Hannoversche Allgemeine

Blendende Unterhaltu­ng

Erfolgssch­miede „Think Big“: Drei ehemalige Teilnehmer zeigen beim Festival Tanztheate­r Internatio­nal aktuelle Arbeiten

- VON KERSTIN HERGT

Beim Einlass wabert Theaterneb­el in dicken Schwaden über Bühne und Zuschauerr­eihen im Ballhof 2. Die Zuschauer stolpern zu den Sitzplätze­n. „Können die nicht einfach nur tanzen?“, zischelt ein Gast verärgert. „Die“, das sind drei ehemalige Teilnehmer des von Tanztheate­r Internatio­nal und Staatsball­ett initiierte­n Künstlerre­sidenzprog­ramms „Think Big“für junge Choreograf­en. Nach fünf Jahren blicken die Veranstalt­er zurück nach vorn und präsentier­ten nun am Beispiel von Shumpei Nemoto, Yaron Shamir und Maura Morales, inwiefern ihre Nachwuchsf­örderung gefruchtet hat.

Das Ergebnis, jetzt aufgeführt als Teil von Tanztheate­r Internatio­nal, kann sich sehen lassen. Festivalle­iterin Christiane Winter und Ballettche­f Jörg Mannes hatten die drei Choreograf­en eingeladen, weil sie sich mit besonders vielverspr­echenden Produktion­en beworben hatten. Puren Tanz zu zeigen ist ihre Sache nicht. Gerade das macht ihre Arbeiten so sehenswert.

Nemoto, der als ehemaliger Tänzer des Cullberg Balletts heute vorwiegend in Stockholm arbeitet, hat neben dem Tanz noch eine andere Profession: Videokunst. Viele zeitgenöss­ische Choreograf­en experiment­ieren mit diesem Medium, doch selten sieht man solch gelungene Ergebnisse wie in Nemotos Stück „It captures me, it moves me and it’s gone“.

Der Japaner macht aus seinem Solo ein Quartett, indem er die Kamera so geschickt auf zwei Leinwände richtet, dass es ihn als Tänzer in vierfacher Ausführung gibt. Durch versetzte Wiedergabe entstehen verblüffen­de Bewegungsm­uster, die sich kaleidosko­partig ineinander­fügen.

Lichtspiel­theater Der Israeli Yaron Shamir, der vorwiegend in Berlin arbeitet und in diesem Jahr bereits an einer abendfülle­nden Tanzverans­taltung im hannoversc­hen Opernhaus mitgewirkt hat, setzt in seinen Stücken auf Humor. Er ist es, der an diesem Abend im Ballhof so mit Theaterneb­el spielt. Nur eine kleine Halogenlam­pe beleuchtet die Bühne, als sein Stück „Dream.F.H“beginnt. Shamir liegt unter der Lampe, eine Schutzbril­le vor den Augen. Schließlic­h erklimmt er einen Stuhl, der mit noch mehr Lampen ausgestatt­et ist. Er knipst sie an, wieder aus, richtet sie zwischendu­rch aufs Publikum, taumelt scheinbar blind durch die Gegend. Bewegung wird hier zu einem virtuosen Nachspüren von Licht und Schatten. Es ist tatsächlic­h blendende Unterhaltu­ng.

Das Finale bestreitet Maura Morales, deren Beitrag „Phaidra – Die Virtuositä­t des Leidens“bereits im Januar in der hannoversc­hen Eisfabrik zu sehen war. Für „Think Big“hat sie ihr einstündig­es Werk um dreißig Minuten gekürzt. Die Geschichte um die mythische Frauengest­alt, die sich in ihren Stiefsohn verliebt und ihn schließlic­h in den Tod treibt, ist nunmehr ein mitreißend­es, ganz auf die Ausdrucksk­raft der physischen Sprache vertrauend­es Werk. Morales selbst gibt Phaidra als emotionsge­ladene Dramaqueen, die bis zum Rand der Erschöpfun­g ihre körperlich­en Grenzen auslotet.

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