Re­ak­ti­ons­schnell wie der Mensch

Der neue Netz­stan­dard 5G lässt Han­dy­nut­zer mit mehr Tem­po sur­fen, Ro­bo­ter ge­füh­li­ger wer­den und Au­tos au­to­nom fah­ren. Doch Po­li­tik und Wirt­schaft strei­ten sich um die Aus­bau­be­din­gun­gen.

Hannoversche Allgemeine - - WIRTSCHAFT - Von Chris­ti­an Wöl­bert

Han­no­ver. Ei­ni­ge Funk­tio­nen des kom­men­den Mo­bil­funk­stan­dards 5G klin­gen fast nach Sci­ence-Fic­tion. Zum Bei­spiel das Beam­for­ming. Da­bei ver­sor­gen Ba­sis­sta­tio­nen be­stimm­te Or­te tem­po­rär mit ho­her Leis­tung, zum Bei­spiel das Mes­se­ge­län­de in Han­no­ver wäh­rend der Ce­bit. Die An­ten­nen kön­nen so­gar fah­ren­de ICE „ver­fol­gen“, da­mit auch bei Tem­po 300 der Vi­deo­st­ream nicht ru­ckelt. Und na­tür­lich be­schleu­nigt der Standard das mo­bi­le Sur­fen. 10 Gi­ga­bit pro Se­kun­de sind theo­re­tisch mög­lich, das ist zehn­mal so schnell wie beim ak­tu­el­len 4G.

Für den han­no­ver­schen Ro­bo­ti­kFor­scher Sa­mi Had­da­din, den Dresd­ner Mo­bil­funk­pro­fes­sor Ger­hard Fett­weis und den Deutsch­land-Chef von Vo­da­fo­ne, Han­nes Amets­rei­ter, ist je­doch ein an­de­rer 5G-Vor­teil wich­ti­ger: die ex­trem kur­ze Re­ak­ti­ons­zeit oder, wie Fach­leu­te sa­gen, nied­ri­ge La­tenz. Das sa­gen die drei un­ab­hän­gig von­ein­an­der, als sie nach­ein­an­der zum Ge­spräch im Vo­da­fo­ne-Pa­vil­lon auf der Ce­bit ein­tru­deln. Amets­rei­ter hat ge­ra­de sei­ne Pres­se­kon­fe­renz ge­hal­ten. Die Pro­fes­so­ren Had­da­din und Fett­weis sind da­bei, weil der Mo­bil­funk­kon­zern ih­re For­schung fi­nan­zi­ell för­dert.

Ro­bo­ter mit Fein­ge­fühl Im ak­tu­el­len 4G-Standard re­agie­ren Ro­bo­ter oder Au­tos bes­ten­falls bin­nen 40 Mil­li­se­kun­den auf ei­nen Be­fehl aus dem Netz. 5G ver­kürzt den Wert auf 1 Mil­li­se­kun­de. Ei­ne Ma­schi­ne ant­wor­tet dann ge­nau­so

Han­nes Amets­rei­ter, Deutsch­land-Chef Vo­da­fo­ne

schnell auf ei­nen Reiz wie ein Mensch, der ei­nen Ball auf sich zu­flie­gen sieht. „Wenn wir Men­schen mit Tech­nik an­ge­nehm in­ter­agie­ren wol­len, brau­chen wir die­se nied­ri­ge La­tenz“, sagt Fett­weis. Wer schon ein­mal über Sky­pe te­le­fo­niert hat und auf­grund der Ver­zö­ge­rung stän­dig sei­nem Ge­gen­über ins Wort ge­fal­len ist, weiß, was er meint.

Had­da­din er­klärt es am Bei­spiel ei­nes Ro­bo­ters, der aus der Fer­ne von ei­nem Arzt ge­steu­ert wird. Mit ak­tu­el­ler Tech­nik könn­te der Arzt den Pa­ti­en­ten nicht ab­tas­ten, weil er Wi­der­stän­de viel zu spät spü­ren wür­de. „Mit 5G agie­ren Sie aus der Fer­ne tak­til und au­dio­vi­su­ell so, als wä­ren Sie vor Ort.“Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Ärz­te oh­ne Gren­zen könn­ten so zum Bei­spiel Ebo­la-Pa­ti­en­ten hel­fen, oh­ne sich in Ge­fahr zu be­ge­ben.

Auch die In­dus­trie soll vom neu­en Echt­zeit-Ge- fühl pro­fi­tie­ren. Had­da­din und Fett­weis de­mons­trie­ren das mit zwei Ro­bo­ter­ar­men. Füh­ren sie den ers­ten Ro­bo­ter mit der Hand zu ei­nem Werk­stück, um ihn neu zu pro­gram­mie­ren, folgt der zwei­te Ro­bo­ter die­ser Be­we­gung oh­ne wahr­nehm­ba­re Ver­zö­ge­rung. Künf­tig sol­len In­ge­nieu­re Hun­der­te Ma­schi­nen syn­chron ein­rich­ten kön­nen, auch wenn die ei­ne Hälf­te in Deutsch­land steht und die an­de­re Hälf­te in Chi­na.

2020 soll der Aus­bau be­gin­nen Vo­da­fo­ne-Chef Amets­rei­ter nennt Vir­tu­al Rea­li­ty als ein Bei­spiel für die Vor­tei­le nied­ri­ger La­tenz. „Nut­zer kön­nen die vir­tu­el­le Welt mit ih­ren Sin­nen dann deut­lich bes­ser wahr­neh­men“, er­klärt er. Die meis­ten Vor­tei­le sieht er je­doch im Be­reich der In­dus­trie oder beim au­to­no­men Fah­ren. „Die Wirt­schaft wird smar­ter, ef­fi­zi­en­ter. Die Ver­brau­cher pro­fi­tie­ren durch neue Pro­duk­te und Ser­vices.” Amets­rei­ter rech­net da­mit, dass Vo­da­fo­ne 2020 mit dem 5G-Aus­bau in Deutsch­land be­gin­nen kann. Was die Ta­ri­fe kos­ten, kann er aber noch nicht sa­gen: „Noch ist völ­lig of­fen, wel­che Fre­quen­zen wir er­hal­ten wer­den und wie viel wir für sie be­zah­len müs­sen. Vie­le Fak­to­ren ste­hen noch nicht fest.“

Streit um Ver­stei­ge­rung Die Bun­des­netz­agen­tur will 2019 die ers­ten Fre­quen­zen für 5G-Net­ze ver­stei­gern, ein Jahr spä­ter als ur­sprüng­lich ge­plant. Au­ßer­dem muss die Be­hör­de noch die Ver­ga­be­be­din­gun­gen fest­le­gen. Das wird in den nächs­ten Mo­na­ten für Streit sor­gen: Die Uni­ons­frak­ti­on im Bun­des­tag und der ver­ant­wort­li­che Ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) plä­die­ren da­für, die Netz­be­trei­ber zu ei­nem schnel­len, flä­chen­de­cken­den 5G-Aus­bau zu ver­pflich­ten. 5G soll auch auf dem Land das In­ter­net be­schleu­ni­gen.

Netz­be­trei­ber wie die Te­le­kom und Vo­da­fo­ne hö­ren sol­che Ide­en nicht gern. Tat­säch­lich er­lau­ben die zur Ver­stei­ge­rung an­ste­hen­den 5GF­re­quen­zen im Ver­gleich zu den für 4G ver­wen­de­ten nur ge­rin­ge Reich­wei­ten. Sie tau­gen al­so eher für Bal­lungs­räu­me als für dünn be­sie­del­te Ge­gen­den. Für ei­nen flä­chen­de­cken­den Aus­bau wä­ren dann deut­lich mehr Sen­de­mas­ten nö­tig, al­so mehr Geld.

Kri­tik an Ver­fah­ren Amets­rei­ter sieht das Auk­ti­ons­ver­fah­ren grund­sätz­lich kri­tisch. „Statt das Geld für 5G-Li­zen­zen aus­zu­ge­ben, wür­de ich es lie­ber in den 5GNetz­aus­bau ste­cken“, sagt er. Bei 3G (be­zie­hungs­wei­se UMTS) ha­be die Ver­stei­ge­rung „mas­siv ge­scha­det“und den Aus­bau ver­lang­samt. Te­le­kom-Chef Ti­mo­theus Hött­ges äu­ßer­te sich vor Kur­zem ähn­lich. Man kön­ne „je­den Eu­ro nur ein­mal aus­ge­ben“.

Hin­ter den Ku­lis­sen wer­den die Pro­vi­der al­so noch mit der Po­li­tik um die Be­din­gun­gen ran­geln. Erst, wenn die­se fest­ste­hen, lässt sich ab­se­hen, wann 5G wirk­lich kommt – und wo­hin.

Statt das Geld für Li­zen­zen aus­zu­ge­ben, wür­de ich es lie­ber in den 5G-Netz­aus­bau ste­cken.

FO­TOS: KUTTER Im Takt: Die Pro­fes­so­ren Ger­hard Fett­weis (li.) und Sa­mi Had­da­din trai­nie­ren dank 5G-Mo­bil­funk meh­re­re Ro­bo­ter syn­chron.

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