Kei­ne Hoff­nung, nir­gends

Kunst­hal­le und Uhl­horn-Kir­che zei­gen „Ur­ban Touch“

Hannoversche Allgemeine - - KULTUR - Von Da­ni­el alex­an­Der Schacht

Ein Schlauch führt vom Bauch ei­nes höl­zer­nen Pin­gu­ins über den Al­tar hin­weg zum Her­zen der Je­sus­fi­gur am Kreuz dar­über. So leicht las­sen sich Kunst und Le­ben ver­bin­den. Je­den­falls wenn Al­tar und Kreuz zum bis­he­ri­gen Ge­mein­de­le­ben ge­hö­ren, weil der Kunst­raum ein eins­ti­ger Sa­kral­raum ist. So sim­pel konn­te der Künst­ler Tom Ot­to sei­ne Kun­st­in­stal­la­ti­on im In­ne­ren der eins­ti­gen Ger­hard-Uhl­horn-Kir­che ein­rich­ten.

Sie dient jetzt für ei­ni­ge Wo­chen als Kunst­stät­te, vier Jah­re nach­dem dort, zwi­schen Dorn­rös­chen­brü­cke und Pfarr­land­platz, der letz­te Got­tes­dienst statt­ge­fun­den hat und be­vor in das Ge­bäu­de Stu­die­ren­de ein­zie­hen.

Die Ver­ei­ni­gung von Kunst und Le­ben, das ist das al­te Ziel der his­to­ri­schen Kun­s­ta­vant­gar­den. Die woll­ten be­kannt­lich das Le­ben durch Kunst ver­edeln und die Kunst durch Le­bens­nä­he neu le­gi­ti­mie­ren. Ein bis heu­te un­ein­ge­lös­tes, viel­leicht un­ein­lös­ba­res Pro­jekt. Dar­auf deu­tet, gleich au­ßer­halb des frü­he­ren Sa­kral­baus, der Um­gang mit dem Kunst­werk „La­by­rinth“hin, Bar­ba­ra Hin­dahls In­stal­la­ti­on aus Ab­sperr­git­tern, die Pas­san­ten oft mor­gens bei­sei­te­schie­ben, um eben zu pas­sie­ren. „Aber nach­mit­tags“, sagt Har­ro Schmidt, Chef der Kunst­hal­le Faust, „rü­cken Kin­der und El­tern die Git­ter oft spie­le­risch wie­der zu­recht.“

Schmidt ist der Ku­ra­tor der Aus­stel­lung, die in der eins­ti­gen Kir­che und der Kunst­hal­le un­ter dem Ti­tel „Ur­ban Touch“statt­fin­det. Das heißt so viel wie „städ­ti­sche No­te“, doch da­bei geht es vor­wie­gend um städ­ti­sche Not. Ins­ge­samt 29 Künst­ler aus zwölf Län­dern hat Schmidt hier ver­sam­melt, ih­re Ar­bei­ten zeu­gen vor­wie­gend von den Nach­tei­len der Ver­städ­te­rung. Et­wa von ge­sichts­lo­ser Nor­mie­rung, wie sie die Li­taue­rin Patri­ci­ja Gi­ly­te in ih­rem Lich­ter­meer-Vi­deo „Tri-Tri-Ga­la­xi­an“zeigt. Das mu­tet zwar wie ein Di­gi­tal­film an, doch da­für hat die Künst­le­rin ganz ana­log Tee­lich­ter im auf­wen­di­gen Stop-Mo­ti­on-Ver­fah­ren ab­fo­to­gra­fiert. Der Mo­no­to­nie der Licht­punk­te in der eins­ti­gen Kir­che ent­spricht die von Gi­ly­tes „Han­no­ver by Night“in der Kunst­hal­le, wo Be­su­cher gleich­sam ihr ei­ge­nes Han­no­ver bas­teln kön­nen, in­dem sie die grau­en Wür­fel auf der schwar­zen Ma­gnet­flä­che um­grup­pie­ren.

Vor al­lem in den zahl­rei­chen Vi­deo­ar­bei­ten do­mi­niert ein düs­te­rer Blick auf städ­ti­sche Zu­stän­de, nicht zu­letzt an­ge­sichts neu­er Flücht­lings­strö­me. Mi­gran­ten lan­den in Auf­fang­la­gern oder vor Mi­gra­ti­ons­sper­ren, wie sie die Fo­tos des Ke­nia­ners Ray Pi­wi oder die Vi­de­os des Ni­ge­ria­ners Ju­de Anog­wih do­ku­men­tie­ren. Oder sie las­sen sich in ir­re­gu­lä­ren Sied­lun­gen nie­der, wie sie An­di­ta Pur­na­ma Sa­ri in ih­rem Vi­deo von ei­nem Tanz auf ei­ner in­do­ne­si­schen Müll­hal­de zeigt. Stif­tet Stadt­luft heu­te Cha­os statt Frei­heit? Kei­ne Hoff­nung, nir­gends?

Zu se­hen sind die Ar­bei­ten auch im Un­ter­ge­schoss der Kir­che. Dort sind die Fens­ter zur Lei­ne nicht nur zur Ab­dun­ke­lung für die Vi­de­os mit Sperr­holz ver­sperrt, son­dern auch zur Ab­gren­zung von den da­vor la­gern­den Ob­dach­lo­sen. „Die wer­den mor­gens mit Bus­sen zum Bet­teln in die Ein­kaufs­mei­len trans­por­tiert“, hat der Künst­ler Hel­mut Hen­nig be­ob­ach­tet. Doch da­mit ha­be „Ur­ban Touch“nichts zu tun. Schon klar: Kunst und Le­ben, ein Ne­ben­ein­an­der.

Von der Mo­no­to­nie der Städ­te: „Han­no­ver by Night“von Patri­ci­ja Gi­ly­te.

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