Der Ehr­li­che ist der Dum­me

Hannoversche Allgemeine - - POLITIK -

Es gibt die häss­li­che Fest­stel­lung, wo­nach man kei­ner Sta­tis­tik trau­en soll­te, die man nicht selbst ge­fälscht hat. Der Spruch könn­te aus dem Grie­chen­land der Nul­ler­jah­re stam­men. Da­mals wur­den die Buch­wer­te des Staats­de­fi­zits der­art fri­siert, dass ein Wert von 3,9 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) her­aus­kam. 2009 platz­te die Lü­ge; Mi­nis­ter­prä­si­dent Gior­gos Pa­pand­reou über­rasch­te die Staa­ten der Eu­ro-Zo­ne mit der Nach­richt, dass das Et­at­loch bei 12,7 Pro­zent lag.

Andre­as Ge­or­giou soll­te die Pra­xis krea­ti­ver Sta­tis­tik be­en­den. Der ehe­ma­li­ge Fi­nanz­ex­per­te des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) aus Wa­shing­ton ver­öf­fent­lich­te 2010 als neu­er Chef des grie­chi­schen Sta­tis­tik­am­tes El­s­tat den wirk­li­chen Wert des Staats­de­fi­zits: 15,4 Pro­zent.

Ei­ne Form der Ehr­lich­keit, die ihm die grie­chi­sche Po­li­tik nie ver­zie­hen hat. Nach ei­ner Viel­zahl von Pro­zes­sen wur­de Ge­or­giou jetzt vom obers­ten Ge­richt des Lan­des in letz­ter In­stanz zu zwei Jah­ren Haft auf Be­wäh­rung ver­ur­teilt. Der obers­te Sta­tis­ti­ker ha­be sei­ne Da­ten nicht mit dem po­li­tisch be­setz­ten Auf­sichts­rats­gre­mi­um ab­ge­stimmt, ur­teil­te das Ge­richt. Dass ei­ne der­ar­ti­ge Ab­stim­mung we­der im grie­chi­schen Sta­tis­tik­ge­setz noch nach EURecht vor­ge­schrie­ben ist, in­ter­es­sier­te die Rich­ter in At­hen nicht. „Wir ha­ben Zah­len er­mit­telt, und dann soll man ab­stim­men? Das er­gibt kei­nen Sinn“, sagt Ge­or­giou.

Der Fi­nanz­ex­per­te hat­te den Job als „Di­enst an Grie­chen­land“an­ge­tre­ten. Sei­ne gut be­zahl­te IWF-Tä­tig­keit kün­dig­te er, er­wor­be­ne Pen­si­ons­an­sprü­che ver­fie­len. Ge­dankt hat es ihm nie­mand in sei­ner Hei­mat, im Ge­gen­teil: Er wur­de als „Ver­rä­ter“und „Lüg­ner“be­schimpft. Ihm wur­de un­ter­stellt, er sei mit der deut­schen Re­gie­rung im Bun­de, um die har­ten Re­form­auf­la­gen der Eu­roHilfs­pa­ke­te durch­zu­drü­cken. Dass nicht er, son­dern sein Amts­vor­gän­ger die Sta­tis­tik ge­fälscht hat­te, trug ihm ei­ne Geld­bu­ße in Hö­he von 10 000 Eu­ro ein. Er ar­bei­te­te 15 St­un­den täg­lich, re­for­mier­te die Sta­tis­tik­be­hör­de, be­kam viel Lob von der EU und in­ter­na­tio­na­len Ex­per­ten. Doch in At­hen stieg der Druck. Die har­ten Spar­auf­la­gen, die Grie­chen­land durch die Hilfs­pa­ke­te ak­zep­tie­ren muss­te, wur­den ihm an­ge­las­tet. Von le­bens­lan­ger Haft war ir­gend­wann die Re­de.

2015 schließ­lich warf Ge­or­giou sei­nen Chef­pos­ten ent­nervt hin und ging zu­rück in die USA. Er hat dort ei­ne klei­ne Gast­pro­fes­sur, ist aber sonst ar­beits­los. Sei­ne Ver­ur­tei­lung hat Ge­or­giou ver­bit­tert: Es sei „ein trau­ri­ger Tag für die EU, dass sol­che Din­ge in­ner­halb ih­rer Gren­zen er­laubt sind“. Auch das In­ter­na­tio­nal Sta­tis­ti­cal In­si­tu­te be­zeich­ne­te das Ur­teil als „zer­stö­re­risch“für Grie­chen­lands Glaub­wür­dig­keit. Des­sen po­li­ti­sche Klas­se in­des dürf­te froh sein, ei­nen Sün­den­bock für die Ka­la­mi­tä­ten des Lan­des zu ha­ben.

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