Wie geht es jetzt im Rat­haus wei­ter?

Der Ober­bür­ger­meis­ter im Fo­kus der Staats­an­walt­schaft – die HAZ klärt die wich­tigs­ten Fra­gen

Hannoversche Allgemeine - - HANNOVER - Von Andre­as Schin­kel und Karl Do­ele­ke

Die staats­an­walt­schaft­li­chen Er­mitt­lun­gen ge­gen Ober­bür­ger­meis­ter Ste­fan Schos­tok (SPD) und wei­te­re Spit­zen­be­am­te stür­zen die Stadt­ver­wal­tung in ei­ne schwe­re Kri­se. Die Rats­po­li­tik ist fas­sungs­los, füh­ren­de So­zi­al­de­mo­kra­ten hal­ten sich be­deckt. Die HAZ be­ant­wor­tet die wich­tigs­ten Fra­gen zur Rat­hausK­ri­se.

Was be­deu­tet es, dass es jetzt ei­nen An­fangs­ver­dacht ge­gen Schos­tok gibt? Ein An­fangs­ver­dacht be­deu­tet zu­nächst nur, dass die Staats­an­walt­schaft „zu­rei­chen­de tat­säch­li­che An­halts­punk­te“für ei­ne Straf­tat hat, wie es in der Straf­pro­zess­ord­nung heißt. Der An­fangs­ver­dacht ist ei­ne Hür­de, die Be­trof­fe­ne vor Er­mitt­lun­gen auf­grund von rei­ner Ver­mu­tung oder Spe­ku­la­ti­on schützt. Ist die­se Hür­de aber ge­nom­men, gibt es zugleich kein Zu­rück mehr. Die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den müs­sen dann ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren zur Er­for­schung des Sach­ver­halts füh­ren – oh­ne An­se­hen der Per­son. Das ist ein heik­ler Mo­ment im Straf­ver­fah­ren. Als et­wa die Staats­an­walt­schaft Han­no­ver 2012 die Auf­he­bung der Im­mu­ni­tät des da­ma­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Chris­ti­an Wul­ff be­an­trag­te, um ge­gen Wul­ff we­gen Be­stech­lich­keit er­mit­teln zu kön­nen, trat die­ser von sei­nem Amt zu­rück – ob­wohl ja die Un­schulds­ver­mu­tung gilt: Wer ei­ner straf­ba­ren Hand­lung be­schul­digt wird, ist so lan­ge als un­schul­dig an­zu­se­hen, bis sei­ne Schuld in ei­nem öf­fent­li­chen Ver­fah­ren nach­ge­wie­sen ist. Spä­ter wur­de Wul­ff vor dem Land­ge­richt Han­no­ver frei­ge­spro­chen. In Schos­toks Fall kön­ne die Aus­wer­tung der Da­ten aus den Haus- und Bü­ro­durch­su­chun­gen er­ge­ben, dass sich der Ver­dacht nicht er­här­ten lässt, be­tont dar­um Ober­staats­an­walt Tho­mas Klin­ge. „Al­les ist mög­lich.“

Was wird dem OB nun vor­ge­wor­fen? Die Staats­an­walt­schaft geht ei­nem Un­treue­ver­dacht nach. Aus­gangs­punkt sind vor­aus­sicht­lich rechts­wid­ri­ge Ge­halts­zu­schlä­ge für Schos­toks Chef­be­ra­ter Frank Her­bert. Der Ju­rist be­kommt seit 2015 ei­ne Mehr­ar­beits­zu­la­ge von knapp 1400 Eu­ro im Mo­nat. Im ver­gan­ge­nen Jahr wünsch­te sich Her­bert ei­ne wei­te­re Er­hö­hung. Für Spit­zen­be­am­te in der Be­sol­dungs­grup­pe B sind Zu­la­gen aber grund­sätz­lich rechts­wid­rig. „Wie viel hat OB Schos­tok von den mög­li­cher­wei­se un­zu­läs­si­gen Ge­halts­zu­la­gen ge­wusst? Die­ser Fra­ge ge­hen wir jetzt nach“, sagt Ober­staats­an­walt Klin­ge.

Was hat Schos­tok im Fall ei­ner Ver­ur­tei­lung straf­recht­lich zu be­fürch­ten? Un­treue wird mit ei­ner Geld­stra­fe oder ei­ner Haft­stra­fe bis zu fünf Jah- ren Ge­fäng­nis be­straft. Im be­son­ders schwe­ren Fall der Un­treue, wenn der Tä­ter sei­ne Be­fug­nis­se oder sei­ne Stel­lung als Amts­trä­ger miss­braucht, kann die Frei­heits­stra­fe sechs Mo­na­te bis zu zehn Jah­re be­tra­gen.

Wer steht noch im Fo­kus von Er­mitt­lun­gen? Ins­ge­samt gibt es jetzt straf­recht­li­che Er­mitt­lun­gen ge­gen drei Per­so­nen in der Füh­rungs­eta­ge des Rat­hau­ses: OB Schos­tok, OB-Ge­schäfts­be­reichs­lei­ter Frank Her­bert und Kul­tur­de­zer­nent Ha­rald Här­ke. Bei al­len drei­en geht es um den Ver­dacht der Un­treue. Här­ke wird zu­dem noch Ge­heim­nis­ver­rat vor­ge­wor­fen. Er soll in­ter­ne In­for­ma­tio­nen über die Ge­halts­zu­la­gen für Her­bert an Po­li­ti­ker durch­ge­sto­chen ha­ben. Im Dunst­kreis der Rat­haus­af­fä­re rich­tet sich der Fo­kus der Er­mitt­ler noch auf ei­nen vier­ten Spit­zen­be­am­ten, der eben­falls Zu­la­gen zur B-Be­sol­dung kas­siert ha­ben soll. Der Na­me der Per­son ist der HAZ be­kannt. „Die­se Er­mitt­lun­gen sind ge­son­dert zu be­trach­ten“, sagt Staats­an­walt Klin­ge. Hier wer­de nicht ge­gen ei­ne Per­son er­mit­telt, son­dern es ge­he um die Auf­klä­rung von Hin­ter­grün­den.

Gibt es wei­te­re Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten bei der Be­sol­dung von Spit­zen­be­am­ten? Nein. Die Stadt ha­be al­les über­prüft, teilt ein Spre­cher auf An­fra­ge der HAZ mit. „Es gibt ne­ben den bei­den be­kann­ten Fäl­len kei­ne wei­te­ren Be­am­ten der Be­sol­dungs­grup­pe B, die Zu­la­gen er­hal­ten ha­ben“, sagt er.

Wie lan­ge dau­ern die Er­mitt­lun­gen? Die Er­mitt­ler ha­ben Ak­ten, Da­ten­trä­ger und das Smart­pho­ne Schos­toks be­schlag­nahmt. Jetzt wer­ten die Be­am­ten die Da­ten aus. Das kön­ne Wo­chen in An­spruch neh­men, sagt Staats­an­walt Klin­ge.

Muss der OB sein Amt jetzt ru­hen las­sen? Da­zu ist er recht­lich nicht ge­zwun­gen, dass Han­no­ver so nicht wei­ter­ma­chen darf. Die Stadt­spit­ze ist ge­lähmt, nur noch mit sich be­schäf­tigt. Wich­ti­ge Pro­jek­te vom Neu­bau der Feu­er­wa­chen bis zur Mu­se­ums­sa­nie­rung blei­ben nach und nach lie­gen. Und sol­len jetzt, zum Bei­spiel, ernst­haft ein De­zer­nent, dem die Su­s­pen­die­rung droht, und ein Ober­bür­ger­meis­ter, der un­ter dem amt­li­chen Tat­ver­dacht der Un­treue steht, im Na­men der Stadt glaub­haft um den Ti­tel der Kul­tur­haupt­stadt 2025 wer­ben?

Han­no­vers Rat­haus be­stä­tigt knapp fünf Jah­re nach dem En­de der sta­bi­len Ära Ste­phan Weil wie­der mehr und mehr die al­ten Kli­schees von der ver­filz­ten, in­ef­fi­zi­en­ten Trup­pe, die man nicht recht ernst neh­men kann. Es ist ein har­ter Ab­sturz. Wer hält ihn auf? doch CDU und Grü­ne le­gen es Schos­tok na­he. Bei den Grü­nen wach­sen die Vor­be­hal­te ge­gen den OB. Sie er­war­ten, dass er sein Amt für die Dau­er der Er­mitt­lun­gen ru­hen lässt und die Lei­tung der Stadt­ver­wal­tung an sei­ne Stell­ver­tre­te­rin, Wirt­schafts- und Um­welt­de­zer­nen­tin Sa­bi­ne Tegt­mey­er-Det­te (Grü­ne), über­gibt. Ähn­lich re­agiert die CDU. Schos­tok kön­ne jetzt sei­nen Jah­res­ur­laub neh­men, das sei ei­ne ge­sichts­wah­ren­de Lö­sung, mei­nen die Christ­de­mo­kra­ten.

Wie re­agiert die SPD auf die Rat­haus-Kri­se? Ver­hal­ten. So­wohl auf Lan­des­ebe­ne als auch im Rat plä­die­ren die So­zi­al­de­mo­kra­ten da­für, kei­ne vor­ei­li­gen Schlüs­se zu zie­hen und Vor­ver­ur­tei­lun­gen zu ver­mei­den. „Die La­ge ist ernst, das ist uns klar“, mei­nen SPD-Rats­frak­ti­ons­che­fin Chris­ti­ne Kast­ning und SPD-Par­tei­chef Alp­te­kin Kir­ci uni­so­no. Man ver­traue dar­auf, dass sich die Vor­wür­fe al­le auf­klä­ren las­sen. Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) hat sich noch nicht zu ei­nem State­ment durch­ge­run­gen. Nie­der­sach­sens SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tär Alex­an­der Sai­pa teilt mit: „Es gilt jetzt, jeg­li­chen Ver­dacht lü­cken­los auf­zu­klä­ren und schnellst­mög­lich für Klar­heit zu sor­gen.“Of­fen­bar will die SPD nicht kom­plett auf Schos­toks Li­nie ein­schwen­ken. Der ist von sei­ner Un­schuld über­zeugt: „Ich bin si­cher, dass sich die ge­gen mich er­ho­be­nen Ver­dachts­mo­men­te als un­zu­tref­fend er­wei­sen wer­den.“

Was pas­siert jetzt wei­ter mit Her­bert und Här­ke? Schos­tok hat sei­nen Chef­be­ra­ter Frank Her­bert in den Ur­laub ge­schickt. Der­zeit wird ge­prüft, ob er für die Dau­er der Er­mitt­lun­gen vom Amt sus­pen­diert wer­den kann. Schos­tok sucht be­reits ei­nen neu­en Bü­ro­lei­ter. Kul­tur­de­zer­nent Här­ke soll­te ei­gent­lich am Don­ners­tag sei­nes Am­tes ent­ho­ben wer­den. Da­zu ist ein Be­schluss des Ver­wal­tungs­aus­schus­ses nö­tig. Die CDU hat an­ge­droht, die Ent­schei­dung zu ver­ta­gen. Dann wä­re Här­ke noch ei­ne Wo­che län­ger im Amt. Die Ent­schei­dung fie­le am kom­men­den Don­ners­tag, 21. Ju­ni. Kom­mis­sa­risch wür­de Bil­dungs­de­zer­nen­tin Ri­ta Ma­ria Rzy­ski das Kul­tur­de­zer­nat über­neh­men.

Kann Schos­tok zu­rück­tre­ten? Ja, die Nie­der­säch­si­sche Kom­mu­nal­ver­fas­sung räumt ei­nem Haupt­ver­wal­tungs­be­am­ten (OB) das Recht ein, sei­nen vor­zei­ti­gen Ru­he­stand zu be­an­tra­gen (§ 84). Dem An­trag müs­sen drei Vier­tel der Rats­mit­glie­der zu­stim­men. Auch ei­ne Ab­wahl ist mög­lich, je­doch müs­sen drei Vier­tel der Rats­leu­te hin­ter ei­nem Ab­wahl­an­trag ste­hen (§ 82). Wird in der Rats­sit­zung über den An­trag ent­schie­den, müs­sen er­neut drei Vier­tel der Rats­mit­glie­der die Hän­de he­ben.

Ich bin si­cher, dass sich die ge­gen mich er­ho­be­nen Ver­dachts­mo­men­te als un­zu­tref­fend er­wei­sen wer­den. Ste­fan Schos­tok OZerZör­der­meis­ter von HVn­no­ver

FO­TO: DRÖSE

Will hit aei Er­hittl­si:sBe­hö­r­aei koo­ne­rie­rei: OBerB/r:er­he­is­ter Ste­fNi SChos­tok helae­te siCh :es­te­ri ner sChrift­liCher Er­klärsi: zs Wort.

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