Mer­kel oh­ne Un­ter­stüt­zung in Frak­ti­on

Streit bei CDU und CSU: Kanz­le­rin wei­ter ge­gen Zu­rück­wei­sun­gen an der Gren­ze – See­ho­fer hält da­ge­gen und be­kommt viel Bei­fall

Hannoversche Allgemeine - - VORDERSEITE - Von Ras­mus Buch­stei­ner und Jörg Köp­ke

Ber­lin. Im Streit um den Kurs in der Flücht­lings­po­li­tik hat sich die Uni­ons­frak­ti­on of­fen­bar ge­gen Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ge­stellt. Nach An­ga­ben von Teil­neh­mern der Frak­ti­ons­sit­zung er­hielt Mer­kel bei den Wort­mel­dun­gen kei­ne Un­ter­stüt­zung für ih­re Kri­tik an den Plä­nen von In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU). Die­ser will Mi­gran­ten, die be­reits in der EU re­gis­triert sind, an der deut­schen Gren­ze zu­rück­wei­sen. See­ho­fer da­ge­gen soll Bei­fall für sei­ne Re­de er­hal­ten ha­ben. Von 13 Wort­mel­dun­gen sol­len elf die Po­si­ti­on des CSU-Chefs un­ter­stützt ha­ben.

Ber­lin. „Ich ha­be Sor­ge um die­ses Eu­ro­pa“, sagt An­ge­la Mer­kel. Und be­grün­det so, war­um sie nichts von Horst See­ho­fers Plä­nen hält, be­stimm­te Flücht­lin­ge an Deutsch­lands Gren­zen zu­rück­zu­wei­sen. Ges­tern Nach­mit­tag, im Sit­zungs­saal der Uni­on im Reichs­tags­ge­bäu­de: Es ist der Mo­ment, in dem die Ab­ge­ord­ne­ten von CDU und CSU ge­gen den Kurs der Kanz­le­rin in der Flücht­lings­po­li­tik re­bel­lie­ren und die Re­de des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters Horst See­ho­fer be­klat­schen.

Mer­kel hat­te wie oft in sol­chen Si­tua­tio­nen „ih­ren“Frak­ti­ons­chef vor­ge­schickt. Vol­ker Kau­der soll­te die Wo­gen glät­ten. Er kün­dig­te bis zum En­de der Wo­che ei­ne Lö­sung an. Doch die Stim­mung blieb ei­sig. Kaum Bei­fall für den Mer­kel-Ge­treu­en. Kau­ders Ver­such, Zeit zu ge­win­nen, wur­de spä­ter als „un­taug­lich“be­schrie­ben.

Hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren ha­gel­te es Kri­tik. Rei­hen­wei­se mel­de­ten sich Ab­ge­ord­ne­te, die See­ho­fers For­de­rung nach Zu­rück­wei­sun­gen an der Gren­ze stütz­ten. „Bei dem Punkt kann es kei­nen Kom­pro­miss ge­ben“, sag­te CDU-Mit­tel­stands­po­li­ti­ker Chris­ti­an von Stet­ten nach Teil­neh­mer­an­ga­ben. Er bit­te in­stän­dig, „dass die gro­ße Schwes­ter auf die klei­ne hört“, se­kun­dier­te der Bran­den­bur­ger Ab­ge­ord­ne­te Jens Köp­pen, wie Mer­kel aus der Ucker­mark stam­mend. Wäh­rend nie­mand das Wort zu­guns­ten der Kanz­le­rin er­griff, leg­te See­ho­fer sei­nen Mas­ter­plan dar und füg­te spitz hin­zu: „Ich könn­te jetzt lan­ge wei­ter­erzäh­len, aber dann hät­te ich den Plan ja auch di­rekt heu­te vor­stel­len kön­nen. Das ist nicht ge­wollt.“Die Po­si­tio­nen sei­en klar: „Wir ha­ben Über­ein­stim­mung in 62 von 63 Punk­ten.“In Rich­tung Mer­kel sag­te er süf­fi­sant: „Die Prä­am­bel ist gut und zu­min­dest un­um­strit­ten, oder An­ge­la?“

Die Wur­zeln für den Macht­kampf lie­gen tief. „Rechts­bruch“hat­te See­ho­fer Mer­kel at­tes­tiert, als die Kanz­le­rin vor zwei­ein­halb Jah­ren für Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge die deut­schen Au­ßen­gren­zen of­fen hielt und da­mit EU-Recht au­ßer Kraft setz­te. Un­ver­ges­sen die De­mü­ti­gung durch See­ho­fer, als er die Kanz­le­rin auf ei­nem CSU-Par­tei­tag in Mün­chen we­gen des Ober­gren­zen-Streits mi­nu­ten­lang auf of­fe­ner Büh­ne vor­führ­te. „Wir wer­den uns zu die­sem The­ma wie­der­se­hen“, droh­te ihr der Bay­er da­mals.

Kaum In­nen­mi­nis­ter, hält See­ho­fer Wort. Sei­nen „Mas­ter­plan Mi­gra­ti­on“woll­te er ei­gent­lich ges­tern Nach­mit­tag prä­sen­tie­ren, Mer­kel stopp­te die Vor­stel­lung al­ler­dings. Seit Herbst 2015 darf je­der die Gren­ze nach Deutsch­land über­schrei­ten, der hier Asyl be­an­tragt. Erst nach ei­ner Prü­fung wird der Schutz­su­chen­de – auf Grund­la­ge der Du­blinVer­ord­nung – ge­ge­be­nen­falls in den EU-Staat zu­rück­ge­schickt, in dem er zu­erst re­gis­triert wur­de. See­ho­fers Plan sieht vor, künf­tig al­le Asyl­be­wer­ber, die mit ih­ren Fin­ger­ab­drü­cken in der so­ge­nann­ten Eu­ro­dacDa­tei ver­zeich­net sind, an der deut­schen Gren­ze zu­rück­zu­wei­sen. Das wä­ren im ver­gan­ge­nen Jahr 64 000 Fäl­le ge­we­sen.

Mer­kel blieb in der Frak­ti­on eben­so hart wie spä­ter ge­gen­über Se­bas­ti­an Kurz: Beim Be­such des ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­kanz­lers in Ber­lin be­ton­te sie, die Fra­ge der Mi­gra­ti­on müs­se „eu­ro­pa­ein­heit­lich be­ant­wor­tet wer­den“. Kurz kün­dig­te an, im Zu­ge der Rats­prä­si­dent­schaft sei­nes Lan­des ab Ju­li die EU-Au­ßen­gren­zen stär­ken zu wol­len.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.