„Un­glaub­lich, wie ge­las­sen Löw ge­wor­den ist“

Welt­meis­ter Per Mer­te­sacker über den Druck des Ti­tel­ver­tei­di­gers, die Su­che nach Ma­gie und die schwie­ri­gen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­trai­ners

Hannoversche Allgemeine - - SPORT - Von Hei­ko Os­ten­dorp

Lon­don. Vor vier Jah­ren ge­wann er den WM-Po­kal in Rio de Janeiro. Ab mor­gen kann Per Mer­te­sacker nach drei Teil­nah­men als Spie­ler die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft wie­der als Fan ge­nie­ßen. Dar­auf freut sich der ge­bür­ti­ge Pat­ten­ser, der nach sei­nem Kar­rie­re­en­de das Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum des FC Ar­se­nal in Lon­don lei­tet, be­son­ders. Auf das deut­sche Team schaut der 33-Jäh­ri­ge trotz­dem mit In­ter­es­se, er­zählt er im In­ter­view. Der Plan ist, drei Mo­na­te so fuß­ball­frei wie mög­lich zu ver­brin­gen. Aber klar wer­de ich die deut­schen Spie­le ver­fol­gen. Das Fan­sein auf­le­ben zu las­sen, wel­ches ab­han­den­ge­kom­men ist, wo man selbst da­bei war – dar­auf freue ich mich. Es war vor zwei Jah­ren schon ko­misch bei der EM. Aber die WM ist noch mal was an­de­res, das muss ich zu­ge­ben. Für­mi­chis­tes­me­ga­s­pan­nend­zu­se­hen, wie sich die Mann­schaft wäh­rend des Tur­niers ent­wi­ckeln wird.

Nicht im Ver­gleich, denn die Aus­gangs­la­ge ist ei­ne an­de­re. Die Er­war­tungs­hal­tung ist un­glaub­lich. Man hat das Ge­fühl, dass wir den Ti­tel ver­tei­di­gen müs­sen. Das war vor vier Jah­ren an­ders. Aber es wird span­nend, wie sich die Mann­schaft fin­det, wie man mit Rück­schlä­gen um­geht, wie sich die neu­en Spie­ler ein­fü­gen. Es gab 2014 Mo­men­te, wo wir teil­wei­se schreck­li­chen Fuß­ball ge­spielt ha­ben. Aber wir ha­ben uns da­von nicht aus der Ru­he brin­gen las­sen. Ich hof­fe, dass die Jungs, die schon mal da­bei wa­ren, wis­sen, was vor Ort ab­ge­hen kann. Wie geht man mit Din­gen um, die man nicht be­ein­flus­sen kann? Es wird ei­ne neue Sto­ry ge­schrie­ben wer­den.

Vom Cam­po Bahia muss man weg. Das ist noch in den Köp­fen, aber ganz ehr­lich – da­mals ha­ben wir an­fangs auch ge­dacht: Was ist das denn, ein Ho­li­day­camp? Das hat sei­ne Zeit ge­braucht. Man muss das neue Camp mit Le­ben fül­len. Es wird nie gleich wer­den, aber ich hof­fe, die­ses Ge­fühl, die­se Ma­gie kommt zu­rück.

Es ist mit das Wich­tigs­te. Die­se Mo­men­te, in de­nen man sich fin­det. All die Er­war­tungs­hal­tung, die jetzt auf­ge­baut wird, kann in ei­nem Mo­ment zer­plat­zen. Das war lehr­reich 2014 ge­gen Al­ge­ri­en, als wir fast aus­ge­schie­den wä­ren. Oder als sich Spa­ni­en und Ita­li­en aus dem Tur­nier ver­ab­schie­de­ten und man dach­te: Ups, jetzt geht aber was. Das sind Mo­men­te, die man nicht vor­her­se­hen kann. Dass wir gu­te Vor­aus­set­zun­gen ha­ben, dar­über brau- chen wir nicht zu dis­ku­tie­ren. Aber das bringt dir spä­tes­tens dann nichts mehr, wenn der Ball rollt. Ja. Die­se Mann­schaft ist ja ge­wach­sen. 2006 hat­ten wir 12, 13, die auf Top­ni­veau wa­ren, jetzt je­der, der da­bei ist, und ei­ni­ge, die gar nicht mit­fah­ren. Er ist ex­trem ge­fragt, klar. Aber er ist durch die­sen Ti­tel­ge­winn so ge­las­sen ge­wor­den, das ist un­glaub­lich. Er hat in Bra­si­li­en Ent­schei­dun­gen tref­fen müs­sen, die nicht ein­fach wa­ren – das wird wie­der so sein. Er schreckt da vor nichts zu­rück. Wich­tig wird sein, dass er wie­der so mo­ti­vie­rend wir- ken kann – auf al­le. Dass er al­le wie­der ins Boot holt, die rich­ti­gen Wor­te vor den Spie­len fin­det. Und dann wird es da­von ab­hän­gen, wie man mit Un­wäg­bar­kei­ten um­geht. Zwei St­un­den im Stau hier, drei St­un­den Ver­spä­tung da. Das sind Din­ge, da kann man im Vor­feld noch so viel re­den – da­mit musst du um­ge­hen, wenn es so weit ist. Ge­ra­de in Russ­land. Ge­ra­de wenn du noch kei­ne WM er­lebt hast. Es ist toll, dass wir die­se Si­tua­ti­on ha­ben und sa­gen kön­nen: Dann kommt halt der Nächs­te. Wir fal­len weich mo­men­tan, auch auf der Tor­hü­ter­po­si­ti­on. Den­noch bin ich der Mei­nung, dass Ma­nu­el für den XFak­tor un­glaub­lich wich­tig ist. Er ist ein Cha­rak­ter, den man wäh­rend ei­nes Tur­niers um sich her­um ha­ben will. Als Typ ist er nicht zu un­ter­schät­zen, auf dem Platz oh­ne­hin nicht. Ich er­in­ne­re an das Ach­tel­fi­na­le 2014 ge­gen Al­ge­ri­en oder ans Halb­fi­na­le ge­gen Bra­si­li­en, als er beim Stand von 5:0 drei, vier Bäl­le ge­hal­ten hat, die kein an­de­rer hält.

Herr Mer­te­sacker, für Sie wird es si­cher ein un­ge­wohn­ter Som­mer, vier Jah­re nach dem Ge­winn des WM-Ti­tels in Rio. Ha­ben Sie schon Plä­ne? Im Ver­gleich zu Bra­si­li­en? Wie mei­nen Sie das? Wie wich­tig ist die­ses Ge­fühl? Sa­gen Sie trotz­dem, dass Deutsch­land den wohl bes­ten Ka­der al­ler Zei­ten hat? Joa­chim Löw hat die Qu­al der Wahl … Wie wich­tig ist es aus Ih­rer Sicht, dass Ma­nu­el Neu­er da­bei ist? Vie­le sa­gen ja mitt­ler­wei­le, dass ter Ste­gen ge­nau­so gut ist. Mit Mar­co Reus und Il­kay Gün­do­gan sind zwei Spie­ler zu­rück, die die gro­ßen Tur­nie­re auf­grund von Ver­let­zun­gen ver­passt ha­ben. Kön­nen auch sie ein X-Fak­tor wer­den?

Sind sie fit, sind sie bei­de in der La­ge, bei ei­ner WM zu ex­plo­die­ren – ge­nau sol­che Ener­gi­en brau­chen wir. Das kann dem oh­ne­hin schon be­ste­hen­den Ge­rüst den ent­schei­den­den Schub ge­ben.

Sie ha­ben ge­sagt, dass Sie En­g­land in die­sem Jahr viel zu­trau­en – war­um?

Ent­schei­dend wird sein, wie sie die lan­ge Sai­son über­stan­den ha­ben. Wie frisch ist die Mann­schaft im Som­mer? Das war in der Ver­gan­gen­heit oft das größ­te Pro­blem. Es wur­de viel um­ge­krem­pelt, Ga­reth Sou­th­ga­te hat neue Denk­wei­sen ein­ge­führt. Und sie ha­ben ei­nen tol­len Ka­der. Ir­gend­wann wird der Zeit­punkt kom­men, dass sie den Bock um­sto­ßen. Ich hof­fe fast, dass es nicht in die­sem Jahr der Fall ist.

Sein größ­ter Er­folg als Spie­ler: Per Mer­te­sacker 2014 mit dem WM-Po­kal. FO­TO: DPA

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