Es ist nicht um­sonst

Kunst kos­tet. Der Köl­ner Mu­si­ker Lan­do Van Her­zog hat sich nam­haf­te Kol­le­gen an die Sei­te ge­holt, um mit sei­nem „Pro­ject Fair­play“ge­gen die Gra­tis­kul­tur an­zu­tre­ten. Die Strea­m­ing­diens­te sieht er als Teil des Pro­blems. Für den Bun­des­ver­band Mu­sik­in­dus­trie

Hannoversche Allgemeine - - WAHRES, SCHÖNES, GUTES - Von Mat­thi­as Halbig

Wie alt er ist, ver­rät Lan­do Van Her­zog nicht, nur so ganz grob: Ge­fühlt manch­mal 25, manch­mal 80. Der Köl­ner Mu­si­ker fühlt sich aber jung ge­nug, wi­der die Um­sonst­kul­tur in den di­gi­ta­len Wel­ten zu Fel­de zu zie­hen. Er­schre­ckend fand er den Satz im Jahr­buch 2016 des Bun­des­ver­bands der Deut­schen Mu­sik­in­dus­trie: „Fast die Hälf­te der 30- bis 39-Jäh­ri­gen ist be­reit, für Mu­sik zu be­zah­len“, steht da zu le­sen. „Man stel­le sich vor, im Jahr­buch des Bun­des­ver­ban­des des Deut­schen Le­bens­mit­tel­han­dels hie­ße es: ,Fast die Hälf­te der Kon­su­men­ten ist be­reit, für den Ein­kauf in ei­nem Le­bens­mit­tel­ge­schäft an der Kas­se zu zah­len’“, er­ei­fert sich Van Her­zog. „Da of­fen­bart sich doch der gan­ze Irr­sinn.“

Nach ei­nem Wind­müh­len­kampf klingt das, ge­recht und aus­sichts­los: Mit Van Her­zog als Don Quicho­te des ana­lo­gen Me­di­en­mit­tel­al­ters. Das sieht er an­ders. Er will kei­ne Pro­zes­se füh­ren, kei­ne Stra­fen auf­er­legt wis­sen, son­dern ein Be­wusst­sein schaf­fen da­für, dass in je­der Kunst nach wie vor Geld und Ar­beit steckt, dass Mu­sik so viel wert ist wie frü­her, als es sie noch aus­schließ­lich auf Ton­trä­gern gab und man da­für Geld an der La­den­kas­se hin­blät­tern muss­te. Dass er sie­gen wird, dar­an glaubt er fest. Und führt ein Bei­spiel für den Er­folg des Prin­zips Fair­ness an: „Fair Tra­de, der ge­rech­te Han­del mit Gü­tern aus ar­men Län­dern, ist auch in un­se­ren Köp­fen an­ge­kom­men. Wenn es auch 25 Jah­re ge­dau­ert hat.“

Für sei­ne Mis­si­on hat der Vio­li­nist und Sän­ger ei­ne Plat­ten­fir­ma ge­grün­det und ein Kon­zept­al­bum auf­ge­nom­men: „Pro­ject Fair­play“ist ein Mu­sik-Text-Werk, auf dem die Söh­ne Mann­heims eben­so zu fin­den sind wie der Re­gis­seur und Os­car-Preis­trä­ger Pe­pe Dan­quart, die Youtube­rin Joy­ce Ilg und Ma­ri­an­ne Ro­sen­berg. Die Schla­ger­sän­ge­rin kommt noch aus der Zeit der Hun­dert­tau­sen­de-Al­ben-Ver­käu­fe. Sie gibt zu be­den­ken, dass Künst­ler ih­re „Ener­gie nur dann wei­ter­hin auf­brin­gen kön­nen, wenn sie von ih­rer Ar­beit auch le­ben kön­nen“. Os­car-Ge­win­ner Dan­quart ist da­bei, weil er in die­sem Kampf den mo­ra­li­schen Ap­pell sei­nes – von der Gra­tis­kul­tur eben­falls be­trof­fe­nen – Me­tiers Ki­no ge­spie­gelt sieht: „Wir er­zäh­len im­mer von Hel­den, die sich von ih­rem Leid be­frei­en, von Men- schen, die nicht mehr der Gier nach Geld ver­fal­len, son­dern der Stim­me ih­res Her­zens fol­gen und ge­gen ma­te­ri­el­le Obszö­ni­tät Men­sch­lich­keit set­zen.“Sol­che Men­schen möch­te er jetzt auch in Wirk­lich­keit se­hen. Vier Jah­re dau­er­ten die Ar­bei­ten an dem bun­ten Mix aus ver­schie­de­nen Mu­sik­sti­len. 74 Mi­nu­ten mit 17 Songs und vie­len Text­bei­trä­gen von Schau­spie­lern wie Ul­rich Noe­then und Schrift­stel­lern wie Frank Schät­zing. Da wird nicht et­wa der mah­nen­de Zei­ge­fin­ger er­ho­ben und ge­bets­müh­len­ar­tig ein ge­sun­ge­nes „Down­loa­de nicht il­le­gal!“pos­tu­liert, son­dern Be­wusst­sein ge­weckt für die lan­ge Mi­se­re der di­gi­ta­len Ära. „Das wird für die Künst­ler Jahr für Jahr schlim­mer“, meint Van Her­zog und ver­weist auf die Stream­rip­per der jüngs­ten Zeit, de­nen es ge­lun­gen ist, die ei­gent­lich un­ko­pier­ba­re Mu­sik von Youtu­be und Co. auf ih­re Com­pu­ter zu la­den. „Ab­so­lut ge­klaut“, schimpft der Mu­si­ker. Frei­lich konn­te die gu­te Sei­te der Pop­macht hier zu­letzt ei­nen Sieg fei­ern. Im Sep­tem­ber wur­de die größ­te Stream­rip-Web­site YouTu­bemp3.org dicht­ge­macht. Ca­ry Sher­man, Chef der Re­cord In­dus­try As­so­cia­ti­on of Ame­ri­ca (RIAA), wer­te­te den Schlag ge­gen die Il­le­ga­len als „be­deut­sa­men Sieg für Mil­lio­nen Mu­sik­fans, Mu­sik­schaf­fen­de und le­ga­le Mu­si­k­an­bie­ter“. Don Quicho­te ist nicht al­lein. Die Strea­m­ing­diens­te zäh­len für Van Her­zog al­ler­dings auch zu den Bö­sen. „Wir ha­ben dort die Kon­trol­le über un­ser geis­ti­ges Ei­gen­tum längst ver­lo­ren.“Mul­ti­na­tio­na­le Groß­kon­zer­ne sieht er da am Ru­der, de­nen es nur noch um Mo­ne­ta­ri­sie­rung ge­he statt um Künst­ler. „Er­schre­ckend ge­ring“sei­en die Ver­diens­te dort. „Geht man von 0,2 Cent pro Stream aus, ver­dient ein deut­scher Su­per­star, der 500 000 Streams ei­nes Songs er­reicht, da­mit 1000 Eu­ro – für sein La­bel.“Ha­be ein Mu­si­ker oh­ne Fan­ba­se nur 5000 Streams, dann ver­die­ne sein La­bel 10 Eu­ro. „Strea­m­ing“, jetzt klingt Van Her­zogs Stim­me wie zor­ni­ge 25, „ist der Ver­kauf von Kul­tur zu Dum­ping­prei­sen.“

Der Bun­des­ver­band Mu­sik­in­dus­trie be­trach­tet Van Her­zogs Kampf mit Sym­pa­thie: „Da steckt Emo­tio­na­li­tät da­hin­ter“, sagt Vor­stands­vor­sit­zen­der Flo­ri­an Drü­cke, „und wir le­ben da­von, dass Leu­te sich en­ga­gie­ren und nicht al­les den Ver­bän­den über­las­sen.“Aber die 52 Pro­zent Nicht­zah­ler, die Van Her­zog so ent­set­zen, lie­ßen sich nicht gleich­set­zen mit „52 Pro­zent Mu­sik­die­ben“. Es ge­he hier eher um die­je­ni­gen, die ih­ren Mu­sik­kon­sum zum Bei­spiel übers Ra­dio oder über die wer­be­fi­nan­zier­ten An­ge­bo­te der Strea­m­ing­diens­te de­cken. Die Bran­che freut sich über das Wachs­tum bei den Abos im Strea­m­ing­be­reich.

„Wir hof­fen, dass da ei­ne Ge­ne­ra­ti­on mit ei­ner neu­en Nut­zungs­welt auf­wächst und sich gar nicht erst in den Dschun­gel der Pi­ra­te­rie verirrt“, sagt Drü­cke. Die zehn Eu­ro Ge­bühr, die et­wa ein Spo­ti­fy-Pre­mi­um­abo kos­tet, sei­en weit mehr als das, was der Durch­schnitts­käu­fer aus­gä­be, fügt er hin­zu. Er sieht in ei­ner wach­sen­den Käu­fer­reich­wei­te auch zu­künf­ti­ge hö­he­re Er­lö­se für die Mu­si­ker ins­ge­samt. „Ge­ne­rell ist un­ser In­ter­es­se, dass wir ein mög­lichst ho­hes Ni­veau an Ver­gü­tun­gen für al­le be­kom­men.“

Ein Dorn im Au­ge sind ihm da­bei Platt­for­men wie Youtu­be, die sich dar­auf be­ru­fen, „nur tech­nisch neu­tra­ler Di­enst­leis­ter“zu sein. „Youtu­be ist der größ­te Mu­sik­dienst der Welt. Er zahlt auf Ba­sis ver­al­te­ter Be­stim­mun­gen aus der Früh­zeit des In­ter­nets nur ei­nen Obo­lus, ein Viel­fa­ches we­ni­ger als Spo­ti­fy. Da passt das Pos­tu­lat des Fair­play gut rein – denn das ist wirk­lich un­fair und un­zeit­ge­mäß.“Der Ver­band ar­bei­tet auf ei­ne Än­de­rung der Rah­men­be­din­gun­gen auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne hin, „da­mit Di­ens­te wie Youtu­be sich nicht mehr raus­re­den kön­nen“.

Be­rück­sich­tigt man al­le Ver­dienst­mög­lich­kei­ten wie klas­si­sche Ton­trä­ger­ver­käu­fe und Li­ve-Er­lö­se, dann sieht Drü­cke den Be­ruf des Mu­si­kers nicht von Ar­mut be­droht. „Wer Er­folg hat, wird auch da­von le­ben kön­nen, wer viel Er­folg hat, wird bes­ser da­von le­ben kön­nen, dar­an hat sich im di­gi­ta­len Zeit­al­ter nichts ge­än­dert.“

Der Mu­sik­kon­su­ment, der mit der glit­zern­den Welt von Pop und Rock rei­che Stars am Pool ver­bin­det, dürf­te auch nur be­grenzt Mit­leid mit Mu­si­kern ha­ben – man denkt da eben eher an Pop-Mul­ti­mil­lio­nä­re als an be­dürf­ti­ge New­co­mer mit ei­ner Gi­tar­re und ein paar Songs. „Die rei­chen Ma­don­nas …“, Van Her­zog seufzt. „Ich ge­be Ih­nen recht, an die denkt man lei­der zu­erst“, sagt er, und da nä­hert sich sei­ne Stim­me für ei­nen Mo­ment den 80. Gleich aber wird sie wie­der jung: „Ich kämp­fe wei­ter“, sagt er dann, „denn es ist wie über­all: Nur wenn man was macht, wird’s bes­ser.“

Strea­m­ing ist der Ver­kauf von Kul­tur zu Dum­ping­prei­sen. Lan­do Van Her­zog, Mu­si­ker

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