Schät­ze der Kunst­ge­schich­te, und das Her­zog-An­ton-Ul­rich-Mu­se­um prä­sen­tiert die­sen Schatz jetzt erst­mals nach sie­ben Jah­ren wie­der in Braun­schweig.

So lan­ge hat es ge­dau­ert, bis das 1887 er­rich­te­te klas­si­zis­ti­sche Ge­bäu­de des Mu­se­ums um­fas­send sa­niert war. So lan­ge wa­ren vie­le sei­ner Kunst­schät­ze nur im Braun­schwei­ger Burg­mu­se­um zu se­hen, im in­ter­na­tio­na­len Leih­ver­kehr un­ter­wegs oder eben im De­pot. Erst am Sonn­tag lädt man mit dem Ver­spre­chen „Ver­füh­rung ga­ran­tiert“wie­der in das gro­ße Haus zwi­schen Schloss und Oker, Mu­se­ums­park und Mu­se­ums­stra­ße ein.

Das Her­zog-An­ton-Ul­rich-Mu­se­um wur­de be­reits 1754 ge­grün­det, ist da­mit ei­ner der tra­di­ti­ons­reichs­ten Mu­sen­tem­pel der Welt und prä­sen­tiert zur Wie­der­er­öff­nung aus sei­ner 3000 Jah­re um­span­nen­den Samm­lung 4000 Ex­po­na­te auf 5100 Qua­drat­me­tern Aus­stel­lungs­flä­che. Der Sonn­tag wird da­bei be­son­ders fei­er­lich sein, et­wa weil Darstel­ler in Ko­s­tü­men, die den Ex­po­na­ten der Samm­lung nach­emp­fun­den sind – und von Stu­die­ren­den der Fach­hoch­schu­le Hannover stam­men – die Gäs­te zur Wie­der­er­öff­nung emp­fan­gen. Und was heißt schon Wie­der­er­öff­nung? „Wir spre­chen lie­ber von Neu­er­öff­nung“, sagt Mu­se­ums­di­rek­tor Jo­chen Luck­hardt. „Denn dies ist in vie­ler Hin­sicht ein neu­es Haus.“

Im Mit­tel­punkt ste­hen im Her­zog-An­ton-Ul­rich-Mu­se­um, das im ers­ten Ober­ge­schoss bil­den­de Kunst und im Stock­werk dar­über an­ge­wand­te Kunst zeigt, zwar wei­ter­hin die Wer­ke der Samm­lung. Doch wie die In­nen­ar­chi­tek­tur die Ex­po­na­te zur Gel­tung bringt – das ist teils durch­aus spek­ta­ku­lär. So kann man Rem­brandts Fa­mi­li­en­bild im der bil­den­den Kunst vor­be­hal­te­nen ers­ten Ober­ge­schoss schon vom Trep­pen­auf­gang aus ent­de­cken. Dort er­öff­net ei­ne En­fi­lade durch drei Flü­gel­tü­ren – nach ei­ner Ab­fol­ge ita­lie­ni­scher Bi­bel- und An­ti­ken­ge­mäl­de so­wie ve­ne­zia­ni­scher Ar­chi­tek­tur-und Land­schafts­ma­le­rei – den Blick auf das Rem­brandt-Ge­mäl­de. Und wer die drei Sä­le ab­schrei­tet, er­lebt ein Farb­wech­sel­bad vom creme­far­be­nen Trep­pen­haus über küh­les Blau für die Ita­lie­ner bis zu Blass­grün rund um das Fa­mi­li­en­bild.

Di­rek­tor Luck­hardt und sein Ku­ra­to­ren­team flan­kie­ren Rem­brandts Durch­bruch zur Darstel­lung pri­va­ter, fast in­ti­mer Bür­ger­lich­keit mit nur ein we­nig äl­te­ren, da­bei aber deut­lich stei­fe­ren Fa­mi­li­en­bil­dern und füh­ren da­mit den spek­ta­ku­lä­ren Cha­rak­ter des Rem­brandt-Wer­kes vor Au­gen. Spek­ta­ku­lär sind aber auch die Blick­ach­sen und die Farb­dra­ma­tur­gie der an­de­ren Sä­le. In ei­nem blass­blau­en Sei­ten­ka­bi­nett ist Gior­gio­nes Selbst­bild­nis von 1508 – ei­nes der ers­ten Selbst­bild­nis­se der Kunst­ge­schich­te – zu se­hen. Di­rekt ge­gen­über hängt ein Ver­meer in ei­nem Ka­bi­nett, des­sen Flä­chen das Grau des Bild­hin­ter­grunds eben­so wie das Rot des Klei­des, das Jan Ver­meers be­rühm­tes „Mäd­chen mit dem Wein­glas“(1659) trägt, auf­neh­men.

Die pro­mi­nen­ten Na­men las­sen es ah­nen: Das Her­zog-An­ton-Ul­rich-Mu­se­um ver­fügt über hoch­ka­rä­ti­ge Kunst­wer­ke von Dü­rer bis Pi­cas­so, doch auch über na­tio­na­le Kul­tur­denk­mä­ler. Dar­un­ter sind aus dem frü­hen 13. Jahr­hun­dert bei­spiels­wei­se der Kai­ser­man­tel von Ot­to IV., dem ein­zi­gen Wel­fen auf dem Kai­ser­thron, und aus dem 12. Jahr­hun­dert das Bron­ze­o­ri­gi­nal des Braun­schwei­ger Lö­wen.

Mehr da­von ist in den Sei­ten­ka­bi­net­ten des zwei­ten Ober­ge­schos­ses zu se­hen, wo der Schwer­punkt bei an­ge­wand­ter Kunst liegt. Dort er­öff­net sich links der Trep­pe ei­ne Saal­ab­fol­ge nach The­men­ge­bie­ten. Da geht es et­wa um At­tri­bu­te feu­da­ler Re­prä­sen­ta­ti­on, ad­li­ge Bil­dungs­we­ge oder auch um hö­fi­sche Tisch­kul­tur – wo­für ei­ne zehn Me­ter lan­ge Glas­vi­tri­ne ei­ne fürst­li­che Ta­fel si­mu­liert. Und rechts der Trep­pe de­mons­trie­ren Sä­le, dass das Haus weit­aus mehr zu bie­ten hat, als sich in ein The­men­kor­sett zwän­gen lässt. Gro­ßen­teils sind es Do­ku­men­te der Sam­mel­lei­den­schaft und des Kunst­ver­stands von Her­zog An­ton Ul­rich (1633–1714), des­sen Kunst­be­sitz den Grund­stock des Mu­se­ums bil­de­te. „Er woll­te eben“, sagt Mu­se­ums­chef Luck­hardt, „die gan­ze Welt prä­sent ha­ben.“Ei­ne Samm­lung asia­ti­scher Kunst ist da vor chi­na­ro­ter Wand­be­ma­lung zu se­hen, in Glas­vi­tri­nen wird Ke­ra­mik aus ober­ita­lie­ni­schen Werk­stät­ten ge­zeigt, an­ti­ke Büs­ten ste­hen vor dem war­men Grau, das auch im Erd­ge­schoss do­mi­niert.

Dort dürf­te vor al­lem für Ken­ner des Hau­ses her­vor­tre­ten, dass das größ­te und jüngs­te Kunst­werk, das sich jetzt an der Mu­se­ums­stra­ße be­wun­dern lässt, das Ge­bäu­de selbst ist. Da­bei wur­de in man­cher Hin­sicht nur ein äl­te­rer Zu­stand wie­der­her­ge­stellt. Ne­ben dem Foy­er, in dem al­te Bö­gen frei­ge­legt wur­den, ist ein groß­zü­gi­ger Son­der­aus­stel­lungs­be­reich ent­stan­den, weil spä­ter ein­ge­zo­ge­ne Zwi­schen­ge­schos­se wie­der ent­fernt wur­den. Die Bo­den­flie­sen im Foy­er wur­den über­ar­bei­tet und neu ver­legt, der Ter­raz­zo am Be­su­cher­ein­gang ist eben­so neu wie das Par­kett in den Ober­ge­schos­sen so­wie Fens­ter, Elek­trik und Kli­ma­ti­sie­rung. Und für die zwar his­to­risch an­mu­ten­den, je­doch gleich­falls neu­en Ober­lich­ter wur­den ei­gens zu­sätz­li­che Stahl­trä­ger von Wand zu Wand ge­spannt. „All das war längst über­fäl­lig“, sagt Luck­hardt, Mu­se­um­chef seit 1990. „Seit Kriegs­en­de war kaum et­was re­stau­riert wor­den.“

Be­gin­nen konn­ten die Ar­bei­ten erst, als hin­ter dem Ge­bäu­de die Stahl- und Glas­kon­struk­ti­on ei­nes Er­wei­te­rungs­baus stand, in dem seit 2009 Ver­wal­tung, Bi­b­lio­thek und De­pot, Kup­fer­stich­ka­bi­nett, Mu­se­ums­päd­ago­gik und Bis­tro un­ter­ge­bracht sind. Das hat dem Mu­se­ums­di­rek­tor frei­lich auch Zeit ver­schafft, bei Stif­tun­gen und Mä­ze­nen um zu­sätz­li­ches Geld zu wer­ben. „Von den 36,6 Mil­lio­nen Eu­ro, die das Gan­ze ge­kos­tet hat, ha­be ich gut 2 Mil­lio­nen selbst ein­ge­wor­ben“, sagt Luck­hardt. „Der größ­te Teil der Fi­nan­zie­rung stammt vom Land Nie­der­sach­sen.“

Die Vor­zü­ge des Bis­tros wird man in Braun­schweig üb­ri­gens wohl voll­ends erst im nächs­ten Som­mer ge­nie­ßen kön­nen. Denn da­zu ge­hö­ren auch die Au­ßen­sitz­plät­ze ei­ner gro­ßen Log­gia, die dem pau­sie­ren­den Mu­se­ums­be­su­cher wie­der­um Blick­ach­sen er­öff­net – aufs Grün des Bür­ger­park auf der ei­nen und auf die sorg­sam sa­nier­te Rück­fas­sa­de des wür­di­gen al­ten Mu­se­ums­baus auf der an­de­ren Sei­te.

Spek­ta­ku­lä­re Blick­ach­sen, span­nen­de Farb­dra­ma­tur­gie: En­fi­lade der Ge­mäl­de­ga­le­rie im Her­zog-An­ton-Ul­richMu­se­um (links) mit dem Durch­blick auf Rem­brandts „Fa­mi­li­en­bild“(oben) – und han­no­ver­sche Ko­s­tüm­stu­die­ren­de bei der Gestal­tung ei­nes Ko­s­tüms der...

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