Ge­tanzt wird mit de­nen, die im Saal sind

Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz (SPD) will trotz al­ler Sor­gen mit der US-Re­gie­rung im Ge­spräch blei­ben

Hannoversche Allgemeine - - POLITIK - In­ter­view: Ras­mus Buch­stei­ner, Andre­as Nies­mann

Herr Scholz, Do­nald Trump rüt­tel­te an der Wel­t­ord­nung, wie wir sie ken­nen. Be­rei­tet Ih­nen das Sor­ge? Ge­nau das ist die Me­tho­de Trump. Ist sei­ne Re­gie­rung noch ein Part­ner? Trump be­klagt den ge­rin­gen Ver­tei­di­gungs­etat Deutsch­lands. Die Kanz­le­rin hat da­für Ver­ständ­nis. Sie auch? Die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin ver­weist auf das Zwei-Pro­zent-Ziel der Na­to. Als Ant­wort auf Trump for­dern Sie ein stär­ke­res Eu­ro­pa. Zu­letzt wirk­te die Ge­mein­schaft eher schwach ... Sie ha­ben ei­ne Rück­ver­si­che­rung für Staa­ten vor­ge­schla­gen, um Ar­beits­markt­pro­gram­me zu fi­nan­zie­ren. In­wie­fern macht das die EU stär­ker? Ei­ne Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung al­lein wird die EU kaum ret­ten. Zur In­nen­po­li­tik: Wie fin­den Sie die Plä­ne, die Steu­er­zu­schüs­se für po­li­ti­sche Par­tei­en um 17 Pro­zent zu er­hö­hen?

Na­tür­lich bin ich be­sorgt, denn es steht ja viel auf dem Spiel. Das ver­gan­ge­ne Wo­che­n­en­de hat zwei Din­ge ge­zeigt. Ers­tens: Es ist gut, dass wir For­ma­te wie die G 7 ha­ben, wo wir über be­ste­hen­de Kon­flik­te re­den kön­nen. Zwei­tens: Un­ser Wohl­stand und un­se­re Si­cher­heit sind ge­fähr­det, wenn Bünd­nis­part­ner nicht ge­mein­sam han­deln, son­dern auf Al­lein­gän­ge set­zen. In der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik gilt das glei­che Mot­to wie in der Dorf­dis­co: Ge­tanzt wird mit de­nen, die im Saal sind. Na­tür­lich wird die Bun­des­re­gie­rung wei­ter mit der Trump-Ad­mi­nis­tra­ti­on das Ge­spräch su­chen. Die Dis­kus­si­on ist ein biss­chen ul­kig, schließ­lich wa­ren es Mi­nis­ter der CDU, die die Aus­ga­ben für Ver­tei­di­gung in der Ver­gan­gen­heit so stark ver­rin­gert ha­ben. Und es wa­ren ein CDU-Fi­nanz­mi­nis­ter und ei­ne CDU-Kanz­le­rin, die da­für Ver­ant­wor­tung ge­tra­gen ha­ben. Wir ha­ben jetzt ei­ne Stei­ge­rung ver­ein­bart, die ich rich­tig und wich­tig fin­de, da­mit die Bun­des­wehr gut aus­ge­stat­tet ist. Abs­trak­te Zah­len hel­fen uns nicht wei­ter, es braucht ein Kon­zept. Die Bun­des­wehr muss das Geld be­kom­men, das sie für ih­re Auf­ga­ben be­nö­tigt. Und das ge­schieht. Aber: Wenn wir in un­se­re Stra­ßen, Pfle­ge­plät­ze, Schu­len und Kin­der­be­treu­ung in­ves­tie­ren und gleich­zei­tig kei­ne neu­en Schul­den ma­chen wol­len, sind auch mög­li­che Stei­ge­run­gen für das Mi­li­tär be­grenzt. Das muss je­dem klar sein. Das darf so nicht blei­ben. In der Ver­gan­gen­heit ha­ben wir die EU zu oft nur aus der Per­spek­ti­ve des Bin­nen­mark­tes dis­ku­tiert. Die Fra­gen, die die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger jetzt in­ter­es­siert, ha­ben we­ni­ger mit dem Markt zu tun als mit ech­ter Po­li­tik. Da­her mein Ap­pell: Lasst uns end­lich eu­ro­päi­sche Po­li­tik ma­chen. Ein Schutz ge­gen Ar­beits­lo­sig­keit, wie wir ihn in Deutsch­land ha­ben, gibt es längst nicht über­all in der EU. Ein sol­cher Schutz soll­te aber Standard sein. Ich plä­die­re auch für den Auf­bau na­tio­na­ler Re­ser­ven und zu­sätz­lich für ei­nen eu­ro­päi­schen Topf, der Län­der im Kri­sen­fall schnell un­ter­stützt. Wenn vie­le Ar­beit­neh­mer ih­ren Job in ei­ner Kri­se ver­lie­ren, be­las­tet das die je­wei­li­gen So­zi­al­kas­sen. Wenn die Re­ser­ven auf­ge­braucht sind, müss­te man sonst die Leis­tun­gen sen­ken oder die Bei­trä­ge er­hö­hen. Wohl­ge­merkt: Es geht nicht um dau­er­haf­te Geld­trans­fers oder die Ver­ge­mein­schaf­tung von Schul­den. Ich spre­che von Kre­di­ten mit re­la­tiv kur­zer Lauf­zeit, die nach der Kri­se voll­stän­dig zu­rück­be­zahlt wer­den müs­sen. Rich­tig, des­halb ar­bei­ten wir ja par­al­lel auch an vie­len an­de­ren Stel­len. Wir ma­chen das Fi­nanz­sys­tem noch sta­bi­ler, in­dem wir die Be­din­gun­gen für die Ab­wick­lung von Ban­ken re­for­mie­ren. Wenn ein In­sti­tut sich über­nimmt, sol­len nicht die Steu­er­zah­ler ein­sprin­gen, son­dern die Ak­tio­nä­re und Bank­ei­gen­tü­mer. Gro­ße Di­gi­tal­kon­zer­ne sol­len künf­tig fai­rer be­steu­ert wer­den, und wir trei­ben die Fi­nanz­trans­ak­ti­ons­steu­er vor­an. Wir soll­ten sehr froh dar­über sein, dass Par­tei­en in Deutsch­land vor al­lem über Mit­glieds­bei­trä­ge fi­nan­ziert wer­den und öf­fent­li­che Mit­tel. Das ver­hin­dert, dass nur noch Mul­ti­mil­lio­nä­re in die Po­li­tik ge­hen. In den USA wer­den Wahl­kämp­fe na­he­zu aus­schließ­lich über Spen­den von Pri­vat­leu­ten und Un­ter­neh­men fi­nan­ziert. Ab­ge­ord­ne­te und Se­na­to­ren sind mehr als die Hälf­te des Ta­ges mit dem Ein­wer­ben die­ser Mit­tel be­schäf­tigt. Wol­len wir so ein Sys­tem? Ich will es nicht.

Ei­ne SPD-Ana­ly­se zur Wahl­nie­der­la­ge 2017 be­klagt ei­ne „kol­lek­ti­ve Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit“der Par­tei­spit­ze. Füh­len Sie sich da­mit an­ge­spro­chen?

Nie­mand, der in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Ver­ant­wor­tung hat­te, kann so tun, als sei er nicht da­bei ge­we­sen. Das gilt auch für mich.

Der Be­richt bringt ei­ne Ur­wahl zur Aus­wahl künf­ti­ger Spit­zen­kan­di­da­ten ins Ge­spräch. Schlie­ßen Sie sich an?

Die Er­nen­nung der Spit­zen­kan­di­da­ten lief in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht ide­al. In Aus­nah­me­fäl­len kann ich mir auch mal ei­ne Ur­wahl vor­stel­len. Wenn Sie mich fra­gen, ob ich ge­ne­rell ei­ne Ur­wahl des Spit­zen­kan­di­da­ten be­für­wor­te, lau­tet mei­ne Ant­wort: Nein. In den USA lässt sich be­ob­ach­ten, wo­hin ei­ne Po­li­tik führt, bei der al­lein Geld über die Chan­cen bei Vor­wah­len ent­schei­det. Da ist mir un­ser Sys­tem sehr viel lie­ber.

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